Landtag

Ingenieure aus Deutschland sind auf der ganzen Welt gefragt. (Foto: ddp)

27.08.2010

Der Ingenieur hat's schwör

CSU will den Diplom-Ingenieur behalten – Wissenschaftsminister Heubisch (FDP) sperrt sich

Eine Bilanz zur Hochschulpolitik hat Bernd Sibler (CSU), Vorsitzender des Hochschulausschusses im bayerischen Landtag, genutzt, um einer Forderung seiner Fraktion Nachdruck zu verleihen: Die Christsozialen wollen den Titel des Diplom-Ingenieurs, der im Zuge der Bologna-Reform weggefallen ist, im Master-Zeugnis erhalten. Sibler sieht sich und seine Mitstreiter von den technischen Universitäten auf einem positiven Weg, das zu erreichen: „Wir werden zu einer guten Lösung kommen, denn dieser Titel beschreibt auch im Ausland deutsche-Ingenieurskunst wie kein anderer“, sagte er.


Zudem deutete er an, dass mittlerweile auch Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) entgegen bisheriger Äußerungen zu einem Erhalt des Diplom-Ingenieur-Titels tendiere. Davon kann offenbar nicht die Rede sein, denn die Antwort aus dem Ressort des Koalitionspartners kam postwendend und ist eindeutig: „Entgegen von in der CSU geäußerten Stimmen“ dürften Absolventen von Masterstudiengängen den akademischen Grad „Dipl. Ing.“ nicht zusätzlich oder im Wechsel mit dem Mastergrad führen. Grundsätzlich gelte: „Ein Abschluss, ein Grad.“ Klartext: Absolventen der Ingenieurwissenschaften dürfen nur den Mastergrad führen.
Eine formale Rückkehr zu den alten Abschlussbezeichnungen gefährde den Bachelorabschluss als ersten berufsqualifizierenden Abschluss, findet Heubisch. „Es wäre im Hinblick auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit unserer Hochschulabsolventen ein nicht hinnehmbarer Rückschritt“, argumentiert der Minister.
Indes bestätigt die Technische Universität München (TUM) Ingenieuren in der Urkunde über die Verleihung des akademischen Grades die Äquivalenz des Mastergrades mit den alten Abschlüssen in den Diplomstudiengängen. Sibler reichte die Kopie eines entsprechenden Zeugnisses herum. Dass Heubisch dieses Vorgehen der TUM wiederum für „eine sehr gute Lösung, die ich ausdrücklich gebilligt habe“ hält, verwirrt allerdings.
Der Erhalt des Diplom-Ingenieur-Titels würde laut Sibler für ein stärkeres Alumni-Bewusstsein sorgen. Dass auch für andere Fachrichtungen eine Rückkehr vom Master- zum Diplom-Titel gefordert werden könnte, befürchtet der Hochschulpolitiker aber nicht: „Der Titel Diplom-Kaufmann hatte noch nie den Klang, den der des Diplom-Ingenieurs nach wie vor hat“, findet er. Letzterem sei in der Vergangenheit in der Öffentlichkeit stets eine „besondere Wahrnehmung“ zuteil geworden.
Die Opposition zeigt sich genervt von der Diskussion: „Eine Geisterdebatte“, so beurteilt Isabell Zacharias, hochschulpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, die CSU-Argumente zum Diplom-Ingenieur. Sie lenke von den eigentlichen Problemen der bayerischen Universitäten und Fachhochschulen ab: „Das zeigt doch nur, dass sich die Präsidenten der Hochschulen mehr mit alten Titeln als mit der chronischen Unterfinanzierung ihrer Universitäten auseinandersetzen“, sagte sie in Anspielung auf die von der TUM ausgestellten Zeugnisse für Ingenieure. „Die TU verfügt über genügend andere Alleinstellungsmerkmale, als dass sie einen alten Titel reanimieren müsste“, argumentiert Zacharias.
Entscheidend sei, was die Absolventen könnten. Um ihnen entsprechende Fertigkeiten zu vermitteln, täten CSU und Staatsregierung gut daran, sich in der Hochschulpolitik „endlich für mehr Qualität einzusetzen und nicht nur über Labels zu debattieren“.
Auch Michael Piazolo, hochschulpolitischer Sprecher der Freien Wähler im Landtag, sieht keinen Anlass, „sich von Teilen der Bologna-Reform zu verabschieden“. Den Vorschlag der CSU bezeichnet er als „unausgegoren und unkoordiniert“.
Piazolo vermutet, der Verstoß sei weder mit der Staatsregierung noch mit den Hochschulen abgesprochen. Auch müsse eine bundesweit einheitliche Lösung gefunden werden. In jedem Fall konterkariere man die Ziele des Bologna-Prozesses. Zudem gab Piazolo zu bedenken, dass Mediziner und Rechtswissenschaftler entgegen der Bologna-Vereinbarungen nach wie vor Staatsexamina ablegten. Auch dies bedürfe einer Reform.


Streit um des Kaisers Bart


Zanken sich welche um belanglose Dinge, die obendrein häufig nicht gelöst werden können, spricht man vom Streit um des Kaisers Bart. An diesen fühlt sich die hochschulpolitische Sprecherin der Grünen Ulrike Gote erinnert. „Die Diplom-Ingenieur-Diskussion ist rückwärtsgewandt und völlig überflüssig“, sagte sie. Damit werde lediglich von den „tatsächlichen Problemen der bayerischen Hochschullandschaft abgelenkt“.
Sie selber habe in der Vergangenheit bedauert, dass die Diplom- und Magister-Studiengänge abgeschafft wurden. „Aber jetzt ist das nun mal so“, sagte sie. Mit dem Zeugnis, das die TUM den Ingenieuren ausstellt, hat sie allerdings keine Probleme.(Alexandra Kournioti)

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