Landtag

Schon vor zwei Jahren kämpften Pflegekräfte für eine Pflegekammer – damals scheiterte die Einführung allerdings am Widerstand der FDP. (Foto: DPA)

24.01.2014

Im Blindversuch zur Pflegekammer

Gesundheitsausschuss: 50 Prozent der Praktiker wünschen sich eine Pflegekammer – aber nur 20 Prozent kennen ihren Sinn und Zweck

Im Freistaat mangelt es an qualifiziertem Pflegepersonal. Das liegt einerseits an der alternden Gesellschaft, andererseits an der mangelnden Attraktivität des Pflegeberufs. Um den Pflegenotstand zu beseitigen, wird seit Jahren über die Einführung einer bayerischen Pflegekammer diskutiert. Sie soll die beruflichen Belange vertreten und „die Hierarchie von Ärzten und Pflegekräften beseitigen“, wie die Chefin des Gesundheitsausschusses, Kathrin Sonnenholzner (SPD) erklärt. Seit einem Sturz im Dezember ist sie vorübergehend selbst auf einen Rollstuhl angewiesen und konnte sich persönlich von den Arbeitsbedingungen ein Bild machen. Um herauszufinden, ob sich die Menschen aus der Praxis durch die Einführung einer solchen Kammer eine Verbesserung versprechen, führte TNS Infratest Sozialforschung gemeinsam mit der Hochschule München (HM) letztes Jahr im Auftrag des Gesundheitsministeriums eine Umfrage durch. Das Ergebnis war eindeutig – und ließ dennoch viele Fragen offen.

Laut TNS-Sozialforscher Ulrich Schneekloth sprachen sich 50 Prozent der Befragten für die Einrichtung einer Pflegekammer aus – ähnlich fiel auch das Ergebnis einer Online-Abstimmung der Staatszeitung im Dezember aus. Lediglich 34 Prozent waren dagegen, 16 Prozent machten keine Angabe. „Trotz einer Fehlertoleranz von 2,9 Prozent wünscht sich folglich die absolute Mehrheit eine Pflegekammer“, resümiert der Umfrageleiter. Die hohe Zahl der Interviewpartner, die sich nicht festlegen wollten, führt er auf den geringen Informationsstand zurück. „Nur 19 Prozent fühlen sich gut, 42 Prozent lediglich hinreichend und 37 Prozent gar nicht informiert“, erläutert Schneekloth. Interessant: Von den nach eigener Aussage hochinformierten Teilnehmern würden 63 Prozent die Einführung begrüßen.

Pro-Argumente für eine Pflegekammer waren vor allem eine bessere Interessenvertretung, eine stärkere Position im Gesundheitswesen und eine Stimme in der Politik. Überraschenderweise landete der Punkt „bessere Pflegequalität“ auf dem letzten Platz. Gegner trieb in erster Linie die Sorge vor zu hohen Mitgliedsbeiträgen, zusätzlicher Kontrolle und Bürokratie an. „Sie haben Zweifel, ob die Einführung mit persönlichen Verbesserungen bei Bezahlung, Arbeitsbedingen und Wertschöpfung einhergeht“, verdeutlicht die HM-Pflegewissenschaftlerin Christa Büker. In persönlichen Interviews habe sie zudem eine große Passivität gespürt, was vermutlich den geringen Informationsstand erkläre.

Sonnenholzner sieht aus diesem Grund weiteren Handlungsbedarf: „Wenn sich so viele Menschen nicht informiert fühlen, bräuchten wir eine neue Befragung, wenn das Informationsdefizit ausgeglichen ist.“ Klaus Holetschek (CSU) fordert ebenfalls intensive Gespräche mit den Menschen aus der Praxis. „Der entscheidende Punkt ist der Informationsstand“, erklärt er. Nur so könne die Frage beantwortet werden, ob die Pflegekammer oder eine ähnliche Institution das richtige Instrument ist. „Wenn die Befragten keinen Qualitätsfortschritt erkennen, müssen wir uns fragen, was die Errichtung für die Qualität tatsächlich bringt“, gibt Peter Bauer (Freie Wähler) zu bedenken. Aufgrund der hohen Fehlerquote zweifelt er außerdem, ob das Ergebnis wirklich als absolute Mehrheit gewertet werden kann. Die Grünen hätten sich eine ausführlichere Umfrage gewünscht: „Die Befragung hätte ruhig mehr kosten können, wenn sie ein genaueres Ergebnis gebracht hätte“, so der Abgeordnete Ulrich Leiner.

Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) betrachtet die Auswertung laut Ministerialrat Frank Plesse dennoch als Tendenz in Richtung Pflegekammer. Sie lade aber am 10. Februar nochmal alle Beteiligten zu einem runden Tisch ein. „Dann wird entschieden, wie’s weitergeht.“ (David Lohmann)

INFO: Pflegekammern in Deutschland

Analog zu den bestehenden Kammern für Heilberufe wollen Befürworter Pflegekammern als Körperschaft des öffentlichen Rechts errichten. Anschließend sollen ihnen bestimmte Aufgaben des Staates wie die Überwachung des Berufskodexes übertragen werden. Zu den Zielen gehören die Registrierung aller Pflegekräfte, die Erteilung der Berufserlaubnis, die Interessenvertretung des Berufsstands, die Qualitätssicherung und die politische Beratung in der Pflege.

Über die Einführung einer Pflegekammer können die Länder entscheiden. Bisher hat allerdings noch kein Bundesland sein Heilkammergesetz dahingehend geändert. In Bayern scheiterte eine Kammer in der letzten Legislaturperiode am Widerstand der FDP, lediglich in Schleswig-Holstein steht eine Einführung wohl kurz bevor. In Umfragen sprechen sich nicht nur Pflegekräfte im Freistaat, sondern auch Praktiker in Schleswig-Holstein (51 Prozent), Rheinland-Pfalz (76 Prozent), Niedersachsen (67 Prozent), Sachsen (70 Prozent) für eine solche Kammer aus. Der bayerische Abschlussbericht und Informationen über das Studiendesign lassen sich unter dem Link bit.ly/Pflegekammer aufrufen.

Für Gegner der Pflegekammern ist das deutsche Kammernsystem mit seinen strengen Regularien hingegen ein Auslaufmodell. Ihrer Meinung nach dient es lediglich selbstständigen Berufsständen als Interessenvertetung. Statt einer zusätzlichen bürokratischen Behörde fordern sie bessere Arbeitsbedingungen und eine auskömmliche Finanzierung. (LOH)

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Kommentare (2)

  1. micha am 11.02.2014
    Natürlich brauchen wir eine Pflegekammer. Wir benötigen eine starke Stimme gegenüber
    Politik, Heim- und Krankenhausbetreibern. Seit Jahren treten wir auf der Stelle. Es gibt viele Ziele und viele Interessenvereinigungenn, jeder kocht sein eigenes Süppchen und somit geht wenig voran.
    Meine beruflichen Bedürfnisse will ich in einer Pflegekammer vertreten sehen alles andere hat sein Jahrzehnten wenig gebracht
    z.B. die Akademisierung schreitet zu langsam voran.Die Absolventen werden vor Ort ( Einrichtungen der Alten- und Behindertenhilfe) zu wenig eingesetzt.Ein verrmehrter Einsatz vor Ort in Leitungspositionen würde das Berufsbild bzw. die Berufsgruppe Krankenpflege aufwerten,da Dialoge zwischen den Berufsgruppen besser geführt werden können.
    "Umsonst ist der Tod" keiner bekommt etwas geschenkt auch die anderen Mitglieder in berufsständischen Vertretungen müssen etwas bezahlen. Bis jetzt wurde kein Wort über den Mitgliedsbeitrag gesprochen. Da heisst es abwarten und das können die Pflegenden bereits seit vielen Jahren.
    Jetzt müssen wir ja sagen zu einer Neuerung, die uns eine "starke Stimme "verleiht.
  2. kettensäge am 26.05.2014
    Wenn ein Artikel informieren soll, ist es nötig die Informationen richtig einzuordnen. Wenn Rheinland Pfalz erwähnt wird, ist es dienlich zu wissen, daß sich nur etwa 1/3 der möglichen Teilnehmer überhaupt beteiligt haben. Aus 75% Jastimmen werden dann schnell nur 25%. Ich sehe in der Pflegekammer ein Klonbaby des DBFK. Ich bin vor 21 Jahren aus dem DBFK ausgetreten, weil ich der Worthülsen und Selbstbeweihräucherungen in der Mitgliedszeitschrift überdrüssig war. Diese Zeitschrift war neben einer Rechtsschutzversicherung die Gegenleistung für ein nettes Sümmchen. Ich sehe mich schon jetzt in den langweiligen Pflichtfortbildungen zu Pflegestandards sitzen, damit ich weiter arbeiten darf. Oweia die Geschichte holt mich ein. Ich könnte Großkreutzen. An micha: Was sind denn Deine beruflichen Bedürfnisse?

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