Landtag

Arbeitnehmer in der Automobilindustrie sind in der Regel gewerkschaftlich gut organisiert. (Foto: DDP)

12.03.2010

Den neuen Arbeitnehmer-Typus gewinnen

Ex-DGB-Chef Fritz Schösser über Bedeutung und Zukunftsperspektiven von Arbeitnehmervertretungen

Werden Gewerkschaften in Zukunft überflüssig? Oder könnten sie in Zeiten der Wirtschaftskrise eine Renaissance erleben? Müssen sie dazu ihre Mechanismen ändern und ihren Wirkungskreis erweitern? Wie sehen mögliche neue Ziele und – unabdingbar für die Existenz von Gewerkschaften – Utopien aus? Fragen wie diese wurden beim 38. Akademiegespräch im Senatssaal des Landtags erörtert. Die in Kooperation mit der Tutzinger Akademie für politische Bildung organisierte Gesprächsreihe trug diesmal den Titel „Gewerkschaften heute – Aktuelle Bedeutung und Zukuftsperspektiven“. Akademie-Direktor und Politologe Heinrich Oberreuther hatte zu diesem Thema Fritz Schösser eingeladen. Letzterer war bis vor vier Wochen Vorsitzender des DGB-Landesbezirks Bayern. Diesen Posten hatte er 20 Jahre, insgesamt 42 Jahre war der heute 62-Jährige hauptamtlich für die Gewerkschaft aktiv. „Ein durchsetzungskräftiger Gewerkschafter, der im Umgang stets menschlich und anständig ist“, so hat Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) Schösser erlebt. Dass er aber auch einer sei, „der jederzeit dazu in der Lage ist, einen Streit vom Zaun zu brechen“, daran erinnerte Oberreuther. Beide Seiten hat der derart Prononcierte während seines Referats aufscheinen lassen. Wer indes damit gerechnet hatte, dass Schösser die guten alten Zeiten wortreich verklären und dagegen Gegenwart und Zukunftsaussichten nur oberflächlich streifen würde, hatte sich getäuscht. Ohne den didaktischen Zeigefinger zu erheben – wie es viele Altvordere im Ruhestand gern tun –, entwarf er ein komplexes Bild einer Arbeitswelt im stetigen Wandel: kritisch mit sich selbst, den Gewerkschaften und der Arbeitgeberseite. Gleichzeitig ließ Schösser jedoch keinen Zweifel daran aufkommen, dass Gewerkschaften auch künftig für Arbeitnehmer unverzichtbar sein werden. Mit seiner eindringlichen Donnerstimme sorgte der ehemalige Industriekaufmann für einen Hauch 1. Mai-Atmosphäre im bayerischen Landtag. „Gewerkschaften sind ein integraler Bestandteil der Demokratie“, sagte Schösser, der aus der oberbayerischen Arbeiterstadt Töging am Inn stammt. Dies hochzuhalten, sei gerade jetzt von großer Bedeutung. Man dürfe nämlich nicht zulassen, dass die „Kapital- und Vermögensbesitzer nach Gutdünken ihre Macht ausspielen“. Die viel gerühmte freie und soziale Marktwirtschaft sei schon längst nicht mehr frei und entwickle sich immer weniger sozial. In so einem Klima sei es nicht verwunderlich, dass immer mehr Beschäftigte in Deutschland jenseits des sozialen Sicherheitsbereichs arbeiten: Mehrarbeit, Arbeitszeitkonten, vor allem aber Leiharbeit und freie Mitarbeit seien Erscheinungsformen, in denen oft hochqualifizierte Arbeitnehmer ausgenutzt würden. „Noch Mitte der 1980er Jahre war es undenkbar, dass jemand nicht in dem Betrieb beschäftigt ist, in dem er arbeitet“, sagte Schösser. Diese zunehmende Prekarisierung sei eine „Waffe gegen die Möglichkeiten der Gewerkschaft“. So könnten beispielsweise Betriebsräte keine Rechte für freie Mitarbeiter fordern, weil diese gar keinen Betriebsrat mitbestimmen dürfen. Dass dieser Status Quo nur der Profitgier und dem einseitigen Renditedenken von Managern geschuldet ist, wäre zu eng gedacht. Die Arbeitnehmervertretungen haben derlei bedenkliche Entwicklungen zu spät erkannt. Schösser sieht das offenbar ebenso: „Die Gewerkschaften haben in der Vergangenheit ihre Arbeit zu stark auf die Tarifpolitik fixiert“, gab er zu. Zwar seien dadurch tatsächlich höhere Gehälter vereinbart worden. Allerdings: „Durch eine ungerechte Sozial- und Steuerpolitik ist den Arbeitnehmern dieses Geld hintenrum wieder aus ihrer Tasche gezogen worden.“ Seit Jahren leiden die Gewerkschaften unter Mitgliederschwund, und auch ihr politischer Einfluss ist geringer geworden. Es wäre zu einfach, die Verantwortung dafür einzig den Politikern zuzuschieben. Das weiß auch Schösser und plädiert für Aktion und Selbstbewusstsein: Die Gewerkschaften müssten die Unternehmerseite wieder mehr auf ihre soziale Verantwortung ihren Arbeitgebern gegenüber aufmerksam machen. Die besten Erfolge erzielen die Gewerschaften in gut organisierten Betrieben. Beispielsweise in Großbetrieben der Automobilindustrie sind bis zu 80 Prozent der Mitarbeiter Gewerkschaftsmitglieder. Diese Macht an der Basis dürfe aber nicht dazu führen, sich nur auf solche Betriebe zu konzentrieren. Auch habe man in der Vergangenheit zu viele „Abwehrkämpfe“ geführt und sich nicht ausreichend um die Verbesserung von Arbeitsbedingungen gekümmert. Dies müsse in Zukunft vermehrt geschehen. Vor allem aber gelte es, mit differenzierten Modellen auf die diversen Lebensentwürfe der Arbeitnehmerschaft einzugehen. „Es gibt den Typus, der sich selbst verwirklichen will, es gibt den Typus, der mehrere Arbeitsplätze hat und vieles mehr“, sagte Schösser. Was es allerdings nicht mehr gebe, sei der seit Generationen „gewerkschaftsnahe Arbeitnehmer“. Dessen Stelle habe längst der „gewerkschaftsferne Angestellte“ eingenommen. Und diesen gelte es als Mitglied zu gewinnen. Auch indem man auf Erfolge der Gewerkschaften hinweise. „Hätten die keinen Urlaub und kein Urlaubsgeld erstritten, könnte die Touristikbranche keine Millionengewinne verzeichnen“, nannte Schösser ein Beispiel. Zweifelsohne der überzeugendste Beitrag Schössers betraf jedoch seine eigene Person: Von 1994 bis 1998 war er Bundestagsabgeordneter. Damals stimmte er der Hartz-IV-Gesetzgebung zu. „Ein großer Fehler“, den er begangen habe, „damit ein Kanzler meiner Fraktion nicht den Hut nehmen und gehen musste“. Ein Jahr nach dieser Entscheidung für Gerhard Schröder (SPD) zog Schösser die Konsequenzen aus seinem Votum, nahm seinen symbolischen Hut und ging. Dass er auch ohne hohes Amt präsenter ist als so mancher hohe Funktionsträger, hat er beim Akademie-Gespräch unter Beweis gestellt.

(Alexandra Kournioti)

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