Landtag

05.03.2010

Seehofers Versprechen kaum haltbar

Expertenkommission sieht Gründung eines Augsburger Uniklinikums äußerst skeptisch

Eine rosige Zukunftsperspektive klingt anders: „Eine Umwandlung in ein Universitätsklinikum würde die wirtschaftlichen und finanziellen Probleme des Klinikums Augsburg nicht lösen“, zitierte Wissenschaftsminister Wolfgang Heubisch (FDP) im Hochschulausschuss aus dem von ihm bestellten Gutachten. Damit wird Horst Seehofers Versprechen an die Fuggerstadt immer unwahrscheinlicher. Hintergrund: Im vergangenen Jahr hatte Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) mit einem Eintrag ins goldene Buch der Stadt Augsburg großzügig versprochen: „Die Uniklinik kommt.“ Darauf hoffen die Augsburger schon seit Jahrzehnten. Doch vom Grußwort des Chefs ist man im Kabinett inzwischen teilweise wieder abgerückt. Am Dienstag beschloss der Ministerrat lediglich, vier Lehrstühle in Kooperation mit der Augsburger und den beiden Münchner Universitäten zu schaffen, zusammengefasst in einem neuen Zentrum für Umweltmedizin. Die Experten um Professor Klaus Peter, dem ehemaligen Dekan der medizinischen Fakultät an der Universität Regensburg, haben dazu wohl massiv beigetragen, immerhin kamen sie bei ihrer Untersuchung zu einem sehr ernüchternden Ergebnis: „Eine Quersubventionierung von Defiziten in der Krankenversorgung aus dem staatlichen Zuschuss für Forschung und Lehre wäre ausgeschlossen.“ Immerhin hat das Krankenhaus in Bayerns drittgrößter Stadt einen Schuldenberg von 100 Millionen Euro aufgetürmt, auf weitere 450 Millionen Euro wird der Sanierungsbedarf geschätzt. Immerhin: Explizit ausgeschlossen wird das Uniklinikum auch nicht. Allerdings wäre dafür auch eine neue medizinische Fakultät an der Universität Augsburg notwendig. Der Freistaat müsste ferner in der Lage sein, die jährlichen Kosten von 70 bis 100 Millionen Euro zu schultern sowie Investitionen von mindestens 150 Millionen Euro. Eine Schmalspur-Fakultät ist mit Peter, den der Minister zur Anhörung sicherheitshalber gleich mitgebracht hatte, und seinen Fachkollegen nicht zu machen. „Sie wollen doch auch nicht von Barfußärzten behandelt werden“, hielt der Experte den Mitgliedern des Ausschusses entgegen. Überhaupt seien angeblich fehlende Ausbildungsplätze auch gar nicht das Problem des Medizinermangels, wie er schon in vielen Teilen Deutschlands existiert und sich nun auch immer stärker in Bayern bemerkbar macht, vor allem in ländlichen Regionen. Nur deshalb müsse man keine neue Fakultät gründen. „Vielmehr wollen zahlreiche Absolventen nicht in der klinischen Medizin arbeiten“, erläuterte Peter, der selbst Tausende junge Ärzte ausgebildet hat. „Sie drängen nur stärker in andere Branchen, in die Forschung, in Verlage, in die Politikberatung.“ Was gar nicht ginge: eine medizinische Fakultät schrittweise aufbauen. „Heuer die Chirurgie, im nächsten Jahr die innere Medizin und im Jahr darauf die Orthopädie – das funktioniert heute nicht mehr“, warnte Peter. Als Optimist („Ein solches Ergebnis hatten wir bisher noch nicht erreicht“) betätigte sich der Augsburger CSU-Abgeordnete Bernd Kränzle, erinnerte an den jahrelangen Kampf der Kommunalpolitiker für die Gründung einer solchen Einrichtung, und warnte auch gleich vorsorglich: „Ich werde solange für den bayerischen Landtag kandidieren, bis wir das Uniklinikum bekommen. Und ich bin zäh, ich laufe noch Halbmarathon.“ Ulrike Gote von den Grünen wollte diese Ankündigung als Drohung auffassen. „Genau so macht man Hochschulpolitik nicht: primär aus Sicht des Stadtrats“, kritisierte sie und beklagte sich auch gleich darüber, dass den Abgeordneten der ganze Bericht der Experten noch gar nicht vorliegt. Harald Güller, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD, nannte das Vorgehen von Heubisch „eine Brüskierung der Abgeordneten“, der Vortrag des Ministers sei „nichts“ gewesen, man könne „nicht mal Trippelschritte“ erkennen. „Sie haben Seehofers Eintrag ins goldene Buch nicht unterfüttern können, der Ministerpräsident ist also wortbrüchig geworden“, hielt er Heubisch vor. Noch drastischer in seiner Wortwahl wurde der Vertreter der Freien Wähler, Michael Piazolo. „Das ist eine dürre Ausführung auf vier Seiten.“ Und dann verglich Piazolo den Ministerpräsidenten mit einem „Halbstarken, der leere Versprechungen macht“ sowie mit einem Heiratsschwindler, der „einer Frau die Ehe verspricht, nur um sie ins Bett zu bekommen, und vorher behängt er sie mit Schmuck“.

(André Paul)

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