Landtag

Am Landtagssport teilnehmen? Barbara Stamm hat diesen Plan erstmal verschoben. (Bild: SZPhoto)

14.10.2016

"Ich war die linke Tante"

Landtagspräsidentin Barbara Stamm über ihr 40-jähriges Parlamentsjubiläum, schöne und schwere Stunden und ihre sportlichen Ambitionen

Dieser Tage feiert Barbara Stamm (CSU) ihr 40-jähriges Landtagsjubiläum. Die 71-jährige Unterfränkin rückte 1976 in den Landtag nach – für Wolfgang Bötsch. 1978 avancierte Stamm zur Vizefraktionsvorsitzenden, 1987 holte Strauß sie als Sozialstaatssekretärin ins Kabinett. Von 1994 bis 2001 war sie Sozial- und Gesundheitsministerin. Seit 2008 amtiert Stamm als Landtagspräsidentin.

BSZ: Frau Stamm, wenn Sie auf Ihre 40 Jahre im Landtag zurückblicken: Was waren die herausragendsten Momente?

Barbara Stamm: Einer davon war sicher der Tag, als mich der damalige Ministerpräsident Franz Josef Strauß zu sich gerufen hat, um mir mitzuteilen, dass er mich in die Regierung holen will. Das war 1987. Für mich war das ein besonderer Moment, weil ich mir nie vorstellen konnte, eines Tages mal Regierungsmitglied zu sein. Ich war nämlich ein großer Widerspruchsgeist, habe mit Strauß öfter intensiv diskutiert, etwa beim Thema Gebietsreform oder beim Bürokratieabbau.

BSZ: Strauß wollte Sie ursprünglich zur Kultusstaatssekretärin machen.
Stamm: Ja, aber ich wünschte mir das Sozialministerium. Das Amt des Staatssekretärs war damals bereits mit dem späteren Sozialminister Gebhard Glück besetzt. Aber es war das Amt des Staatssekretärs im Kultusministerium wegen des Todes von Hans Eisenmann vakant. Ich erinnere mich noch, dass Edmund Stoiber – er war damals Leiter der Staatskanzlei – neben mir saß und immer unruhiger wurde, als er mitbekam, dass Strauß mich zur Kultusstaatssekretärin ernennen wollte. Stoiber hat mir dann geholfen und Strauß erklärt, dass ich als ausgebildete Erzieherin im Sozialbereich besser aufgehoben sei.

BSZ: Damals hätten Sie wohl nicht gedacht, dass Ihr Verhältnis später einen Knacks bekommt. Im Jahr 2001 verloren Sie bei Stoiber an Rückhalt, Sie sind deshalb als Sozialministerin zurückgetreten.

Stamm: Mit Stoiber gibt es noch immer viele Gemeinsamkeiten. Und ich habe großen Respekt vor seiner Lebensleistung. Natürlich war es schwer für mich, mein Ministerinnenamt zurückzugeben. Ich habe meine Aufgabe geliebt, war gefragt auf Bundesebene, ich war wiederholt bei Koalitionsverhandlungen dabei und konnte vieles gestalten. Aber ich habe damals auch gesehen: Es geht nicht anders. Der Wirbel um BSE wurde täglich stärker, dann kam noch das Thema Antibiotika in der Schweinemast dazu. Doch bereits einen Tag nach meinem Rücktritt hatte sich die Lage beruhigt, es war vorbei mit den Schlagzeilen.

"Was ich überhaupt nicht verstehen kann, ist, warum Frauen in Führungspositionen nicht gezielt Frauen fördern"


BSZ: Ihr Rücktritt als Ministerin für Soziales und Gesundheit: War das Ihre schwerste Zeit als Politikerin?
Stamm: Nein. Die Verwandtenaffäre im Landtag hat mich viel stärker mitgenommen. Bei BSE war ich die Hauptbetroffene. Aber damals, im Jahr 2013, musste ich menschlich vielen weh tun. Noch jetzt erkläre ich immer wieder, warum es notwendig war, im Sinne der Transparenz entsprechend zu handeln. Es ging dabei um diejenigen Kollegen, die ihre Frauen in ihren Abgeordnetenbüros beschäftigt hatten. Was wegen der unter meinem Vorvorgänger Johann Böhm beschlossenen Altfallregelung ja grundsätzlich legal war und damit rechtens, aber in vieler Augen eben nicht mehr legitim. Für die Betroffenen war das eine ganz schwierige Situation, die wurden in ihren Stimmkreisen teils übel beschimpft. Ich aber kannte die Frauen, ich wusste, was die leisten in den Büros. Ich hätte mir hier wie so oft eine differenziertere Diskussion gewünscht. Aber damals sind alle in einen Topf geworfen worden.

BSZ: Als stellvertretende Parteivorsitzende haben Sie zur Flüchtlingspolitik teils eine etwas andere Meinung als Ihre Parteifreunde. Was stört Sie grundsätzlich?

Stamm: Wenn man Dinge nicht differenziert betrachtet, sondern nur auf die schnelle Schlagzeile schaut.

BSZ: Sie haben im Landtag immer für die Rechte der Frauen gekämpft. Aber nicht mal die Frauen standen dabei immer an Ihrer Seite.
Stamm: Ja, da habe ich harte Zeiten erlebt. Als ich meine Partei in den 80er Jahren davon überzeugen wollte, dass wir ein Netz von Frauenhäusern brauchen, bekam ich so viel Gegenwind zu spüren! Bei einigen Landräten wurde ich da gleich als die linke Tante betitelt. Ich musste mit den Kommunen sieben Jahre lang verhandeln, bis wir bei den Frauenhäusern einigermaßen auf einer Linie waren. Dann kam das Gleichstellungsgesetz, das war eine ganz harte Nuss. Als ich damals bei einer Veranstaltung erklärt habe, warum wir so ein Gesetz brauchen, kam die erste Wortmeldung von der Landrätin Bruni Mayer; sie sagte: So ein Gesetz braucht’s nicht! Und bei der Quote, für die ich selbst ja zunächst auch nicht war, waren sogar einige junge Frauen dagegen. Was ich aber überhaupt nicht verstehen kann, ist, warum Frauen in Führungspositionen nicht gezielt Frauen fördern, sei es über Beförderungen, mehr Teilzeitmöglichkeiten oder Jobsharing.

BSZ: Die Gegner behaupten, es gebe nicht genug qualifizierte Frauen.
Stamm: Das ist doch Unsinn! Wenn man nur will, findet man immer geeignete Frauen. Erst in diesem Jahr habe ich eine frei werdende Abteilungsleiterstelle im Landtagsamt mit einer Frau besetzt – das ist eine Premiere im Landtag. Mehr als 50 Prozent aller Führungsjobs im Landtagsamt sind inzwischen mit Frauen besetzt, als ich ins Amt kam, waren es nur rund 10 Prozent. Und ich weiß, dass es auch möglich ist, Führungspositionen in Teilzeit oder im Wege des Job-Sharing zu besetzen. Als Sozialministerin habe ich einmal einem Richterehepaar ermöglicht, sich die Stelle zu teilen. Das hat super funktioniert. Führungsjobs können im Übrigen auch mal im Homeoffice ausgeübt werden, auch das habe ich bereits ermöglicht.

BSZ: Was Sie im Landtag auch eingeführt haben, ist das Sport- und Yogaangebot für Mitarbeiter und Abgeordnete. Damals waren Sie optimistisch, auch davon profitieren zu können. Was ist draus geworden?
Stamm: Leider noch nichts. Aber ich habe den Plan noch nicht aufgegeben.

(Interview: Waltraud Taschner)

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