Landtag

Krisengespräch nach dem Attentat: Dr. Hans Langemann (Heiner Lauterbach), Meier (August Zirner) und Kurt Rebmann (Miroslav Nemec, v. l.) (Foto: BR)

14.06.2013

Politthriller im Maximilianeum

Kino im Landtag: "Der blinde Fleck" legt den Finger in die Wunde Oktoberfestattentat und ehrt den BR-Reporter Ulrich Chaussy

Ich denk mir: Was liegt denn da? So ein zerrissener Abfall. Und dann merk ich: Das ist ein Toter.“ Eine Frau steht auf der Theresienwiese und berichtet dem BR-Reporter Ulrich Chaussy stockend ins Mikrophon, was sie hier am 26. September 1980 abends nach zehn gesehen hat.
Die meisten Zeugen des Oktoberfestattentats, die Chaussy ausfindig macht, legen den Hörer gleich wieder auf. Aber dann sind doch welche bereit, ihre traumatisierenden Erinnerungen preiszugeben. Und die elektrisieren den Radioreporter: Mehrere Zeugen berichten unabhängig voneinander, sie hätten Gundolf Köhler unmittelbar vor der Detonation der Bombe zusammen mit weiteren Personen gesehen. Gundolf Köhler ist der 21-jährige Neonazi, dem der schlimmste Anschlag der deutschen Nachkriegsgeschichte mit 13 Toten und über 200 Verletzten den offiziellen Ermittlungen zufolge allein zuzurechnen ist. Ein Einzeltäter, der nicht allein am Tatort ist?
Es sollte nicht die einzige Ungereimtheit bleiben, die Ulrich Chaussy in über dreißigjähriger Kleinarbeit aufdeckte. Am Dienstagabend rollte der Film buchstäblich nochmal ab, und zwar genau am richtigen Ort: auf der großen Leinwand im Senatssaal des Landtags. Der blinde Fleck von Daniel Harrich erzählt die Geschichte der unliebsamen Recherchen Chaussys – ein atemloser Politthriller, der sich ausgesprochen eng an die Realität hält.
Harrich hat das Drehbuch zusammen mit Chaussy geschrieben. Die für die Abgeordneten in den vorderen Reihen reservierten Plätze blieben zum Großteil leer – das Thema Oktoberfestattentat „unterliegt besonderer Verdrängung“, wie Ulrich Chaussy in der Podiumsdiskussion nach dem Film konstatierte. Doch das Publikum rückte auf Aufforderung von Landtagspräsidentin Barbara Stamm gern nach, denn die hinteren Reihen waren dicht besetzt.
Nach über dreißig Jahren wird die Verdrängung nun doch brüchig. Das zeigte der trotz der fehlenden Abgeordneten volle Saal. Und vor allem der Film selbst, ein Meisterstück eines politischen Spielfilms, bei dem auch unpolitische Zuschauer von der ersten bis zur letzten Minute gebannt sind. Benno Fürmann spielt Ulrich Chaussy rundum überzeugend, es entsteht ein regelrechter Sog, der einen in diesen Staatskrimi hineinzieht. Nicolette Krebitz als Chaussys Frau Lise ist zuerst voll Interesse dabei – und verzweifelt beinahe, als ihr Mann von der Sache aufgefressen zu werden droht.
Ein genialer Einfall aber ist die Besetzung des Staatsschutzchefs Hans Langemann mit Heiner Lauterbach, des Generalbundesanwalts Kurt Rebmann mit Miroslav Nemec und des Quick-Reporters Werner Winter mit Udo Wachtveitl. Drei Sunnyboys als Bad Boys: Staatsschützer Langemann ist der Obervertuscher, der den skrupellosen Quick-Reporter Werner Winter zur kompletten Verdrehung der Wahrheit anstiftet, und Generalbundesanwalt Kurt Rebmann bleibt steif und fest bei seiner Einzeltätertheorie, selbst als sich die von Chaussy vorgelegten Gegenbeweise bis zur Decke stapeln. Seine Nachfolger im Amt des Generalbundesanwalts tun es ihm nach: Als Chaussy verlangt, die Asservate auf DNA-Spuren zu untersuchen, wie das in den vergangenen Jahren bei so vielen unklaren Fällen geschehen ist, teilt die Generalbundesanwaltschaft mit, dass die Asservate 1997 vernichtet wurden. Schließlich sei der Fall geklärt.

Joachim Hermann hat einen schweren Stand


Innenminister Joachim Herrmann (CSU), der das erste Drittel des Films versäumt, weil er so lange als Zeuge im NSU-Untersuchungsausschuss aussagen muss, hat einen schweren Stand bei der anschließenden Podiumsdiskussion. Für ihn sei „klar“, dass man seinerzeit „die Gefährlichkeit der Wehrsportgruppe Hoffmann“, aus der Gundolf Köhler hervorgegangen war, „kolossal falsch eingeschätzt“ habe, räumt er ein. Auch mit Langemann hält er sich nicht lang auf: „Dass der eine obskure Figur ist, dürfte auch im Landtag keine Diskussionen auslösen.“
Der Film, eine Koproduktion mit BR, SWR und arte, ist Anfang Juli auf dem Münchner Filmfest zu sehen und kommt im Januar 2014 in die Kinos. Weitere Ermittlungen hat er jetzt schon angestoßen: Ulrich Chaussy verwies den im Publikum anwesenden Anwalt Werner Dietrich (im Film gespielt von Jörg Hartmann) an den neben ihm auf dem Podium sitzenden Innenminister: Der solle doch endlich die Akten freigeben, die das LKA nicht rausrückt. Herrmann sagte zu, der Sache nachzugehen. (Florian Sendtner)

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