Landtag

Auch für die Tonkunst gilt: Frauen sind im technikaffinen Bereich unterrepräsentiert. (Foto: dapd)

27.04.2012

Mehr DJanes ans Mischpult

Fachgespräch: "Mädchen können nicht Mathe – und Musik auch nicht!?" – Grüne diskutieren mit Kulturschaffenden über Gender in der Branche

Na gut, die Schlagzeugerin Sheila E. ist für den Groove in manchem Song von Prince, Babyface und Billy Cobham verantwortlich. Erst die Saxophonistin Candy Dulfer machte Dave Stewarts Lilly was here zum Ohrwurm. Und bevor Claudia Roth die Rolle des letzten aktiven Paradiesvogels bei den Grünen übernahm, managte sie die Geschicke der Band Ton, Steine, Scherben. Alle drei sind oft und gern genannte Beispiele dafür, dass es bekannte und erfolgreiche Frauen im Musikgeschäft gibt, die nicht „nur“ am Mikrofon stehen.


Nur 10 Prozent Frauen in Bayerns Musikbranche


Aber es kommt nicht von ungefähr, dass einem auch nach Jahrzehnten immer wieder dieselben weiblichen Namen einfallen – während man bei den Männern nicht weiß, welchen einflussreichen Instrumentalist, Dirigent, Tontechniker & Co. man zuerst nennen soll. Das ist so, weil die Kreativszene genauso männlich dominiert ist wie etwa auch die IT-Branche oder die Professorenschaft in den meisten Ländern der Welt.
Der Freistaat bildet da keine Ausnahme: „In Bayerns Musikbranche arbeiten gerade mal 10 Prozent Frauen“, sagte die gleichstellungspolitische Sprecherin der Grünen Claudia Stamm. Sie moderierte im Lesesaal des Landtags das Fachgespräch mit dem provokanten Titel „Mädchen können nicht Mathe – und Musik auch nicht!?“.
Dass dieser Aporie mit einem eindeutigen Nein zu begegnen ist, klärte Stamm gleich zu Beginn. Frauen falle in dem gerne lässig als Business bezeichneten Arbeitsfeld meist nur der Part der Sängerin oder gleich der der Konsumentin zu. „Musiksender wie Viva und MTV transportieren diese starren Geschlechterrollen zusätzlich“, sagte Stamm. Toningenieurinnen, DJanes – kurzum im ganzen technikaffinen Bereich der Musikproduktion seien weibliche Mitarbeiter unterrepräsentiert.
Warum aber ist das ausgerechnet in einer Branche, die sich als progressiv und visionär begreift, so? Laut Stamm unter anderem deshalb, weil generell das Gros der weiblichen Bevölkerung eine enge Berufswahl trifft: „Es gibt 350 Ausbildungsberufe. Aber 50 Prozent der Frauen entscheidet sich gerade mal für zehn von ihnen.“ Ihre Präferenz sei zudem häufig eine „institutionalisierte Sackgasse“ – ohne die Chance auf Aufstieg oder Weiterbildung. Ein Exempel: Nach wie vor ließen sich viele Mädchen zur Arzthelferin ausbilden. „In den meisten Fällen ist es ihnen unmöglich, zu einem späteren Zeitpunkt Ärztin zu werden“, sagte Stamm. Die vielen männlichen Mediziner haben dagegen keine Probleme, aus einem Heer potenzieller Kandidatinnen die geeigneten Helferinnen für ihre Praxis auszusuchen.
Auf die Idee, beispielsweise auf den Beruf der Veranstaltungstechnikerin umzusatteln oder sich von vornherein darin ausbilden zu lassen, kommen indes die wenigsten Frauen. Vielleicht auch, weil es in Bayern an institutionalisierten Projekten, mit denen Frauen an die Musikbranche herangeführt werden, mangelt. Laut Stamm gibt es davon in anderen Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen mehrere.
„Ohura“ in Nürnberg ist nach Auskunft des Vereins das einzige Mädchenmusikförderprojekt im Freistaat. Benannt nach der geringfügig anders klingenden Star Trek-Figur Uhura – dem einzigen weiblichen Mitglied in der Kerncrew des Raumschiffs Enterprise – existiert die Initiative seit 1996. Erklärtes Ziel der überwiegend weiblichen Lehrkräfte: die Frauenquote in der Branche zu erhöhen. Neben reinen Fachkenntnissen in Musik, Grafikdesign, Coaching und Multimedia werden auch Inhalte aus Popkultur, Feminismus und Gleichstellung vermittelt.
Die Initiative wird vom bayerischen Wissenschaftsministerium, den Regierungsbezirken des Freistaats und mit Kursgebühren finanziert. Seminare an Schulen sind ebenso Teil des mobilen Angebots wie die Zusammenarbeit mit Streetworkern. „Wir hätten gerne eine zweite Teilzeitkraft, damit wir neben der Verwaltung auch jemanden für die Lobbyarbeit einstellen können“, sagte die Sozialpädagogin und Musikerin Stefanie „Steffa“ Gottwald. Sie zählt zu den Honorarkräften des bayernweit agierenden Projekts.
Vom Texten eines Lieds über das Einspielen der Instrumente bis zum Abmischen der Musik – in ihren Seminaren vermittelt die Dozentin und Gitarristin Michaela Voigt jungen Frauen die vielfältigen Schritte, die die Produktion einer CD beinhaltet. Sie selbst ist seit 1985 in der Musikbranche tätig – kreativ . „Ich mische Bands, Konzerte, Messen“, sagte die Tontechnikerin. Als solche sei sie „relativ allein in einer Männerwelt“. Mit entsprechender Skepsis habe man sie vor Jahren als erste Frau in einem Studio eingestellt. „Aber nachdem ich da weg bin, wollte mein Mann gleich wieder eine Frau beschäftigen“, erinnert sie sich heute. Wer sich als Technikerin in der Musikbranche etablieren will, müsse Durchsetzungsvermögen, Kampfgeist und eigenen Stil beweisen.
Die Go-Go’s und die Bangles gelten als Vorzeige-Formationen der All-Girls-Bands. Dass diese dennoch misstrauisch beäugt werden, bestätigte Stephanie White. Die 23-Jährige ist Gitarristin einer Mädchenband, die sich an einer kalifornischen Highschool zusammenfand. Ernüchternd seien für sie immer wieder Erfahrungen wie diese: „Wenn wir an einem Wettbewerb teilnehmen und nach unserem Auftritt manche sagen, dass wir echt gut sind. Und dass sie das von einer All-Girls-Band nicht erwartet hätten.“ Von wegen It’s a woman’s world, wie im gleichnamigen Evergreen behauptet wird.
(Alexandra Kournioti)

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