Landtag

Ausländische Ärzte könnten dazu beitragen, den Medizinermangel in Deutschland zu kompensieren.(Foto DDP)

21.05.2010

Der ausländische Arzt hat’s schwer

Trotz Fachkräftemangel werden Zeugnisse und Diplome aus anderen Ländern in Deutschland oft nicht anerkannt

Polnische Ärztinnen putzen deutsche Wohnungen, türkische Ingenieure fahren Taxi, russische Krankenschwestern sitzen hierzulande an der Supermarktkasse: Dass in Deutschland trotz Fachkräftemangel viel akademisches Wissen und berufliche Qualifikation verloren gehen, ist ein offenes Geheimnis. „Insbesondere Drittstaatsangehörige haben es schwer, dass ihr akademischer Grad anerkannt wird, wenn sie ihn im Ausland erworben haben“, sagte Stephan Schiele, Geschäftsführer des Vereins MigraNet, auf einer Veranstaltung der SPD-Landtagsfraktion. Diese trug den Titel „Jung, gebildet, ausgegrenzt – für eine bessere Integration von Migranten und Migrantinnen in den Arbeitsmarkt“. Nach einer aktuellen Umfrage der bayerischen Industrie- und Handelskammer können derzeit 24 Prozent der Unternehmen ihre offenen Stellen nicht besetzen. In der Industrie und bei Dienstleistern liege der Fachkräftemangel bei rund 30 Prozent. Das Bundesarbeitsministerium wiederum schätzt, dass mehr als die Hälfte der etwa 800 000 Zuwanderer mit einem Uni-Abschluss in Deutschland unterhalb ihres Niveaus beschäftigt sind. Vor diesem Hintergrund beklagte Schiele, dass es für die Anerkennung von Schul-, Ausbildungs- und Hochschulabschlüssen aus dem Ausland keine einheitlichen Kriterien gibt. So werde beispielsweise nach Aufenthaltstiteln sowie nach Herkunft zwischen Spätaussiedlern, EU-Mitgliedern und Drittstaatsangehörigen unterschieden. Auch variierten die Maßstäbe von Bundesland zu Bundesland stark. „Was in Rheinland-Pfalz akzeptiert wird, geht in Bayern noch lange nicht durch“, sagte Schiele, dessen Verein sich für die bessere berufliche Integration von Ausländern einsetzt. Für die Zuwanderer wiederum sei es schier unmöglich, sich in dem Chaos divergierender Regelungen zurechtzufinden. „Das belegt auch die Studie ,Brain Waste’, die wir im Jahr 2008 zu diesem Thema herausgegeben haben“, sagte Schiele. Bestätigt wurde er von Isabell Zacharias, integrationspolitischer Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion. Viele Zuwanderer würden sich an das bayerische Kultusministerium wenden, um ihre schulische Ausbildung anerkennen zu lassen. Da dieses Ressort jedoch nicht für die berufliche Anerkennung zuständig sei, gingen viele davon aus, dass ihre ausländische Ausbildung im Freistaat gar nicht anerkannt wird. „Wir tun viel zu wenig, um die klugen Köpfe zu halten“, sagte Zacharias. Ein lebender Beweis für Zacharias’ Worte ist Levent Karadag, Ehrenpräsident des türkisch-deutschen Studentenbunds. Der Ingenieur hat neben einem türkischen Bachelor-Abschluss auch einen deutschen Bachelor sowie einen Diplomgrad. Dennoch ist er zurzeit arbeitslos. Dabei hatte Karadag 2001 erfahren, dass in Deutschland händeringend Ingenieure gesucht werden. Daraufhin kündigte er seinen Job in Istanbul und zog nach Deutschland. Hier aber wurde sein türkischer Abschluss nicht anerkannt. Daraufhin nahm Karadag ein Doppelstudium an der Technischen Universität (TU) München auf. Seine Diplomnote 1,7 kann sich sehen lassen – und hilft ihm dennoch nicht weiter: „Ein Arbeitgeber möchte mich nur einstellen, wenn ich eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung habe. Die aber bekomme ich erst, wenn ich fünf Jahre in Deutschland beschäftigt war“, beschreibt er den Teufelskreis, in dem er sich derzeit befindet. Sein Versuch, sich einbürgern zu lassen, sei wiederum daran gescheitert, dass er arbeitslos ist. Zurzeit unterrichtet Karadag ehrenamtlich türkische Schüler und engagiert sich beim türkisch-deutschen Studentenbund. Dort gibt es viele Schicksale wie das von Karadag. Dabei werden Menschen wie er auf dem deutschen Arbeitsmarkt dringend gesucht. Laut SPD-Berechnungen blieben im Jahr 2008 allein in Bayern 13 300 Ingenieursstellen unbesetzt. Aufgrund dieses Mangels seien der Volkswirtschaft im Freistaat im Jahr 2009 rund 3 Milliarden Euro an Wertschöpfung entgangen. „Die Wirtschaft ruft nach Anerkennungsverfahren und nach Fachkräften“, resümiert Bernhard Roos, industriepolitischer Sprecher der SPD. In Zukunft müsse man unbedingt daran arbeiten, dass die beruflichen Aufstiegschancen von ausländischen Arbeitnehmern steigen. Vor allem gelte es Migrantinnen zu motivieren, sich in den Arbeitsprozess zu integrieren. Ende dieses Jahres soll dem Bundestag in erster Lesung ein neues Gesetz zu den Anerkennungsverfahren ausländischer Abschlüsse vorgelegt werden; bis Mai 2011 soll die Norm in Kraft treten. Als Ziel hat man sich gesetzt, die Anerkennungsverfahren für ausländische Abschlüsse zu vereinfachen. Dazu will die bayerische SPD auf Landesebene mit zwei Anträgen beitragen: Zum einen soll dem Landtag jährlich ein Bericht über die Integration von Arbeitnehmern mit Migrationshintergrund auf dem bayerischen Arbeitsmarkt vorgelegt werden. In dem Konvolut sollen Daten beispielsweise über Herkunft und Abschlüsse der nach Bayern zugewanderten Fachkräfte veröffentlicht werden. Derlei Material gibt es bislang bundesweit nicht. Zum anderen möchten die Sozialdemokraten einen bayerischen Weiterbildungspakt für eine bessere Integration von Migranten auf dem Arbeitsmarkt initiieren.

(Alexandra Kournioti)

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