Landtag

Längst nicht alle schauen tatenlos zu: Das Aktionsbündnis „Gera gegen Rechts“ macht mobil gegen Rechtsrockkonzerte in der thüringischen Stadt. (Foto: DAPD)

09.11.2012

Ein Demokratie-Lehrstück für jeden

Filmvorführung: „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“ – SPD und Grüne diskutierten mit dem Regisseur Peter Ohlendorf

Diese Verse sind ein wiederkehrendes Element in Thomas Kubans Film: „Blut muss fließen, knüppelhageldick, und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik.“ Sie sind öfter in dem Streifen, bei dem Peter Ohlendorf Regie führte, zu hören: ein perverser Evergreen, den alle mitgrölen, auf den Rechtsrockkonzerten zwischen Sachsen und Frankreich. Und titelgebend für den Streifen, für den Kuban von 2007 bis 2011 undercover Material sammelte.
Neonazistische Konzerte und die Reaktionen auf sie – so kann man das Thema des Dokumentarfilms zusammenfassen. Dass er bis jetzt keinen größeren Verleih gefunden hat, ist schwer zu glauben (siehe Infokasten). Umso erfreulicher, dass Gewerkschaften und Bildungseinrichtungen den Film für vergleichsweise erschwingliche 1000 Euro pro Tag ausleihen. „Die Resonanz ist so groß, dass ich fast jeden Tag unterwegs bin“, sagte Ohlendorf im bayerischen Landtag. Die SPD- und Grünenfraktion holten Blut muss fließen – Undercover unter Nazis ins Maximilianeum und ermöglichten damit im neuen Konferenzsaal Zuschauern aller Altersgruppen eine wichtige Erfahrung: ein nachwirkendes Lehrstück über Verführung, Verbohrtheit, Verdrängen und Verleugnen.
Es dauert maximal eine Minute, bis der Zuschauer weiß, was er sieht: Konzerte, auf denen junge Menschen Pogo tanzen. Und sie zeigen zu Refrains, in denen türkenfreie Zonen und aufgeschlitzte Leiber von Ausländern gefordert werden, rhythmisch den Hitlergruß. Man möchte nicht glauben, was über die Leinwand flimmert: Da wird verbal und gestisch gegen die Verfassung verstoßen und Nationalsozialisten wie Rudolf Heß kaum verhohlen gehuldigt. Nicht nur von martialisch tätowierten Glatzköpfen. Da machen auch welche mit, die rein äußerlich nicht verbergen können, was sie höchstwahrscheinlich sind: stinknormale Bürgerkinder. Unter ihnen finden sich viele Frauen, meistens der Typ Mädchen von nebenan.
Welche Maschinerie hinter den Veranstaltungen steckt, wird ebenfalls gezeigt: Eine eigene Plattenindustrie rechtsradikalen Gedankenguts, die mit einem einschlägigen Devotionalien-Vertrieb Hand in Hand arbeitet. Sepp Dürr, Sprecher für Strategien gegen Rechtsextremismus der Grünen, fasste zusammen, was der Film leistet: „Er dokumentiert eine Schnittstelle zwischen extremer Einstellung und rechtsextremen Gewalttaten.“ Auch die ehemaligen NSU-Mitglieder hätten „mal klein angefangen mit Schmierereien und rechtsextremen Konzerten“. Auf solche Umtriebe werde in Bayern unzureichend reagiert. Dürr: „Die Staatsregierung ist auf dem rechten Auge blind.“
Diese Einschätzung scheint auch Kuban zu teilen: Eine Sequenz zeigt ihn verkleidet auf einer Pressekonferenz 2007 im bayerischen Innenministerium. Dort stellte der damalige Innenminister Günther Beckstein (CSU) den Verfassungsschutzbericht vor. Kuban informiert ihn über sein Material und die Verfassungsverstöße, die dieses beinhalte. Beckstein reagiert zuerst ausweichend, beschwichtigend. Als der Journalist nachhakt, wird Beckstein abweisend: „Sie beurteilen das offensichtlich anders als die Verfolgungsbehörden.“
Wie gut, dass er das tut. Wie schade,dass er nie bei den Vorführungen seines vielschichtigen Werks dabei sein kann. Zu groß ist die Gefahr, dass Rechtsradikale ihn angreifen, wenn er seine Identität preisgibt. Bleibt zu hoffen, dass andere seinem Film zu der Öffentlichkeit verhelfen, die er verdient hat. „Wir werden die Bayerische Landeszentrale für politische Bildung piesacken, die Filmtour zu unterstützen“, kündigte Florian Ritter, SPD-Sprecher im Kampf gegen den Rechtsradikalismus, an. Sein Credo: „Demokratie wird nicht vom Zuschauen stark.“ (Alexandra Kournioti)

INFO

Investigativer Journalismus: Obwohl dieser Terminus inflationär benutzt wird, sind Medienbeiträge, die diesem Prädikat gerecht werden, rar. Der Dokumentarfilm „Blut muss fließen – Undercover unter Nazis“ gehört zweifelsohne in diese Königsklasse. Der Autor und Kameramann Thomas Kuban hat 2007 damit begonnen, Konzerte rechtsradikaler Bands mit versteckter Kamera zu filmen. Um unter den Neonazis unentdeckt zu bleiben, kleidete er sich wie viele von ihnen: mit obligatorischer Bomberjacke. Dass er während der Drehs Angst hatte, sagt er im Film ausdrücklich.
Ob in Sachsen und Hessen oder in Frankreich und England: Egal, wo Kuban und der Regisseur Peter Ohlendorf getarnt unterwegs waren, überall liefen die Rechtsrockkonzerte nach demselben Schema ab: Was nach Black Metal, Ska oder Rock – also eingängig – klingt, transportiert menschenverachtende Texte, in denen Ausländer und Juden verunglimpft werden. „Blut muss fließen, knüppelhageldick, und wir scheißen auf die Freiheit dieser Judenrepublik“, lautet eine für das vertonte neonazistische Repertoire charakteristische Zeile. Der Film entlarvt auch, wie sprachlos manche gesellschaftlichen Akteure dieser Art Infiltrierung begegnen.
Dass das Werk, das erfolgreich auf der Berlinale lief, bis jetzt keinen Verleih gefunden hat und auch nicht von einem öffentlich-rechtlichen Sender ausgestrahlt wurde, verwundert. Haben Kubans Kollegen nicht den Mumm, das zu zeigen, was er den Mut hatte, über Jahre zu filmen? Immerhin: Im Eigenverleih findet der Streifen große Resonanz beim Publikum. (AKI)

 

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