Landtag

Der Luchs ist die größte europäische Wildkatze. Leider gibt’s Menschen, die ihr nach dem Leben trachten. (Foto: dpa)

05.06.2015

"Es verschwinden regelmäßig Tiere"

Umweltkriminalität: Grüne fordern Sonderermittlungseinheit in Bayern

Woran erkennt man ihn, den Luchs? Es ist ein altes Vorurteil, dass die langen Haarbüschel an seinen Ohrspitzen ihm dabei helfen, „zu hören wie ein Luchs“. Für wahrscheinlicher halten Wildbiologen, dass die Pinselohren der Kommunikation untereinander dienen. „Wenn sich zwei Luchse begegnen, sehen sie frühzeitig die Stellung der Ohren des Gegenübers und können dadurch dessen Stimmung schneller erkennen. Ganz ähnlich unserem Hoch- oder Zusammenziehen der Augenbrauen“, sagt der Diplom-Biologe Miha Krofel, der seit Jahren in slowenischen Wäldern Luchse ausforscht.
Wenn der Luchs nur seinesgleichen begegnet und zwischendurch dem einen oder anderen Leckerbissen, dann wird er in freier Wildbahn zwischen zehn und zwanzig Jahre alt. In Bayern müsste man ihm allerdings derzeit raten, eine Risikolebensversicherung abzuschließen. Denn hier scheint es manchen Unhold zu geben, der der größten europäischen Wildkatze nach dem Leben trachtet, ihr auflauert und sie um die Ecke bringt. 2012 wurde im Freistaat ein Luchsweibchen vergiftet, 2013 ein trächtiges Tier abgeschossen. Und jüngst hat ein Täter die abgetrennten Vorderpfoten eines Luchses sogar neben einer Wildkamera im Chamer Winkel abgelegt.
Der Luchs gehört in Bayern zu den streng geschützten Arten. Für Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU) ist „kriminelles Verhalten nicht hinnehmbar“, die Vorderpfoten-Aktion findet sie „besonders abstoßend“. Das Umweltministerium hat eine Belohnung von 10 000 Euro ausgesetzt für Hinweise, die zur Ergreifung des Täters führen.
Eine solche Belohnung hatte auch Markus Ganserer seit Längerem gefordert. Der forstpolitische Sprecher der Landtagsgrünen will über die Tatmotive nicht spekulieren. In Frage kommen Landwirte in Angst um ihre Schafe oder Jäger, welche die Hege von Reh und Gams nicht mit einem Luchs teilen wollen. Selbst Gerüchte über Umweltschützer sind im Umlauf, die so vielleicht Aufmerksamkeit auf den bedrohten Luchs lenken wollen. Fest steht für Ganserer, „dass der Täter offenbar jemand ist, der viel Zeit in der Natur verbringt. Man braucht schon sehr viel Geduld, um einem Luchs aufzulauern und ihn zu erledigen.“ Wie kommt man so jemandem bei?

Österreich und England als Vorbilder

Ganserer will zur nächstmöglichen Plenarsitzung des Landtags einen Dringlichkeitsantrag einbringen: „Wir müssen per Landtagsbeschluss deutlich machen, dass Umweltkriminalität nicht toleriert wird.“ Die Staatsregierung soll zur Aufklärung von Umweltkriminalität eine zentrale Sonderermittlungseinheit beim Landeskriminalamt (LKA) einrichten und eine entsprechende Koordinierungsstelle beim bayerischen Umweltministerium. Unterstützung kommt von der SPD: Auch der Landtagsabgeordnete Florian von Brunn fordert eine „spezialisierte Ermittlungseinheit, die sich ganz auf den Schutz von Tieren und Natur konzentriert. Wenn die Gefahr erwischt zu werden steigt, werden sich Umweltfrevler ihre Taten zweimal überlegen.“
Die Reaktion bei den zuständigen Ministern ist verhalten. „Die Polizei geht davon aus, dass es sich um örtliche Täter handelt. Es macht aus unserer Sicht Sinn, die Ermittlungen vor Ort zu belassen“, lässt Innenminister Joachim Herrmann (CSU) ausrichten. Falls die Polizei vor Ort Spezialwissen benötige, könne sie auch heute schon das LKA einschalten. Umweltministerin Scharf kündigt an, ihr Haus werde mit Staatsanwaltschaft und Polizei erörtern, „welche organisatorischen Verbesserungsmöglichkeiten bei der Verfolgung von Artenschutzdelikten möglich sind“.
Im Nationalpark Bayerischer Wald leben derzeit wahrscheinlich etwa ein Dutzend Luchse. Ihre Population ist in den vergangenen Jahren nicht gewachsen. Experten halten für wahrscheinlich, dass Wilderer dafür verantwortlich sind, denn unter normalen Umständen hätten sich die Luchse vermehren müssen. Der daraus zu ziehende Schluss: Der oder die Wilderer haben weit mehr Luchse getötet als bislang bekannt.
„Es verschwinden regelmäßig Tiere“, sagt Ganserer, die Dunkelziffer sei hoch, auch bei zahlreichen illegalen Greifvogeltötungen. Er hält deshalb an der Forderung nach einer Sonderermittlungseinheit fest. „Hier sind Täter mit außerordentlicher Brutalität und krimineller Energie am Werk. Es muss mit Nachdruck ermittelt werden, um die Täter dingfest zu machen.“ Der Freistaat habe generell großen Nachholbedarf bei der Verfolgung von Naturschutzkriminalität.
Das sieht auch Christine Miller so. „Je weniger man schaut und ermittelt, desto weniger entdeckt man“, sagt die Wildbiologin aus Rottach-Egern. Sie setzt sich seit Jahren dafür ein, Umweltdelikte in Bayern effektiver zu verfolgen. Dies gelinge zum Beispiel in Österreich, wo es in jedem Bundesland eine beim LKA angesiedelte Ermittlungseinheit „Umwelt“ gebe. Auch die Briten hätten „mit ihrer UK National Wildlife Crime Unit ein sehr umfangreiches System zur Verfolgung von Umweltstraftaten aufgebaut“, so Miller. (Jan Dermietzel)

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