Landtag

Barbara (l.) und Claudia Stamm gemeinsam im Plenarsaal des Landtags. (Foto: dapd)

11.03.2011

Schwarz-grüne Familienbande

Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) und Grünen-Abgeordnete Claudia Stamm stehen für familiären Zusammenhalt trotz politischer Gegnerschaft

In diesem Punkt sind sich Mutter und Tochter alles andere als einig: Barbara Stamm, Landtagspräsidentin und CSU-Präsidiumsmitglied, wertet den Rücktritt Karl-Theodor zu Guttenbergs vom Amt des Verteidigungsministers als „parteipolitisch großen Verlust“. Dagegen spricht ihre Tochter, die Grünen-Landtagsabgeordnete Claudia Stamm, von einem „längst fälligen Schritt“. Eine abgekupferte Doktorarbeit sei kein Kavaliersdelikt, sondern geistiger Diebstahl.
„Meine Mutter hat immer zugelassen, dass ich anderer Meinung war“, sagt Claudia Stamm (40). Im durch und durch schwarzen Würzburger Elternhaus, auch der Vater ist seit Jahrzehnten CSU-Mitglied, habe „Demokratie pur“ geherrscht. Auch wenn bisweilen „sehr heftig“ diskutiert wurde, wie die Mutter (66) hinzufügt, beispielsweise über Ausländer- und Atompolitik.


Ähnliche Positionen in der Sozialpolitik


Als 14-Jährige war Claudia Stamm mal in der Schüler-Union, aber nur ganz kurz. „Zu karriereorientiert, zu konservativ“ sei ihr die Vereinigung gewesen. Zum Vorbild wurde stattdessen ein Onkel, der in Berlin in besetzten Häusern lebte und Entwicklungshelfer in Afghanistan war.
1990 zog sie selbst nach Berlin, zum Studium – die Haare gelb gefärbt mit grünen Punkten. Doch die schwarze Mutter und die grüne Tochter teilen auch politische Positionen: Wie sich auf einer Veranstaltung der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung am Dienstag in München zeigte, ziehen die beiden in Sachen Gleichstellungspolitik an einem Strang. In der Sozialpolitik machen sie ebenfalls eine große Schnittmenge aus.
Dass es ihr ältestes von drei Kindern in die Politik verschlagen hat, nahm Barbara Stamm mit Überraschung zur Kenntnis. „Zunächst war ich baff, dass meine Claudia in die Politik will.“ Aber zugleich schwang von Anfang an ein gewisser Stolz mit, dass die Tochter beruflich in ihre Fußstapfen trat.
Als Claudia Stamm 2008 für Bündnis 90/Die Grünen ins Münchner Maximilianeum einzog, meldete sich ein anonymer Anrufer als „Stimme des Volkes“ bei ihrer Mutter. Er könne es nun nicht mehr verantworten, sie zu wählen.
Als Kind habe sie das politische Engagement der Mutter, die damals als Erzieherin ein Kinderheim leitete, so weit es ging verheimlicht, gesteht Claudia Stamm. Doch irgendwann sei das nicht mehr möglich gewesen, weil die politische Karriere auf die Familie abstrahlte. „Einmal lag ein Verweis meiner Schule im Briefkasten, adressiert an die Schülerin Barbara Stamm“, erzählt die Tochter.
Claudia Stamm hat selbst zwei Töchter im Alter von drei und sieben Jahren und lebt mit ihrem Mann, der drei Kinder mitbrachte, in einer Patchwork-Familie. Beide Politikerinnen verstehen es, Karriere und Familie zu vereinen. „Ich hoffe, dass meine Tochter weniger Gewissenbisse hat“, betont die CSU-Politikerin. „Ich habe mir oft vorgeworfen, dass ich nicht so für meine Kinder da sein konnte, wie die das gebraucht hätten.“
Noch 1990, als sie für das Oberbürgermeisteramt in Würzburg kandidierte, bekam Barbara Stamm zu spüren, welchem Druck karrierebewusste Mütter ausgesetzt sind. „Nicht wenige Frauen machten mir Vorwürfe, ich würde meine Familie vernachlässigen.“


„Eine regelrechte Schlammschlacht“


Auch aus den Reihen der CSU seien damals Vorbehalte geäußert worden. Als sie 1974 erstmals für den Landtag kandidierte, habe in ihrer Partei noch die Überzeugung geherrscht, Frauen im gebärfähigen Alter hätten in der Politik nichts zu suchen.
Trotz der Meinungsverschiedenheiten in politischen Belangen sind sich Mutter und Tochter immer beigestanden. Als Barbara Stamm 1990 in Würzburg Oberbürgermeisterin werden wollte, spürte sie heftigen Gegenwind. „Eine regelrechte Schlammschlacht von Teilen der CSU, das ging bis hin zu privaten Verleumdungen“, wie Claudia Stamm früher einmal in einem Interview betonte.
Ihre Mutter ist bis heute dankbar, dass die älteste Tochter ihr damals den Rücken stärkte. Genauso war es beim Rücktritt vom Amt der bayerischen Sozial- und Gesundheitsministerin im Jahr 2001: Barbara Stamm stolperte über den BSE-Skandal. Claudia Stamm erinnert sich: „Erfahren habe ich das auf einer Berghütte. Ich bin sofort heimgefahren, um bei ihr zu sein.“ Dass die Mutter danach als Landtagsabgeordnete zielstrebig auf den Posten der Parlamentspräsidentin hingearbeitet hat, imponiert ihrer Tochter bis heute. „Ich habe das damals sehr bewundert, dass sie gesagt hat – jetzt erst recht.“ (Robert Zsolnay)

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