Landtag

Elektrotechniker steht vergleichsweise weit oben auf der Wunschliste angehender Auszubildender. (Foto: dapd)

14.01.2011

"Massive Probleme bei der Berufsorientierung"

Auswirkungen des doppelten Abiturjahrgangs auf die Hauptschüler

Reisekauffrau und Bankkaufmann: Diese Professionen bleiben für Hauptschüler meist unerreichte Traumberufe. Die Unternehmen dieser Branchen stellen nämlich in aller Regel lieber Realschüler und Abiturienten ein. Im laufenden Ausbildungsjahr könnte die Konkurrenz für die Hauptschüler indes noch größer werden als ohnehin schon: Womöglich wird der doppelte Abiturjahrgang um begehrte Ausbildungsplätze mit ihnen konkurrieren, heißt es häufig.


Keine dramatische Verdrängung erwartet


Diese Befürchtung liegt nahe, erlangen im Jahr 2011 doch immerhin über 30 000 Abiturienten mehr als sonst ihre Hochschulreife. „Werden die Hauptschüler die Verlierer sein im Wettbewerb mit vermeintlich besser qualifizierten Absolventen?“, fragte Thomas Beyer, stellvertretender Vorsitzender der SPD-Fraktion, in seiner Einleitung zum Fachgespräch. „Können sich Hauptschülerinnen und Hauptschüler auf dem Ausbildungsmarkt 2011 behaupten?“ So viel vorweg: Die meisten Experten waren sich einig, dass es zu keiner dramatischen Verdrängung der Haupt- durch Realschüler und Gymnasiasten kommen wird. Dafür konstatierten sie teilweise „massive Probleme bei der Berufsorientierung“.
Bernhard Roos, wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD, geht allerdings sehr wohl von einer Verdrängung der mittleren Abschlüsse durch die geballte Macht der Abiturienten aus. Hinzu kämen rund 5500 männliche Azubi-Aspiranten durch die Aussetzung der Wehrpflicht und des Zivildienstes. Außerdem erinnerte Roos daran, dass ab kommenden Mai die Arbeitnehmer-Freizügigkeit für acht mittel- und osteuropäische Staaten in Kraft tritt. Dem habe die Staatsregierung bis dato nicht die gebührende Bedeutung beigemessen. „Eine Unterlassungssünde“, urteilte der Abgeordnete.
Seine Parteikollegin und Sprecherin für den ländlichen Raum Annette Karl erinnerte daran, dass Bayern ein Flächenland ist und somit die Ausbildungsproblematik regional höchst unterschiedlich ist. Generell gelte: „Ein gut ausgebildeter Hauptschüler hat kein Problem, einen Ausbildungsplatz zu finden.“ Überhaupt gebe es nicht zu wenige Stellen, sondern „zu viele, die die Schule ohne Abschluss verlassen“. So befänden sich rund 250 000 Jugendliche in einer Warteschleife aus diversen Berufsqualifikationen: ein Kostenpunkt – laut Karl – von momentan 4,3 Milliarden Euro.
„Wenn eine auszubildende Frisörin beim Haare Waschen einen Fehler macht, reagiert der Markt sofort“, erklärte Toni Hinterdobler, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Niederbayern und Oberpfalz. Ein Azubi werde eben ab dem ersten Tag mit dem Kundenwunsch konfrontiert. „Da glaube ich, sind die Abiturienten für uns nicht die richtigen“, meinte er. Um sich in der Folge zu widersprechen: Hinterdobler appellierte an Azubis in spe, flexibler zu sein, sich nicht nur auf den Traumberuf zu versteifen. „Wir brauchen Abiturienten“, meinte er. Allerdings glaubt er nicht, dass sich viele vom doppelten Abiturjahrgang für das Handwerk entscheiden werden.
Mechatroniker und Kältetechniker zählen laut Markus Lötzsch, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Nürnberg und Mittelfranken, zu den Ausbildungsberufen, die fast zu 100 Prozent von Hauptschülern dominiert werden. Aus seiner Sicht ein Beleg dafür, dass es keine Verdrängung durch Gymnasiasten gibt und auch in diesem Jahr nicht geben werde. Allerdings müssten Haupt- mit Konkurrenz von Realschülern rechnen. „Die gibt es schon jetzt“, meinte Lötzsch.
5000 freie Azubiplätze aus dem Vorjahr, rund 3000 weniger Hauptschüler und kein Zuzug aus ostdeutschen Bundesländern: Alles Gründe, die Michael Lindermann, Referent für Bildung bei der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), „zart optimistisch“ stimmen, dass es zu keinen „Verdrängungserscheinungen auf dem Ausbildungsmarkt“ kommen wird.
Eine Lanze für die bayerische Hauptschule brach Mario Patuzzi, Leiter der Abteilung Jugend des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) in Bayern. „Im Freistaat ist die Hauptschule keine Restschule, das unterscheidet uns vom Rest der Republik“, sagte er. Allerdings werde der Berg der Altbewerber weiter steigen, weshalb mehr Qualität in der Bildung generell gefragt sei.
Als einen Notnagel vor drohender Arbeitslosigkeit sehen manche die Selbstsständigkeit. Vor diesem Trugschluss warnte Thomas Schörg, Vize-Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Selbstständigen Bayerns. In seiner Branche habe er die Erfahrung gemacht, dass Pünktlichkeit und Leistung für potenzielle Arbeitgeber noch mehr zählten als gute Noten in Deutsch und Mathematik.
Spannend wurde die Diskussion als Praktiker das Wort ergriffen, weil sie die Bedeutung der persönlichen Ebene betonten: Albrecht Hör, Unternehmer aus Weiden, stellt jedes Jahr einen so genannten schwachen Azubi ein: „Noch keiner dieser Leute ist durchgefallen.“ Wolfgang Bähner, Hauptschullehrer aus Schwaben, richtete eine „Riesenschelte ans Kultusministrium“: „Da werden die Schüler nur wegsortiert.“ An die Wirtschaft appellierte er: „ Probiert doch unsere Leute!“ Seine Kollegin Johanna Bobinger von der Mittelschule Füssen beklagte, dass für den Bereich der beruflichen Qualifizierung häufig nur befristete Lehrerstellen bewilligt und Projekte nicht verlängert würden.
Fast alle Ausführungen kamen Birgit Harprath, Moderatorin des Fachgesprächs, bekannt vor. Als Radio-Journalistin beschäftige sie sich seit 26 Jahren mit dem Thema Azubis. Harprath: „Das kommt in Zyklen alles immer wieder.“(Alexandra Kournioti)

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