Landtag

Molotow-Cocktails auf dem Kairoer Tahrir-Platz – je nachdem, wie sich die Lage in Ägypten entwickelt, könnten solche erneut geworfen werden (Foto: DAPD)

15.06.2012

"Die haben nicht genug Munition, um alle umzubringen"

Eurospektiven: Der Politologe Hamed Abdel-Samad über„Ägypten am Wendepunkt? Der Ausgang der Präsidentschaftswahl und die Folgen für Nordafrika und den Nahen Osten“

Punkt 14 Uhr hatten die jungen Revolutionäre via E-Mail zur Demonstration eingeladen. Auf dem Weg zum Kairoer Tahrir-Platz wurden sie von Sicherheitskräften beschossen. „Wir hatten Angst“, berichtete der Augenzeuge Hamed Abdel-Samad im bayerischen Landtag. Eine Frau sei es gewesen, die sie an jenem Tag im Februar 2011 ermuntert habe, weiterzumarschieren. „Sie sagte: ,Die haben nicht genug Munition, um uns alle umzubringen’“, erzählte der Politologe.

Aufklärung zwischen Gutenberg und Zuckerberg

Im Rahmen der Diskussionsreihe „Eurospektiven“ der SPD-Landtagsfraktion referierte der 39-Jährige über „Ägypten am Wendepunkt? Der Ausgang der Präsidentschaftswahl und die Folgen für Nordafrika und den Nahen Osten“. Eine Erzählung habe er vorbereitet, keinen Fachbeitrag. Plastisch schilderte er das prä- und das postrevolutionäre Ägypten. Rhetorisch gewieft hat Abdel-Samad es verstanden, das Publikum zu gewinnen: Mehrfach gab es Applaus. Zustimmung fand beispielsweise diese Aussage des Buchautors: „Bei den Präsidentschaftswahlen muss das Volk zwischen Pest und Cholera entscheiden.“ Bei der Stichwahl am 17. Juni treten Mohammed Mursi und Ahmad Schafiq an: Mursi wird von der konservativen Moslembrüderschaft unterstützt. Shafiq gilt als Gefolgsmann des inzwischen verurteilten Präsidenten Hosni Mubarak.
Bei den Parlamentswahlen hatten die Moslembrüder 48 Prozent der Stimmen errungen. Ob ihr Präsidentschaftskandidat nun ähnlich überragend abschneiden wird, ist laut Abdel-Samad unsicher. Dass die Islamisten in der Bevölkerung stark verwurzelt sind, sei historisch nachvollziehbar: Im Gegensatz zu den anderen Oppositionsparteien hätten die Strenggläubigen seit jeher üppige Geldspenden aus dem Ausland annehmen dürfen, wovon sie unter anderem karitative Anlaufstellen für die Bürger finanzieren. All dies habe Ex-Premier Mubarak durchaus goutiert – aus taktischen Gründen: „Um die Moslembrüder für den Westen sichtbar zu machen und sich selbst als einzige Alternative zu präsentieren“, analysierte Abdel-Samad. Allerdings fordert er nicht, dass islamistische Gruppierungen verboten werden: „Im Sinne der Demokratie muss man sie zulassen, auch wenn sie eine religiöse Färbung haben.“
Was den Urnengang betrifft, schließt Abdel-Samad nicht aus, dass in Ägypten ein Machtvakuum entstehen könnte: „Der Militärrat organisiert die Wahlen und wird dafür sorgen, dass nicht dieselbe Partei die Mehrheit im Parlament hat und den Präsidenten stellt.“
Vor diesem Hintergrund drängt sich die Frage auf: Ist mit der Revolution im vergangenen Jahr überhaupt etwas bewirkt worden? „Die Entwicklung demokratischer Prozesse ist langwierig“, lautet Abdel-Samads Antwort. Auch in Deutschland habe die Demokratie zwischen 1849 und 1949 auf sich warten lassen. Und das, obwohl 1848 aufständische Jugendliche auf die Straße gegangen seien und erstmals im hessischen Frankfurt ein Parlament tagte.
Die 2011er-Revolte in Ägypten sei nicht mit der Französischen Revolution vergleichbar: „Die intellektuelle Vorarbeit in Form von Aufklärung durch Denker wie Voltaire fehlt in den arabischen Staaten“, beobachtet Abdel-Samad, der einen Wohnsitz in Kairo hat. Überhaupt sei die Aufklärung im Orient zu kurz gekommen. Vor 500 Jahren habe der Buchdruck Europa nach vorne katapultiert: „Wissens- und Informationsmonopole wie das der Kirche wurden aufgehoben, weil die Menschen sich endlich mit Büchern ihrer Wahl selber bilden konnten.“ In der arabischen Welt dagegen seien die Druckplatten für lange Zeit von den Geistlichen abgelehnt worden, um nicht die Interpretationshoheit über den Koran zu verlieren. Ergo: „Wir haben die Aufklärung zwischen Gutenberg und Zuckerberg verpasst“, sagte Abdel-Samad.

"Erdöl kann man nicht trinken"

Den Namen des Facebook-Gründers Zuckerberg verwendete der Ägypter als Synonym für das Internet. In diesem gelange die junge Generation der Araber an Informationen, die ihre Sichtweise verändere und ihren Widerspruchsgeist fördere. Beispielsweise habe man mit Erstaunen gelesen, dass in den USA der Sohn kenianischer Einwanderer ins höchste Amt des Staats gewählt wurde: „Da haben wir uns schon gefragt, warum es bei uns sogar Angehörige der Mittelschicht schwer haben, ein politisches Amt zu erlangen.“
Dass aus Ägypten ein abgeschotteter Gottesstaat à la Syrien werden könnte, befürchtet er indes nicht. „Wir haben anders als dieser Staat kein Erdöl, mit dem wir unsere Bevölkerung ernähren können. Wir sind auf ausländische Investitionen angewiesen.“ Für solche warb Abdel-Samad. Er fordert Solar-Großprojekte: „Wo sollte man diese entwickeln, wenn nicht in Nordafrika, wo 320 Tage im Jahr die Sonne scheint?“ Mehr als der Islamismus könnte seiner Meinung nach ein wirtschaftlicher Zusammenbruch Ägyptens zu blutigen Aufständen führen: Längst finanziere sich das Land von seinen Reserven an Fremdwährung: „Aber die sind zu Zweidritteln aufgebraucht.“
Schließlich verwies Abdel-Samad auf einen Missstand, den vor einigen Wochen bereits Nahost-Experte Peter Scholl-Latour im Landtag beklagte: „Saudi-Arabien ist eine knallharte Diktatur.“ Dennoch unterhalte der Westen enge Kontakte zu dem Golfstaat. Namentlich Deutschland verkaufe Waffen an das totalitäre Regime, mit denen es Revolutionen wie in Bahrain brutal niederschlage. Es sei an der Zeit, dass die Bundesregierung ihre Waffengeschäfte transparent mache, sagte Abdel-Samad. Generell müssten Europa und die USA erkennen: „Erdöl kann man nicht trinken. Saudi-Arabien muss es verkaufen, deshalb ist es vom Westen abhängig – und nicht nur umgekehrt.“ (Alexandra Kournioti)

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