Landtag

Das Münchner Schneiderteam „La Silhouette“ von Barbara Hemauer-Volk mit nach Deutschland geflüchteten Jugendlichen. (Foto: LOH)

21.11.2014

Interkulturelles Schneidern und Kochen überzeugt

Der bayerische Integrationspreis stand diesmal unter dem Motto "Integration im Handwerk" und geht an einen Mode- und einen Küchenbetrieb

Eine Damenmaßschneiderei, in der Mädchen mit Fluchterfahrung arbeiten und eine Kulturküche, die anerkannte Asylbewerberinnen beschäftigt – das sind die Gewinner des bayerischen Integrations- beziehungsweise Asylpreises, der diese Woche im Maximilianeum verliehen wurde. Was die Ausgezeichneten gemeinsam haben: Deutsche und Ausländer haben viel voneinander gelernt.
In einer kleinen Seitenstraße unweit des Rosenheimer Platzes in München befindet sich das Atelier „La Silhouette“. Was beim Vorbeigehen wie eine kleine Damenmaßschneiderei aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Karrieresprungbrett für junge Frauen mit Fluchterfahrung. 184 Jugendliche aus der ganzen Welt hat Geschäftsführerin Barbara Hemauer-Volk in den letzten 27 Jahren ausgebildet. Dafür wurde die Schneiderin jetzt mit dem von Staatsregierung, Landtag und dem Integrationsbeauftragten Martin Neumeyer (CSU) gemeinsam verliehenen Integrationspreis ausgezeichnet. Dieser stand heuer unter dem Motto „Integration im Handwerk“ und soll besonders gelungene Integration in Bayern belohnen.

„Früher war in Bayern ein Kopftuch befremdlich“

„Als wir von dem Preis gehört haben, haben wir alle zu dem Lied ‚Happy’ getanzt“, erzählen Hemauer-Volk und ihre Mitarbeiterin Karin Oberacher in der kleinen Teeküche im hinteren Teil des Ladens. Begonnen hatte alles in den Achtzigerjahren wegen der hohen Jugendarbeitslosigkeit – vor allem bei Migranten. „Damals war die Bereitschaft, Migranten einzustellen, noch sehr gering“, erinnert sich Hemauer-Volk. Selbst eine Frau mit Kopftuch sei zu dieser Zeit noch befremdlich gewesen. Folglich beschloss sie, selbst eine Ausbildungsstätte zu eröffnen und zusätzlich Unterricht wie an der Berufsschule anzubieten. „Viele, die bei uns lernen, können am Anfang weder lesen noch schreiben“, verdeutlicht Hemauer-Volk. Neben Änderungsarbeiten produziert „La Silhouette“ vor allem Maßanfertigungen, Brautmode oder Theaterkostüme. Nach dem Gesellenbrief können die Jugendlichen ins Berufsleben einsteigen, eine Meisterschule für Mode besuchen oder  ihr Abitur nachmachen. „In den Berufsschulklassen sind unsere Mädels oft die einzigen Nicht-Deutschen“, erzählt Hemauer Volk. Zudem steht die Geschäftsführerin in engem Kontakt mit Textilunternehmen, die viele ihrer ehemaligen Schülerinnen übernehmen.
Die Internationalität sieht die Geschäftsführerin als Wettbewerbsvorteil: „Wir können viel voneinander lernen“, erzählt sie. Beispielsweise, wie die 21-jährige Praktikantin Shatinaiti ein uigurisches Kleid anfertigt oder wie die gleichaltrige Vietnamesin Lien die Nationaltracht Áo dài näht. Außerdem werde viel über Religion und Integration diskutiert. Häroda aus Äthiopien möchte später sogar einmal selbst als Ausbilderin in einem sozialen Betrieb arbeiten. „Die Eingewanderten sind nicht nur eine kulturelle, sondern auch eine wirtschaftliche Bereicherung“, sagt Hemauer-Volk. Das merke sie auch bei vielen Ehemaligen, die öfters als Tutorinnen vorbeischauen. Um die Eltern mit ins Boot zu holen, veranstaltet sie darüber hinaus regelmäßig Elternabende.

Kochen quer durch die Kulturen

Zwar wird die Schneiderei vom Stadtjugendamt, dem Sozialreferat und der Landeskirche Bayern gefördert, aber die Warteliste für einen Ausbildungsplatz ist trotzdem sehr lang. Das Preisgeld soll jetzt in einen Fonds für Weiterbildung fließen, denn gerade Bildung sei durch Prüfungsgebühren oder Fachliteratur richtig teuer, und viele von Hermauer-Volks Angestellten sind nicht BAföG-berechtigt. „Bisher“, sagt die Geschäftsführerin, „sind in dem Fonds leider erst 25 Euro drin.“ Das ändert sich jetzt: Der Integrationspreis und der Asylpreis sind zusammen mit immerhin 4000 Euro dotiert.
Mit diesem Sonderpreis Asyl wurde in diesem Jahr die Kulturküche Augsburg belohnt. Die Auszeichnung wird für besondere Verdienste um Menschen auf der Flucht ausgelobt und vom Integrationsbeauftragten vergeben. Hinter der Kulturküche verbirgt sich Bernd Beigl, der mit dem Projekt ausländische Frauen in die Gesellschaft integrieren wollte, ohne sie zur Aufgabe ihrer Gewohnheiten aus den Herkunftsländern zu zwingen. „Das funktioniert am besten mit Kochen“, erklärt er den Ursprung seiner Idee und schrieb unter dem Dach seiner „Ideenwerkstatt“ mit Frauen aus verschiedenen Kulturkreisen das Kochbuch 5 Sterne für Oberhausen. „Danach kam die Frage, ob wir die Rezepte auch einmal gemeinsam kochen können“, ergänzt Beigl. Das war die Geburtsstunde der Kulturküche. Inzwischen hat er 36 Mitarbeiter aus aller Welt angestellt – darunter anerkannte Asylbewerber oder Personen mit Handicap. „Bei uns ist jeder willkommen“, versichert der Unternehmenschef.
Seit 2007 kocht sein Team für Kindertagesstätten, Schulen, Mehrgenerationenhäuser und öffentliche Einrichtungen. In der Zwischenzeit sind sogar noch eine kleine Marmeladenfabrik und ein Catering-Service hinzugekommen. Auf dem Speiseplan stehen türkisches Rührei, Fleischrollen in Blätterteig, Paella, Syrniki – Quarkpfannkuchen aus der Ukraine – und afrikanische, indische oder russischen Spezialitäten. „Wir lernen dabei viel voneinander“, erzählt Beigl wie schon Hemauer-Volk von „La Silhouette“. Aus diesem Grund könne es beispielsweise sein, dass der türkische Börek von einer Frau aus Afghanistan gemacht wird. Damit alle Deutsch lernen, achtet die Küchenleitung immer darauf, dass Frauen unterschiedlicher Nationen nebeneinander am Herd stehen. Gibt es Verständigungsschwierigkeiten, helfen zweisprachige oder bebilderte Kochbücher weiter.
Da sich die Kulturküche auch als niederschwelliges Sprungbrett in den Berufsalltag sieht, bietet sie nach der Küchenarbeit in Kooperation mit der Volkshochschule zusätzlich Sprachtrainings an. „Dadurch haben wir bereits 85 ausländische Arbeitnehmer in sozialversicherungspflichtige Arbeitsstellen weitervermitteln können“, freut sich Beigl. Seit zwei Monaten ist die Kulturküche auch Ausbildungsbetrieb.
Seinen Arbeitskräften zahlt Beigl allesamt den Mindestlohn – obwohl er keinerlei Unterstützung von Stadt oder Staat bekommt. Das kaufmännische Wissen dafür stammt aus seiner Zeit als Bankkaufmann vor 15 Jahren. „Damals habe ich mich immer fehl am Platz gefühlt“, erinnert er sich. Erst beim Erziehungsurlaub habe er die Soziokultur entdeckt und sich als Quereinsteiger probiert – mit Erfolg. „Trotz der vielen Arbeit“, sagt er heute, „bereue ich meine Entscheidung keinen einzigen Tag.“ (David Lohmann)

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