Landtag

Ein (fast noch) unbekanntes Wesen: In Bayern ist nicht einmal jeder fünfte Professor weiblich. (Foto: dpa)

14.10.2016

"Champions League? Schon eher Kreisklasse!"

Der Freistaat ist überall spitze, das ist der Anspruch der CSU – in Sachen Geschlechtergerechtigkeit an Bayerns Unis allerdings zeigt sie wenig Ehrgeiz

Bayern muss in jeder Hinsicht in der Champions League spielen – das betont die CSU gerne. „Warum aber gebt ihr euch beim Thema Frauen dann mit der Kreisliga zufrieden“, fragte die SPD-Abgeordnete Isabell Zacharias im Hochschulausschuss. Doch ihr „Angebot“, wie die Gleichstellung an Bayerns Unis endlich vorangebracht werden könnte, fand bei den CSU-Abgeordneten keinen Anklang. Alle acht Anträge zu mehr Chancengleichheit an den Unis –  drei kamen von den Grünen – lehnten sie ab.

Dabei gibt man auch in der Regierungspartei offen zu: Mit der Geschlechtergerechtigkeit in der Wissenschaft ist es nicht weit her. Nicht einmal jeder fünfte Professor in Bayern ist weiblich (siehe Infokasten). „Wir brauchen mehr Frauen, das ist völlig unstrittig“, sagte Ausschuss-Vize Oliver Jörg (CSU). Aber die „spannenden Ideen von Grünen und SPD“ könne man ja immer noch mal in zwei, drei Jahren diskutieren, wenn bis dahin nichts passiert sei. „Denn die Entwicklung ist ja nicht so schlecht“, betonte Jörg. Der Anteil der Professorinnen habe sich von 2000 bis 2013 von 6,3 Prozent auf 17,2 Prozent erhöht. Aktuell sind es knapp 18,7 Prozent – noch weniger als der magere Bundesdurchschnitt von 23 Prozent.

Freiwillig passiert nichts

Die spannenden Ideen von SPD und Grünen, um das zu ändern: unter anderem verbindliche Frauenquoten für Berufungsausschuss und Hochschulrat. Einheitliche Zielvereinbarungen samt Zeitplan und Sanktionsmöglichkeiten. Und eine gesetzliche Mitgliedschaft der Frauenbeauftragten in der Hochschulleitung. Verena Osgyan (Grüne) brachte zudem eine Zielquote für den Anteil von Professorinnen ins Spiel – fächerbezogen nach dem Vorbild des im nordrhein-westfälischen Hochschulgesetz verankerten Kaskadenmodells. Dort richtet sich die Höhe der Quote nach dem Anteil der qualifizierten Frauen im jeweiligen Fach. „Die Erfahrung zeigt, freiwillige Regelungen bringen nichts“, so Osgyan. Sie forderte: „Wir können doch nicht eine weitere Generation von Frauen im Regen stehen lassen.“ Zacharias ergänzte: „Uns geht durch mangelnde Förderung die Hälfte der potenziell für eine Professur geeigneten Frauen verloren.“ In ihren Augen eine immense Gefahr für den Hochschulstandort Bayern.

Erstaunlich heftig reagierte Michaela Kaniber (CSU) auf die Anträge von SPD und Grünen: „Was für ein Korsett Sie den Hochschulen auferlegen wollen, finde ich fast unverschämt.“ Man solle das Thema doch bitte den Hochschulen selbst überlassen. Ihr CSU-Kollege Jörg indes betonte: Natürlich werde man als CSU-Fraktion Konsequenzen bei Nichteinhaltung von Zielvorgaben einfordern. „Und das können durchaus auch monetäre sein.“

Allerdings: Die aktuellen Zielvereinbarungen enthalten je nach Hochschule ganz unterschiedliche Schwerpunkte – ohne eine verbindliche Formulierung der Ziele, wie Osgyan berichtete. „Ich kenne auch keinen einzigen Fall, in dem bislang Konsequenzen folgten“, betonte Zacharias. Auch Ausschusschef Michael Piazolo (Freie Wähler) erklärte, dass die Hochschul-Autonomie Grenzen habe, seine Fraktion unterstützte die Anträge, in denen es um Sanktionsmöglichkeiten oder eine verbindliche Quote ging, indes nicht. Warum? „Wir Freien Wähler lehnen fixe Quoten ab“, so die knappe Erklärung. Andere Punkte wie Zielquoten nach dem Kaskadenmodell oder auch eine bessere Ausstattung der Frauenbeauftragten fanden die Zustimmung der Freien Wähler.

Die CSU dagegen wollte sich nicht einmal auf eine regelmäßige Erstellung eines Genderreports zur Gleichstellung einlassen. Mutig war deshalb Jörgs Fazit: „Wir sind uns in der Zielrichtung doch einig – da bringt keiner ein Jota zwischen Regierungspartei und Opposition.“ Prompt kam die Antwort von Osgyan: „Nein, denn es ist ein Graben.“ (Angelika Kahl)

INFO: Frauen an Bayerns Hochschulen
Der Anteil der Frauen, die an Bayerns Hochschulen studieren, beträgt nahezu die Hälfte. 2014 und 2015 nahmen sogar mehr Frauen als Männer im Freistaat ein Studium auf. Und auch der Frauenanteil unter den Nachwuchswissenschaftlern, die an Bayerns Universitäten promoviert werden, ist mittlerweile hoch: 2013 lag er bei gut 45 Prozent. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 lag er noch bei 33 Prozent.

Doch danach scheint die Luft an Bayerns Hochschulen für Frauen äußerst dünn zu werden: Der Anteil der Frauen unter den Wissenschaftlern, die sich habilitieren, lag 2013 bei nur mehr 28 Prozent. Und nur rund 17 Prozent der Professuren waren mit Frauen besetzt.
2015 lehrten und forschten 1 254 Professorinnen und 5 466 Professoren an Bayerns Hochschulen. Damit wurde nicht einmal jede fünfte Professur (18,7 Prozent) von Frauen wahrgenommen. Im Bundesdurchschnitt waren es 23 Prozent.

Dabei ist die Verteilung über die Fächer hinweg sehr unterschiedlich: 36,3 beziehungsweise 15,9 Prozent der Professorinnen lehrten und forschten in den Fächergruppen Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Geisteswissenschaften. Bei den Professoren lagen die entsprechenden Werte bei 24,2 beziehungsweise 8,9 Prozent. Gut jede vierte der Professorinnen (25,7 Prozent) hatte einen Lehrstuhl in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) inne. Seit 2009 erhöhte sich damit der Anteil der Professorinnen in diesem Bereich von 8,6 auf 11,1 Prozent. (AKA)

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