Landtag

Strom, der im Norden erzeugt wird, muss auch in Süddeutschland abgenommen werden, findet Baden-Württembergs Umweltminister Untersteller. (Foto: DAPD)

07.09.2012

Bause: "In Bayern herrscht ein heilloses Durcheinander"

Informationsgespräch: Baden-Württembergs grüner Umweltminister Franz Untersteller über die Vorbereitungen zur Energiewende in seinem Bundesland

Viele Köche verderben den Brei. Dieser Meinung ist auch die Fraktionsvorsitzende der Grünen im bayerischen Landtag, Margarete Bause. Zumindest ist sie das, wenn es um das Thema Energiewende geht: Dass in diesem Bereich in Bayern ein „heilloses Durcheinander“ herrsche, kreidet sie – welch Überraschung – zum einen CSU und FDP an. Sie seien sich in dieser wichtigen Angelegenheit uneinig. Zum anderen erachtet sie die Tatsache als problematisch, dass Aspekte der Energiewende in Bayern auf drei Ministerien verteilt sind: auf das jeweils von der CSU geführte Umwelt- und Landwirtschaftsressort sowie auf das FDP-geführte Wirtschaftsministerium. Bause fordert dagegen eine „Bündelung der Zuständigkeit in einem Haus“. Welches das sein soll, ließ sie sich auf einer Pressekonferenz im bayerischen Landtag allerdings nicht entlocken.


Windenergie soll stärker ausgebaut werden


Dafür gab es zu diesem Aspekt einen Erfahrungsbericht. Den lieferte Baden-Württembergs Umweltminister und Bauses Parteifreund Franz Untersteller. „Man unterschätzt das Ressortdenken – unabhängig von politischer Coleur“, nannte er eine negative Auswirkung, wenn ein Themenbereich auf unterschiedliche Ressorts verteilt wird. In seinem Bundesland bewähre es sich jedenfalls, dass für die Energiewende nunmehr allein das Umweltministerium zuständig ist. Zuvor waren auch in Baden-Württemberg dreiHäuser beteiligt.
Untersteller zeigte weitere Gemeinsamkeiten zwischen dem Freistaat und Baden-Württemberg auf: Beide Länder seien sehr stark von der Atomkraft abhängig: seines zu 50 Prozent, Bayern sogar zu 56 Prozent. Gleichzeitig hätten die konservativen Regierungspolitiker in beiden Staaten lange das Thema Windenergie – „die kostengünstigste Quelle überhaupt“ – vernachlässigt.
Das möchte die grün-rote Regierung im „Ländle“ ändern und die äolische Kraft entsprechend ausbauen. Gleichzeitig werde man sich in Stuttgart Gedanken über so genannte Backup-Kapazitäten - also zusätzliche Quellen – machen: „Angedacht sind Verträge mit Wasserkraftbetreibern in Österreich, aber auch abschaltbare Leistung“, zählte Untersteller auf. Dies bedeute kein „Revival der Kohlekraftwerke“, betonte er.

"Ich habe noch nie gehört, dass wir in Bayern Uran schürfen"

Ohnehin glaubt Untersteller – offensichtlich ein Anhänger von Anglizismen – nicht an den „energy-only-Markt“. Soll heißen: In Sachen Energiewende dürfe der Fokus nicht allein auf dem Ausbau der erneuerbaren Energien liegen. Energieeffizienz sei genauso wichtig. So erhielten Hauseigentümer, die ihre Immobilie sanieren, mit 0,7 Prozent Zins die deutschlandweit günstigsten Darlehen. Aber auch den Bereich der so genannten smart grids (siehe Infokasten) gelte es stärker zu berücksichtigen. Davon abgesehen, sei es unrealistisch, wenn einzelne Bundesländer den energieautarken Status anstrebten: Der Ausbau der Windkraftparks in Norddeutschland mache nur Sinn, wenn gewährleistet sei, dass auch im Süden der Republik diese Energie abgenommen werde. Eine verengte regionale Sicht verbiete sich jedenfalls.
„Energieautarkes Bayern“ ist ein über Parteigrenzen hinweg beliebter Slogan. Dafür hat Margarete Bause indes nur Spott übrig: „Ich habe noch nie gehört, dass wir in Bayern Uran schürfen oder große Mengen Gas produzieren“, sagte sie. Ihre Fraktion setze lieber auf den Ausbau der Windenergie, die Modernisierung der Verteilernetze sowie Konzepte für dezentrale Speicherung und Ersatzkapazitäten.
(Alexandra Kournioti)

Info: Smart grids - das intelligente Stromnetz

Die Idee hinter smart grids: Sämtliche Akteure auf dem Strommarkt – private Kunden, kleine und große Anbieter – ergeben ein Gesamtsystem. Dieses beinhaltet Erzeugung, Speicherung, Netzmanagement und Verbrauch. Das Zusammenwirken dieser vier Ebenen hat vor allem ein Ziel: Es soll nur so viel Strom produziert werden, wie gerade gebraucht wird.
Was die Verbraucher besonders interessiert: Auch die Stromzähler dieser Zukunftstechnologie sollen clever sein – sie heißen smart meter – und den Geldbeutel der Konsumenten schonen: indem sie die innerhalb eines Tages schwankenden Preise berücksichtigen können. Dazu müssten allerdings alle konventionellen Stromzähler gegen Geräte ausgetauscht werden, die zur Datenfernübertragung geeignet sind. Nicht nur wegen dieses notwendigen Austausches gelten smart grids als teuer. Sie setzen auch bei den Verbrauchern einiges voraus wie neuwertige Elektrogeräte – beispielsweise Waschmaschinen, Geschirrspüler und Wasserboiler –, die ihre Energie hauptsächlich und automatisch während der Niedertarif-Zeiten beziehen.
Darüber hinaus sind smart grids technisch hochkompliziert. Kritiker monieren deshalb, es könne zu größeren Stromausfällen kommen. Um das zu vermeiden, plädieren Befürworter wie Ludwig Wörner, umweltpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion in Bayern, dafür, dass smart grids regional und dezentral bleiben. Im Oktober 2009 hatte er eine Veranstaltung zu smart grids, die sich in verschiedenen Ländern in der Pilotphase befinden, im bayerischen Landtag organisiert. (aki)

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Kommentare (1)

  1. Energienerd am 12.09.2012
    "Energy-only-Markt" ist ein feststehender Begriff aus der Elektrizitätswirtschaft und wird in dem obigen Artikel völlig falsch verwendet. Unser heutiges Strommarktdesign basiert auf einem energy-only-Markt. Danach werden Kraftwerksbetreiber ausschließlich für die in ihren Kraftwerken erzeugte Energie vergütet. Das Gegenstück dazu wäre ein Kapazitätsmarkt, bei dem nicht nur das Erzeugen von Energie, sondern auch das bloße Bereitstellen von Kraftwerksleistung vergütet werden würde.

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