Landtag

Auf die Scheidung ihrer Eltern reagieren viele Kinder mit Depressionen, Aggressionen und Schlafstörungen. (Foto Bilderbox)

01.04.2011

Trennung traumatisiert die Kinderseele

Fachgespräch im Landtag über das Leid von Scheidungskindern – „Parental Alienation Syndrom“ wird unterschätzt

Wenn Eltern sich trennen, bricht für Kinder eine Welt zusammen. Verliert das Kind den Kontakt zu einem Elternteil, werden die schlimmsten Befürchtungen der Kleinen Wirklichkeit und es kann zu schwerwiegenden Folgen kommen. Mit einem Fachgespräch hat sich die Kinderkommission des Landtags des Themas angenommen.


Nach einer Trennung sind Kinder die Leidtragenden


Sein Sohn wohne rund zwanzig Minuten Fahrtweg entfernt, dennoch habe er ihn die vergangenen zwölf Jahre nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Mit trauriger Stimme berichteten Väter und Mütter vor einem großen Auditorium im Landtag von ihren Trennungserfahrungen. Doch wenn eine Familie zerbricht, sind andere die wahren Leidtragenden: die Kinder nämlich – vor allem dann, wenn sie zum Streitobjekt werden und der Kontakt zu einem Elternteil abbricht.
„In der Auseinandersetzung zwischen den Eltern darf das Kind niemals als Waffe eingesetzt werden“, mahnte Landtagsvizepräsidentin Christine Stahl bei der Eröffnung des Fachgesprächs zum Thema Eltern-Kind-Entfremdung. Mit einer Foto-Ausstellung, die das Thema symbolisch darstellte, wurden die Teilnehmer eingestimmt. Wenn das Kind den Kontakt zu einem Elternteil verliert, kann die Trennung den Nachwuchs krank machen: Kinder geraten in Loyalitätskonflikte, verdrängen aus Selbstschutz Erinnerungen an den abwesenden Elternteil oder empfinden ihn als Feind. Konzentrations- und Schlafstörungen, Depressionen und Aggressionen sind Symptome, die von Experten unter dem Begriff „Parental Alienation Syndrom“ (PAS) zusammengefasst werden.
Exakt 10,4 Prozent aller Minderjährigen in Bayern sind von Scheidung betroffen, sagte Kinderkommissionsvorsitzende Simone Strohmayr (SPD). Nicht eingerechnet seien Kinder aus gescheiterten Beziehungen unverheirateter Eltern. Der Verein „Väteraufbruch für Kinder“, eine Organisation für gemeinsame elterliche Verantwortung, schätzt, dass rund 1,5 Millionen Vätern in Deutschland der Kontakt zu ihren Kindern erschwert oder verweigert wird – Fälle, in denen dies wegen Gewalttätigkeit des Vaters erforderlich ist, ausgenommen.
Laut einer Studie des Bundesjustizministeriums lehnen rund 22 Prozent der Mütter nach Trennungen ab, dass ihre Töchter oder Söhne Kontakt zu den Vätern haben, obwohl ein gemeinsames Sorgerecht besteht. Doch auch viele Mütter werden aus der Familie „herausgekegelt“, wie der frühere Familienrichter Jürgen Rudolph aus langjähriger Erfahrung berichtet. Ein solches Verhalten vieler Mütter und Väter nach Trennungen sei „in gleichem Maße perfide“. Wenn einer den Gerichtssaal als Sieger und einer als Verlierer verlasse, habe immer das Kind verloren, betonte Rudolph. „Bei Trennungen muss die Sichtweise des Kindes in den Mittelpunkt gestellt werden.“
Der ehemalige Richter hat das so genannte Cochemer Modell mitbegründet, das kindgerechte Umgangsvereinbarungen zum Ziel hat: Gibt es Streit, wer die Kinder wann wie lange sehen darf, arbeiten Familiengericht, Jugendamt, Anwälte, Beratungsstellen und Gutachter eng zusammen, um rasch eine von allen akzeptierte Umgangsregel zu finden. Zunächst verpflichtet das Gericht die Eltern, sich binnen zwei Wochen mithilfe geschulter Helfer auf eine Lösung für den Umgang zu einigen. Erst dann wird der Fall vor Gericht juristisch geregelt. Drei Monate danach gibt es einen zweiten Gerichtstermin, um zu prüfen, ob die Umgangsregelung eingehalten wird. In 98 Prozent der Fälle, die nach diesem Modell gehandhabt wurden, konnte ein Einvernehmen der Eltern sowie ein gemeinsames Sorgerecht erreicht werden. „Entscheidend ist das frühe und schnelle Eingreifen“, betonte Rudolph. Als positive Beispiele nannte er Dänemark und Norwegen. Dort sind Eltern im Falle einer Trennung verpflichtet, sich von Mediatoren helfen zu lassen. Ebenso entscheidend sei es, die Aus- und Fortbildung von Familienrichtern zu verbessern. „Bislang werden die meisten Richter unvorbereitet mit dem sensibelsten Bereich einer Familie konfrontiert“, kritisierte Rudolph.


Familienrichter sind häufig überfordert


Die Diplom-Psychologin Christiane Förster, Vorsitzende des Vereins PAS-Eltern, sieht nicht nur die Richter überfordert. Auch Fachkräfte in den Behörden seien häufig hilflos, berichtete sie. „Dadurch wird der Entfremdungsprozess verschlimmert und die Kinder verlieren eine Hälfte ihrer Wurzeln.“ Handlungsbedarf sieht Rudolph auch, was die Gesetzeslage anbelangt. Statt dem „Kindswohl“ solle im Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) die „Elternverantwortung“ betont werden.
Eine interdisziplinäre Ausbildung der Fachkräfte sowie die Kooperation der Beteiligten nach dem Vorbild des Cochemer Modells sollten im Gesetz verankert werden. „Das Kindswohl ist lediglich ein Schutzschild für die Hilflosigkeit der Beteiligten.“ Sollte ein Bundesland mit einer Bundesratsinitiative eine entsprechende Gesetzesänderung anstoßen, sehe er gute Chancen, betonte Rudolph. (Robert Zsolnay)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 41 (2017)

Sollen Ein- und Zwei-Cent-Münzen abgeschafft werden?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 13. Oktober 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Thomas Mütze, finanzpolitischer Sprecher der Landtags-Grünen

(JA)

Ulrich Binnebößel, Zahlungsexperte beim Handelsverband Deutschland (HDE)

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
BR Player
Bayerischer Landtag
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.