Landtag

„Die Kameradschaft im Landtag ist kälter geworden“, sagt Thomas Goppel. (Foto: dpa)

14.11.2014

"Viele haben Angst, anzuecken"

Interview: Landtags-Senior Thomas Goppel über sein 40-jähriges Parlamentsjubiläum

Er ist der dienstälteste Abgeordnete im Landtag, war Kultusstaatssekretär, Umweltminister, Europaminister, Wissenschaftsminister und auch CSU-Generalsekretär. 2008 schied der heute 67-Jährige aus der Regierung aus – Horst Seehofer entschied damals, den über 60-Jährigen nicht wieder zu berufen. Jetzt feierte Thomas Goppel, ein gelernter Lehrer, sein 40-jähriges Landtagsjubiläum.

BSZ: Herr Goppel, gab’s in den 40 Jahren Ihrer Landtagszugehörigkeit Zeiten, in denen Sie sich gesagt haben: Jetzt tät’s eigentlich reichen?
Thomas Goppel: Solche Momente gab es vor 1986, also bevor Franz Josef Strauß mich ins Kabinett geholt hat. Da hab ich zu meiner Frau gesagt: Wenn ich jetzt weiterhin ausschließlich die normale Abgeordnetenbank drücken muss, geh ich zurück in den Schuldienst.

BSZ: War’s Ihnen als einfacher Abgeordneter zu langweilig?
Goppel: Nein! Ich habe mich unterfordert gefühlt – es stellt sich einfach eine gewisse Ernüchterung ein, wenn man jahrelang das Gleiche macht und sich nichts ändert. Die Frage, die sich dann stellt, ist doch: Will ich nur zum Absegnen gemeinsam erarbeiteter Ergebnisse im Landtag sitzen oder will ich eigenständig gestalten? Mein Ziel war es immer, selbst zu gestalten, und das hat mir in den Jahren vor 1986 schon gefehlt.

BSZ: 1986 berief Strauß Sie zum Kultusstaatssekretär – waren Sie zufrieden?
Goppel: Sehr. Die Jahre unter Wissenschaftsminister Wolfgang Wild, das war meine spannendste Zeit in der Regierung. Wild war ein Minister, wie man ihn sich als Staatssekretär nicht besser wünschen konnte: Er hat mir richtig viele Freiheiten gelassen. Jeden Morgen haben wir uns zusammengesetzt und gemeinsam besprochen, was anliegt. Sehr viel Freiraum gab es da. Ich hab mich richtig sauwohl gefühlt mit ihm. Leider blieb Wild nur drei Jahre im Amt.

BSZ: Und wie lief’s mit seinem Nachfolger Zehetmair?
Goppel: Das war keine einfache Zeit. Hans Zehetmair war das genaue Gegenteil von Wolfgang Wild: Er ließ eben solchen Freiraum nicht. Nach der Landtagswahl fragte mich Max Streibl, ob ich im Wissenschaftsministerium bleiben oder lieber Europaminister werden wollte – ich entschied mich für Europa. Und zwar wirklich nicht deshalb, weil ich lieber Minister als Staatssekretär sein wollte – der Bildungsbereich hätte mich sehr wohl gefesselt. Schließlich bin ich gelernter Lehrer und wollte in dem Umfeld des Unterrichtes schon damals viel verändern.

BSZ: Was?
Goppel: In der Lehrerbildung liegt viel im Argen. Lehrer kümmern sich zu wenig um die Kinder – und zu viel um Lehrpläne, überambitionierte Eltern, Lehrerbesoldung und Verwaltungskram. Natürlich gibt es auch dort Ausnahme-Asse.

BSZ: Ihr Vater war lange Jahre Ministerpräsident in Bayern – haben Sie es als Vorteil oder eher als Nachteil empfunden, Kind eines Spitzenpolitikers zu sein?
Goppel: Anstrengend war es schon, ständig den Vergleich mit dem Vater zu erleben. Aber ein Nachteil war das – bei dem Vater – am Ende keinesfalls. 

BSZ: Was hat sich im Landtag am stärksten verändert?
Goppel: Die Kameradschaft der Fraktionen untereinander ist kälter als in der Startzeit. Früher war der Zusammenhalt stärker, da ging es den Abgeordneten mehr um die gemeinsame Sache, und dafür haben sie fraktionsübergreifend gekämpft. Da haben wir uns auch abends mal zum Bier getroffen und nach den Themen gesucht, die Neues anstoßen halfen.

BSZ: Und warum ist das jetzt nicht mehr so?
Goppel: Mein Eindruck ist, dass es bei den Oppositionsfraktionen keinen mehr gibt, der weiß, dass man auch in der Opposition Gestaltungspflichten hat. Stattdessen registriere ich einen wachsenden Oppositions-Grant darüber, dass es nach wie vor nicht gelingt, die CSU-Regierung abzulösen. Das liegt ja doch inzwischen bald sechzig Jahr zurück.

BSZ: Sind Sie denn mit Ihrer eigenen Fraktion zufrieden?
Goppel: Mir fällt auf, dass auch in der CSU-Fraktion viele sehr vorsichtig geworden sind, früher waren die Debatten lebhafter! Heute haben viele Angst, anzuecken mit einer eigenen Meinung. Frei werden viele erst, wenn sie in ihrer letzten Legislaturperiode sind und nicht mehr befürchten müssen, dass man ihre Karriereambitionen durchkeuzt. Man muss aber auch mal Widerstand leisten.

BSZ: Konnten Sie das immer?
Goppel: Da müssen Sie die anderen fragen.

BSZ: Wollen Sie 2018 nochmal kandidieren?
Goppel: Nein. Ich bin jetzt 67, und irgendwann muss a Ruah sein! Sagt vor allem meine bessere Hälfte. Sie hat recht. (Interview: Waltraud Taschner)

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