Landtag

Das erste Konzentrationslager in Dachau wurde im Münchner Polizeipräsidium an der Ettstraße geplant. (Foto DDP)

29.01.2010

In München gab es großbürgerliche Sympathisanten

Generalbundesanwältin Monika Harms erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus

Was macht der Generalbundesanwalt? Klar, er jagt Terroristen. Und der Name, der einem sofort einfällt, ist der von Siegfried Buback, obwohl seine Amtszeit mittlerweile über eine Generation zurückliegt. Aber seine Ermordung durch die RAF im April 1977 – eine regelrechte Hinrichtung auf offener Straße – erschütterte die Republik, und die Justiz ist bis zum heutigen Tag damit beschäftigt, den dreifachen Mord – mit Buback starben seine zwei Fahrer – aufzuklären. Dass sich je ein Generalbundesanwalt für die millionenfachen Morde während der Nazizeit interessiert hätte, davon ist nichts bekannt. Klar, dafür gab es ja seit 1958 die Ludwigsburger Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Trotzdem hätte es ja rein theoretisch sein können, dass mal einer der bisher neun Generalbundesanwälte einen Satz verloren hätte über das berufsmäßige Morden deutscher Uniformträger, das nur hin und wieder in winzigen Bruchstücken juristisch geahndet wurde. Eben das aber, dieses kaltschnäuzige „War was?“ der Täter, in blindem Zusammenspiel mit einer weithin herzlich desinteressierten Justiz, war einer der Gründe dafür, dass es die RAF überhaupt gab; man braucht dazu nur die ebenso brillanten wie bitterbösen Kommentare zu lesen, die Ulrike Meinhof in den 1960er Jahren in Konkret schrieb. Die Katze biss sich also in den Schwanz. So gesehen ist es nicht übertrieben, den vergangenen Mittwoch einen historischen Tag zu nennen: Die Generalbundesanwältin ist anlässlich des Holocaust-Gedenktages nach München gekommen. Monika Harms ist eine der beiden Hauptrednerinnen bei der zweistündigen Gedenkveranstaltung, die das in Aufbau befindliche NS-Dokumentationszentrum München zusammen mit dem Landtag zum 65. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz im vollbesetzten Senatssaal veranstaltet. Allein Harms’ Anwesenheit, die anfangs nicht allen Zuhörern unmittelbar einsichtig schien, garantierte: Hier werden keine wohlfeilen Sonntagsreden gehalten, hier wird juristischer und historischer Klartext geredet. Für den historischen Durchblick sorgte Irmtrud Wojak, die Gründungsdirektorin des Dokumentationszentrums, die seit einem knappen Jahr im Amt ist – seit der Architektenwettbewerb entschieden ist. Bis der Bau auf dem Gelände des 1945 zerstörten „Braunen Hauses“ an der Briennerstraße, zwischen Karolinenplatz und Königsplatz, fertig ist, werden aber noch drei, vier Jahre ins Land gehen. Noch etwas ist ungewöhnlich an diesem Abend: Von fünf Namen auf der Rednerliste sind vier weiblich. Und zwischen dem einzigen Mann, Oberbürgermeister Christian Ude, und seiner Vorrednerin, Charlotte Knobloch, passt kein Blatt Papier. Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, nebenbei auch Chefin der örtlichen und regionalen Gemeinde, fordert ein „härteres Auftreten gegenüber den Verfassungsfeinden“. Es gehe darum, „Nein zu sagen, zu protestieren, statt ohnmächtig zu lamentieren“. Und ohne den nicht totzukriegenden falschen Begriff von der „Machtergreifung“ zu erwähnen, erinnert sie daran: „Hitler hat sich nicht an die Macht geputscht, er gelangte auf demokratischem Weg ins Kanzleramt!“ Und Ude legt nach: Auch wenn das Machtzentrum Berlin gewesen sei, „der Grundstock wurde lange zuvor in München gelegt, auch dank der Mithilfe einer einflussreichen großbürgerlichen Sympathisantenszene.“ Das erste Konzentrationslager, Dachau, die „Schule der Gewalt“, „wurde im Münchner Polizeipräsidium an der Ettstraße geplant, eine antisemitische Hetzrede von Goebbels im Alten Rathaus war das Signal zum Losschlagen bei der Pogromnacht vom November 1938 – all dies geschah in München!“ Und was die Nachkriegsjustiz angeht, verweist Ude auf die berüchtigte Faustformel: „Ein Toter gibt zehn Minuten Gefängnis.“ Da kann Monika Harms nahtlos anknüpfen. Sie spricht vor allem vom Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963 bis 1968), der „dem unermüdlichen und nachhaltigen Einsatz des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer zu verdanken“ gewesen sei. Die Generalbundesanwältin: „Meine Erinnerungen an zahlreiche Hauptverhandlungstage vor dem Frankfurter Schwurgericht, die ich als Schülerin auf der Zuschauertribüne verfolgte, sind so frisch wie am ersten Tag.“ Sie spricht von „Zeugenaussagen, die alle Beteiligten und Zuhörer an die Grenze dessen brachten, was auszuhalten, geschweige denn zu verstehen war.“ Bis an die Grenze dessen, was auszuhalten ist Kennengelernt haben sich Monika Harms und Irmtrud Wojak vergangenes Jahr, als Wojaks akribische 640-Seiten-Biographie von Fritz Bauer erschien und die Generalbundesanwältin sie aus diesem Anlass nach Karlsruhe einlud. Nun stehen sie also nacheinander am Rednerpult; Wojak beschäftigt sich vor allem mit Hannah Arendt, die nicht nur ihr berühmtes Buch über „Eichmann in Jerusalem“ schrieb, sondern auch den Frankfurter Auschwitz-Prozess scharfsinnig analysierte: „Der entscheidende Punkt ist der, dass die Angeklagten eine bemerkenswerte Tendenz zur Anpassung an ihre jeweilige Umgebung an den Tag legten, das heißt die Eigenschaft, sich sozusagen im Nu ‚gleichzuschalten’.“ Eine bemerkenswerte Veranstaltung, vom klugen Grußwort von Barbara Stamm bis zur Musik: Das E.T.A. Hoffmann-Trio spielte unter anderem Schostakowitsch; der Cellist heißt Christoph Probst und ist ein Enkel des Mitglieds der Weißen Rose.

(Florian Sendtner)

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