Landtag

Viele Besucher kommen ins Dokuzentrum am Obersalzberg wegen der Bunkeranlage – sie soll jetzt weiter ausgebaut werden. (Foto: IfZ/Köstle)

11.03.2016

"Ein Mega-Management-Fehler"

Kunstausschuss: Die Erweiterung der Dokumentation am Obersalzberg kostet 21 statt 14 Millionen Euro – die Oberste Baubehörde weist alle Vorwürfe zurück

Ausgerechnet das Museum an dem Ort, wo Hitler vor 75 Jahren die Ermordung von mehr als 70 000 Menschen mit Behinderungen plante, ist nicht barrierefrei. Jetzt soll die Dokumentation Obersalzberg, die die Vergangenheit Berchtesgadens als zweiten Regierungssitz der Nationalsozialisten aufarbeitet, behindertengerecht umgebaut werden. Außerdem ist geplant, die Ausstellungsfläche wegen des großen Besucherandrangs (siehe Infokasten) auf 800 000 Quadratmeter fast zu verdoppeln.

Die Baupläne sehen vor, einen weiteren Bunkerausgang freizulegen, um einen Rundgang durch die alten Anlagen zu ermöglichen. Diese zögen die meisten Gäste an, wie der Museumsleiter vom Münchner Institut für Zeitgeschichte Axel Drecoll dem Kunstausschuss erklärte. „Eine Befragung ergab, dass 50 Prozent der Besucher besonders an den Bunkern interessiert sind.“ Das Problem ist nur: Die Erweiterung wird um ein Drittel teurer als vom Kabinett bewilligt – 21 Millionen anstelle der geplanten 14,3 Millionen Euro.

Ausschusschef Michael Piazolo (Freie Wähler) betonte in der Aussprache, der Ausbau der Bunkeranlagen sei wichtig und Drecolls Konzept richtig. Ihm gehe es aber nicht in den Kopf, wieso der Umbau erst neun, dann 14 und jetzt 21 Millionen Euro koste. „Wie stellt sich das denn für den Haushaltsgesetzgeber dar“, fragte er und sprach von Management-Fehlern. Wenn die Bunker zum Kerngeschäft gehören, hätte der Umbau in die Ausschreibung des Architektenwettbewerbs mit aufgenommen werden müssen, sagte Piazolo.

Zwar seien sich alle einig, dass das Dokumentationszentrum Obersalzberg ausgebaut werden muss, meinte Michaela Kaniber (CSU). „Zur Wahrheit gehört aber auch, dass der Bunkerrundweg in der Kostenschätzung von 2013 nicht enthalten war“ – das sei ein „Mega-Fehler“ gewesen. Die Oberste Baubehörde wolle jetzt mit dem Dokumentationszentrum überlegen, wo Kosten eingespart werden können.

Isabell Zacharias (SPD) rechnete vor, dass dieses Jahr über 43 Millionen Euro für die Sanierung der bayerischen Schlösser bereitstünden. „Wenn wir jetzt die Chance haben, an historischen Orten ein ’Nie wieder’ darzustellen, muss uns das alles Geld Bayerns wert sein“, unterstrich sie. Gerade in einer Zeit, in der jeden Montag rechtslastige Aufmärsche stattfänden und rechte Parteien zweistellige Wahlergebnisse erzielten.

Erst neun, dann 14 und jetzt 21 Millionen Euro

Sepp Dürr (Grüne) bezeichnete es als „scheiß Erwartungsmanagement“, wenn die Kosten um sieben Millionen Euro steigen. „Hätten wir gleich den richtigen Betrag genannt, hätten wir diese Diskussion jetzt nicht.“ Der Abgeordnete sprach sich gegen eine Budgetierung bei der Kultur des Erinnerns aus: „Eventuelle Kürzungen darf der Haushaltsausschuss daher nicht ohne uns machen.“

Museumsleiter Drecoll räumte ein, bei der Berücksichtigung des Brandschutzes „Fehler“ gemacht zu haben. Wenn mehr als die aktuell täglich 1500 Besucher kommen, greifen neue Brandschutzbestimmungen. „Die Probleme waren mir nicht klar.“ Zu den weiteren Kostensteigerungen konnte er nichts sagen: Seiner Meinung nach ist nicht der Bunker-Durchstich, sondern die Sanierung der Lüftungsanlagen dafür ausschlaggebend.

Helmut Bäumler von der Obersten Baubehörde wies den Begriff „Management-Fehler“ scharf zurück: „Es gibt keine Kostenexplosion, sondern eine Kostenaddition.“ Erstens sollte der Bunker ursprünglich nicht Teil der Ausstellung sein, sondern nur als Ein- und Ausgang genutzt werden. Und zweitens sei die technische Sanierung eben aufwändiger als gedacht.

Der Ausschuss will jetzt eine dezidierte Aufschlüsselung der Kosten und gemeinsam mit dem Haushaltsausschuss beraten, welche Maßnahmen wirklich nötig sind. „Es geht zwar nicht zuletzt ums Geld“, betonte Ausschusschef Piazolo. „Man darf die Debatte aber auch nicht aufs Geld reduzieren.“ (David Lohmann)


INFO: Dokumentationszentrum am Obersalzberg
Der Obersalzberg war seit Anfang des 19. Jahrhunderts eine der Wiegen des Tourismus in Berchtesgaden. Ab 1923 wurde das Areal Hitlers Feriendomizil, nach 1933 neben Berlin zum zweiten Regierungssitz. In diesem Führersperrgebiet wurden auch der Krieg gegen die Sowjetunion und weitere Massenvernichtungen geplant.

Nach dem Abzug der US-Streitkräfte 1996 ging die Nutzung des Obersalzbergs an den Freistaat über. Die Staatsregierung beschloss damals nach Kurt Faltlhausers (CSU) Zweisäulenkonzept, auf dem Areal ein Luxushotel und das Dokuzentrum zu errichten. Damit sollte die kommerzielle Nutzung des Standorts und eine Pilgerstätte für Rechtsextreme verhindert werden.

Seit der Eröffnung am 20. Oktober 1999 gibt es eine dauerhafte und regelmäßig wechselnde Ausstellungen. Dabei geht es nicht nur um das Geschehen vor Ort, sondern um alle Formen der NS-Diktatur. 2005 kam ein Erweiterungsbau mit Seminarräumen, 2006 ein neuer Ausstellungsraum in der Bunkeranlage hinzu. Mittlerweile besichtigen statt der geplanten 35 000 jährlich über 170 000 Besucher das Dokuzentrum. Damit zählt es zu den Top 20 der über 1300 Museum in Bayern.

Träger der Dokumentation ist die Berchtesgadener Landesstiftung, die wiederum den Zweckverband Tourismusregion Berchtesgaden-Königssee als Betreiber eingesetzt hat. Die wissenschaftliche Leitung liegt beim Institut für Zeitgeschichte. Auf staatlicher Seite wird die Dokumentation vom Finanzministerium betreut. (LOH)

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