Landtag

Satellitenaufnahme von München: Precobs prognostiziert Einbrüche – rote Gebiete sind besonders gefährdet. (Foto IfmPt)

26.06.2015

Im Visier: Verbrechen der Zukunft

Innenausschuss: Innenminister Joachim Herrmann berichtet über den Testlauf einer Software, mit der die bayerische Polizei Einbrüche vorhersehen kann

Ein bisschen klingt es nach Science Fiction: Die bayerische Polizei will mit einer speziellen Software Verbrechen der Zukunft vorhersehen. Genauer: Wohnungseinbrüche. Precobs heißt die Software, die ab Mitte Oktober in München und Mittelfranken getestet wurde. Anhand von Einbruchsdaten errechnet ein Algorithmus die Wahrscheinlichkeit von weiteren Wohnungseinbrüchen in bestimmten Gebieten. Dort können Polizisten – zivil oder in Uniform – dann verstärkt patrouillieren.

29 Prozent weniger Einbrüche in München

Innenminister Joachim Herrmann setzt große Stücke auf das neue Computersystem. Schließlich ist die Zahl der Wohnungseinbrüche in Bayern in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen – von 4470 Einbrüchen im Jahr 2010 auf insgesamt 8210 im Jahr 2014. Das ist ein Anstieg von 84 Prozent. Um so mehr freute sich Herrmann, dass er dem Innenausschuss des Landtags vielversprechende Zahlen mitbringen konnte: In der Testphase gab es in den Gebieten, in denen Precobs eingesetzt wurde, deutlich weniger Wohnungseinbrüche. In München ging die Zahl von Oktober 2014 bis März 2015 um 29 Prozent zurück. In den mittelfränkischen Precobs-Bereichen um zwölf Prozent. Zum Vergleich: Im bayernweiten Durchschnitt lag der Rückgang im gleichen Zeitraum bei 14,5 Prozent.

Insgesamt 26 Personen konnten in den aktiven Alarmgebieten festgenommen werden, weil sie beim Ausspionieren von Tatobjekten ertappt wurden oder durch ein auffälliges Fluchtverhalten auffielen. Herrmanns Fazit: „Wir gehen davon aus, dass Precobs für diese positive Entwicklung einen wichtigen Beitrag geleistet hat.“ Er räumte zwar ein, dass es keinen „abschließenden Beweis“ für die Wirksamkeit des Systems gebe – eine umfassende Bewertung stünde noch aus. Gleichwohl kündigte er an, dass Precobs oder eine vergleichbare Prognosesoftware dauerhaft für die bayerische Polizei angeschafft werden soll. „Schaden kann es jedenfalls nicht“, so Herrmann. Er betonte: „Der Mensch, nicht der Rechner entscheidet über polizeiliche Folgemaßnahmen.“

Peter Paul Gantzer (SPD), der den Bericht zu Precobs beantragt hatte, wollte wissen, ob es einen Verdrängungseffekt gebe, wenn in bestimmten Gebieten verstärkt kontrolliert würde. Der könne nicht ausgeschlossen werden, meinte Landespolizeipräsident Wilhelm Schmidbauer, der im Ausschuss ebenfalls betonte, dass die Zahlen der Machbarkeitsstudie  noch nicht inhaltlich valide seien.

Grüne sorgen sich um die Sicherheit der Daten

Gantzer und auch die Freie Wählerin Eva Gottstein zeigten dennoch keine Bedenken gegen einen dauerhaften Einsatz der Software. Ganz anders die Grüne Katharina Schulze. Der bayerische Datenschutzbeauftragte habe zwar keine Beanstandungen, da alle Daten – bis auf den Tatort – anonymisiert, nicht personenbezogen sind. Aber man müsse bedenken, was mit so einer Software möglich sei, so Schulze. Was, wenn der Datenhunger der Behörden steigt oder sich Hacker der Daten bemächtigen? Schmidbauer betonte, dass das System zwar von einem privaten Anbieter sei, von der Polizei aber komplett übernommen wurde. „Es liegt sicher auf einem Polizeiserver.“ Und der CSU-Abgeordnete Manfred Ländner meinte: „Was der Verbesserung der Sicherheit dient, ist zu begrüßen.“ Kriminelle würden heute auf die modernsten Mittel zurückgreifen, sagte er. „Da ist es wichtig, dass das für die Polizei auch möglich ist.“ (Angelika Kahl)

Info: Precobs – Prognosesoftware für Wohnungseinbrüche
In Zukunft Straftaten vorhersehen können – das ist wohl schon immer ein Traum der Polizei gewesen. Mitte Oktober hat für Ermittler in München und Mittelfranken diese Zukunft begonnen. Dort wurde eine Computertechnik getestet, die Wohnungseinbrüche prognostiziert: Precobs heißt sie – die Abkürzung steht für Pre Crime Observation Systems.
Die Precobs-Software basiert auf der sogenannten Near Repeat Prediction: Man weiß, dass im direkten Umfeld von Einbrüchen häufig in kurzer Zeit mit Folgedelikten zu rechnen ist. Ein Algorithmus berechnet aus anonymisierten Falldaten der Vergangenheit, wann und in welchem Gebiet mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem Einbruch zu rechnen ist. Dieses Gebiet kann dann verstärkt kontrolliert werden.
Die Polizei Zürich setzt das System des Instituts für musterbasierte Prognosetechnik (IfmPt) in Oberhausen bereits seit über einem Jahr ein. 80 Prozent der Prognosen sollen dort zutreffend sein.
Die Kosten für die Machbarkeitsstudie in München und Mittelfranken beliefen sich auf 119 000 Euro. Die Kosten für einen eventuellen Dauerbetrieb können noch nicht beziffert werden, da diese vom gewählten Produkt und der Zahl der Einsatzgebiete abhängen.

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