Landtag

05.08.2011

Gefürchtete Ferienzeit

Simone Strohmayr (SPD) fordert Regelung für Urlaubs- und Randzeiten an Bayerns Grundschulen

Eigentlich ist Silke Müller Ärztin. Momentan befindet sich die 37-Jährige allerdings in Elternzeit und betreut täglich durchschnittlich vier Kinder: neben den beiden eigenen auch mindestens zwei weitere Kindergarten- und Grundschulkinder aus ihrem Freundeskreis. In den Ferien, die gerade wieder begonnen haben, eint viele berufstätige Eltern wie Müller und ihre Bekannten nämlich das Problem: Wohin mit dem Nachwuchs, wenn Kindergarten und Grundschule schließen? „Ich weiß aus eigener Erfahrung, was das für ein Stress ist“, sagt die Mutter eines Fünf- und eines Einjährigen.
Kostspielige, komplizierte
Kinderbetreuung
Es gab Zeiten, als sie und ihr Mann berufstätig waren, da zahlten sie bis zu 1200 Euro monatlich an die Tagesmutter ihres Ältesten. Später musste das Paar für so genannte Randzeiten zusätzlich zu den Kindergartengebühren eine private Betreuerin finanzieren: „Weil der Kindergarten um 17 Uhr schließt, wir aber bis mindestens 19 Uhr arbeiten mussten.“ Zwischen 5 bis 8 Euro liege der Stundensatz der Tagesmütter. Ohne Müllers Eltern, die während den Ferien und an Wochenenden als Babysitter einsprangen, wären die Kosten noch viel höher gewesen.
Die Erfahrungen der Münchnerin ähneln sehr der Situation vieler Eltern in Bayern. Etliche von ihnen verfassten Petitionen an den bayerischen Landtag, in denen sie durchgehende Kinderbetreuung auch während der Ferien und zu Randzeiten fordern. Diese Beschwerden nimmt Simone Strohmayr (SPD), Mitglied des Bildungsausschusses, zum Anlass und fordert von der Staatsregierung ein Förderprogramm, das die Ferien- und Randzeitbetreuung für Bayerns Grundschüler schnellstmöglich sicherstellt. „Und das so, dass die Gebühren für die Eltern möglichst niedrig bleiben“, sagt Strohmayr.
Auf keinen Fall will sie, dass eine solche Maßnahme finanziell allein von den Kommunen gestemmt wird. „Das wäre schlicht und ergreifend unfair“, urteilt das Mitglied der Kinderkommission des bayerischen Landtags. Sie will den Freistaat ebenfalls zur Kasse bitten. Überlegenswert sei, ob sich ein solches Angebot im Rahmen des Bayerischen Kinderbildungs- und Betreuungsgesetzes (BayKiBiG) regeln lasse. Dass so ein erweitertes Betreuungsangebot von den Eltern angenommen werden würde, daran hat Strohmayr keinen Zweifel. Als Argument verweist sie auf die steigende Nachfrage bei Ganztagsklassen.
Nach Angaben des Kultusministeriums gibt es in Bayern 761 Schulen mit Ganztagsangeboten, darunter 408 Haupt- und Mittelschulen, 241 Grundschulen und 93 Förderschulen. Zum kommenden Schuljahr sollen 119 neue offene Ganztagsschulen entstehen. Hinzu kommen sollen 175 gebundene Ganztagszüge an Schulen. „Deshalb finde ich es bedauerlich, dass Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) bislang die Ferien- und Randzeitenbetreuung außen vor lässt“, sagt Strohmayr.
Anderswo sei die kritische Lage für Eltern und Kinder während der Ferienzeit besser gelöst. „Berlin ist einen Schritt weiter als Bayern“, sagt Strohmayr. In diesem Bundesland könnten Eltern an offenen und gebundenen Ganztagsschulen zwischen unterschiedlichen Betreuungsmodulen wählen; die Gebühren richteten sich nach dem Einkommen der Eltern.
Als Mutter von drei Kindern weiß die Sozialdemokratin, wie schwer es ist, den Nachwuchs während der Ferien unterzubringen. Ihr elfjähriger Sohn besuche gerade ein einwöchiges Fußball-Camp. Strohmayr: „Das kostet 250 Euro.“ Dabei handele es sich nicht um eine luxuriöse Veranstaltung: „Im Sportverein meines Sohns gibt es für 70 Jugendliche fünf Betreuer.“ Für Alleinerziehende seien solche Maßnahmen „unheimlich schwer zu finanzieren“. Deshalb sei diese Eltern-Gruppe besonders auf die Unterstützung durch Freunde und Verwandte angewiesen.
Welche wichtige Rolle insbesondere Großeltern bei der Betreuung hierzulande spielen, bestätigt auch Silke Müller: „Gehen Sie zurzeit mal mittags in den Münchner Zoo. Da wimmelt es vor Kindern mit ihren Omas und Opas.“ Sie selbst sei dankbar, dass ihre eigenen Eltern „so fit und bereit sind, uns mit den Kindern zu helfen“.
Dies könnte in Zukunft wieder häufiger vonnöten sein. Bald will Müller nämlich wieder arbeiten. Allerdings hat sie Bedenken, ob ihr der Berufseinstieg ohne weiteres gelingen wird, denn: „Patienten werden auch nachts, sonntags und an Feiertagen krank“, sagt die Medizinerin, die bislang in einem Krankenhaus gearbeitet hat. Wie sie diese Arbeitszeiten mit denen ihres Mannes und die Bedürfnisse ihrer beiden Kinder vereinbaren soll, weiß sie noch nicht.
Deshalb findet sie Strohmayrs Vorstoß gut – aber nicht ausreichend. „Unabhängig davon, ob Ferien sind, brauchen wir flexible Betreuungszeiten sowohl für Kitas als auch für Grundschulen. Gleichzeitig müssen die Angebote qualitativ adäquat sein“, fordert Müller.
Das sieht Strohmayr übrigens ähnlich. Die Forderung nach Ferien- und Randzeitenbetreuung sei ein erster Schritt. Noch in diesem Jahr will sie „die Vereinheitlichung der Kinderbetreuung“ als Gesprächsthema in den Landtag einbringen. „Ein Schwerpunkt wird dabei sein, wie wir einen verbindlichen Qualitätsstandard gewährleisten können.“ Den gebe es momentan nicht. Strohmayr: „Kita, Tagesmutter, Hort, offene und gebundene Ganztagsschule – was wir momentan haben, ist Kraut und Rüben.“ (Alexandra Kournioti)

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