Landtag

Das Siegerprojekt für eine inklusive Gemeinschaft: Die Harnbacher Mühle im Pegnitztal. (Foto: BSZ)

05.12.2014

Für ein Miteinander auf Augenhöhe

Verleihung des Bürgerkulturpreises 2014

Egal ob beim Lernen, in der Freizeit oder beim Sport – viele Menschen im Freistaat engagieren sich ehrenamtlich für die Inklusion von Behinderten in die Gesellschaft. Die außergewöhnlichsten acht Projekte wurden zum Tag des Ehrenamts wieder mit dem Bürgerkulturpreis des bayerischen Landtags ausgezeichnet.

Gleich zwei Initiativen schafften es beim diesjährigen Bürgerkulturpreis auf den ersten Platz. Beide haben in den Augen der Jury eine Oase für Menschen mit und ohne Behinderung geschaffen: „Die Projekte zeigen auf beeindruckende Weise, wie es gelingen kann, dass sich gerade junge Menschen mit ihren Stärken und mit ihren Schwächen in Familie und Gesellschaft, beim Spielen und beim Lernen einbringen können“, betonte Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) im Rahmen der Preisverleihung im Maximilianeum.

Die Auszeichnung wird jährlich zum Tag des Ehrenamts vom bayerischen Landtag für herausragendes bürgerschaftliches Engagement im Freistaat vergeben. In diesem Jahr wurden unter dem Leitthema „Aktiv. Kreativ. Inklusiv. – Bürgerschaftliches Engagement für Kinder und Jugendliche mit Behinderung“ außergewöhnliche Projekte honoriert, die im selbstverständlichen Miteinander eine inklusive Gemeinschaft geschaffen haben. So zum Beispiel das Projekt Harnbacher Mühle aus Hartenstein in Mittelfranken.

Der Verein Mühlenkraft hat das Gelände einer alten Mühle im Pegnitztal gekauft, um einen integrativen Ort der Bildung, Arbeit und Entwicklung für behinderte und nicht behinderte Menschen zu schaffen. „Damit wollten wir Behinderte aus der Isolation herausbringen und ihnen die Angst vor der Welt nehmen“, erklärt Förderschullehrer und Vereinsvorstand Jochen Riehl. Besonders wichtig war ihm dabei der Zugang zur Natur. Aus diesem Grund nahm er viel Geld in die Hand, um aus der Ruine eine „Perle“ zu machen – „nur das Meer und das Hochgebirge fehlen“, lacht er. Seit 2007 finden auf dem Gelände jetzt jedes Jahr offen ausgeschriebene Freizeiten für Schulklassen und ehrenamtlich engagierte Firmen statt.

Zukünftig soll die Harnbacher Mühle auch ein Integrationsbetrieb werden. Geplant ist eine Gaststätte mit Garten, ein Seminarhaus mit Unterkünften und die Vermittlung von grünen Berufen wie Landschaftspflege. 20 Berufsschüler mit besonderem Förderbedarf und zehn junge Leute in einem Orientierungsjahr sollen das erlebnispädagogische Unterrichtskonzept nutzen. „Wir wollen keine beschützte Werkstatt, sondern die Behinderten darauf vorbereiten, selbstständige Menschen zu werden“, erklärt Riehl. Darüber hinaus möchte der Verein aus einem ehemaligen Grandhotel in Rupprechtsstegen Wohngemeinschaften mit individueller Assistenz und pädagogischer Begleitung machen. Momentan sei das allerdings trotz erfolgreicher Machbarkeitsstudie noch eine „Hängepartie“ mit dem Kultusministerium.

Zwei erste Sieger

Ebenfalls auf das Siegertreppchen des Bürgerkulturpreises schaffte es der Kinder- und Jugendcircus Blamage aus dem unterfränkischen Mömlingen. Seit 25 Jahren organisiert der Verein einwöchige Zirkuscamps, um die motorischen, kreativen, künstlerischen und sozialen Fähigkeiten der behinderten und nicht behinderten Teilnehmer ab neun Jahren zu stärken. Angeboten werden beispielsweise Jonglage, Drahtseil, Trapez, Trampolin, Tanz, Musik und Clownerie.

„Die Idee zu Blamage entstand 1989 aus einer Jugendfreizeit auf der Insel Pellworm“, erinnert sich Michael Völker. Die Idee dahinter: Zirkuskunst lässt sich nicht auf bestimmte Techniken reduzieren, grenzt niemanden aus und hebt niemanden aufgrund einer bestimmten Begabung hervor. Vier Jahre später wurde dann der gemeinnützige Verein gegründet. Dabei werden keine artistischen Höchstleistungen angestrebt, sondern das Ausschöpfen der Kreativität.

„Für Kinder ist die Welt des Zirkus ein Weg zur Emanzipation“, konkretisiert Völker. Dieser bedeute für die Jugendlichen Befreiung von Fremdbestimmung, aber zugleich neue Regeln, die für jeden überschaubar und verständlich seien. „Lernen ist bei uns mit Idealismus und Einsatzfreude verbunden und wird so völlig anders erlebt als beispielsweise in der Schule.“ Nicht zuletzt seien gerade behinderte Menschen durch den Ausfall eines oder mehrerer Sinne stärker als andere auf ganzheitliches Lernen angewiesen.

Mit dem Preisgeld will sich der Kinder- und Jugendzirkus jetzt endlich einen bescheidenen Wunsch erfüllen: Einen rollstuhlgerechten Toilettenwagen und zwei neue Duschen. (David Lohmann)

Portraits über alle weiteren Gewinner des Bürgerkulturpreises finden Sie in der gedruckten Ausgabe der Bayerischen Staatszeitung vom 5. Dezember 2014

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