Landtag

Alljährlich werden am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus Rosen in die Stacheldrahtzäune der ehemaligen KZs gesteckt. (Foto: dapd)

28.01.2011

Gegen das Vergessenwollen

Josef Rosenbach sprach als erster Repräsentant der Sinti und Roma vor dem bayerischen Landtag

Eines Tages teilen die Nazis den Sinto Franz Rosenbach für einen Transport ins Konzentrationslager Buchenwald ein. Davor war der damals 16-Jährige im so genannten Zigeunerlager Auschwitz-Birkenau interniert. „Meine Mutter weinte beim Abschied und sagte, ich solle auf mich aufpassen. Ich habe sie niemals wiedergesehen. Bei der Auflösung des ,Zigeunerlagers’ in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 wurde sie von der SS in den Gaskammern ermordet – zusammen mit über 2800 unserer Menschen.“ Diese Worte sprach der nunmehr 83-jährige Rosenbach, stellvertretender Vorsitzender des Verbands Deutscher Sinti und Roma, vor dem bayerischen Landtag.


Nach 40 Jahren über Erlebtes sprechen gelernt


Rosenbach hat im Plenarsaal des Münchner Maximilianeums eine historische Rede gehalten: Erstmals sprach nämlich ein Vertreter der Minderheit Sinti und Roma im Parlament des Freistaats. Anlass dafür war der Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, der alljährlich am 27. Januar stattfindet. Zum ersten Mal hat der bayerische Landtag diesen gemeinsam mit der Stiftung Bayerischer Gedenkstätten organisiert.
Bei Sturm und Regen mit nackten Füßen Lehm schaufeln. Abgemagerte Häftlinge, die von den Nazis mit langen Stöcken ununterbrochen angetrieben werden. Zwangsarbeiter, die die tägliche Tortur überleben, schultern abends Mitgefangene, die während der menschenverachtenden Arbeit umkamen. „Nachts, wenn alles gefroren war, wurden die steifgefrorenen Leichen auf Lastwagen geworfen und weggefahren“, sagte Rosenbach in seiner denkwürdigen Ansprache. Denkwürdig zum einen, weil er mit ihr nachhaltige Wirkung ganz ohne Kommentierung und dramatisierende Adjektive entfaltet hat. Zum anderen, weil sie trotz des geschilderten Martyriums keine Bitterkeit und Schuldzuweisung enthielt.
Einen treffenderen Beleg für die Bedeutung von Zeitzeugen und ihre Berichte kann es nicht geben. „Über 40 Jahre habe ich gebraucht, um über die fürchterlichen Erlebnisse von damals sprechen zu können“, sagte Rosenbach, der heute Schülern regelmäßig von seinem Schicksal berichtet.
Letzteres ist exemplarisch für die 500 000 Sinti und Roma, die von den Nazis ermordet wurden. Ihnen soll der diesjährige Gedenktag besonders gewidmet werden, betonte Landtagsptäsidentin Barbara Stamm. Außerdem: „Es ist und bleibt eine Verpflichtung auch für die kommenden Generationen, sich dem Vergessenwollen entgegenzustellen, damit sich das Geschehene nie mehr wiederholt!“ Mit der Verantwortung gegenüber den jüngeren Generationen hatte Stamm einen roten Faden vorgegeben, der auch die Grußworte der anderen Redner durchzog: „Je länger diese Gräueltaten her sind, desto wichtiger ist es, das Gedächtnis an die Opfer des größten Verbrechens der Menschheitsgeschichte zu pflegen.“ Josef Schuster, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland: „Wir wollen nicht, dass Jugendliche den braunen Rattenfängern folgen.“ Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern plädierte dafür, Jugendlichen ihren Anteil an der Geschichte zu geben, allerdings: „Keinen Anteil an Schuld, sondern an der Gestaltung der Gegenwart.“
Die berührendste Aussage enthielten jedoch die Schlussworte Rosenbachs. Er sagte, dass es für ihn ein besonderes Ereignis sei, „dass ich als erster Repräsentant unserer Minderheit heute im bayerischen Landtag vor Ihnen sprechen kann. Ich danke Ihnen.“ Würde man die Symbolik seines Danks für dieses längst überfällige Rederecht analysieren, dann zerredete man die Größe und das Lebensbejahende, die in ihr stecken.(Alexandra Kournioti)

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