Landtag

07.01.2011

Von wegen Muttersprache und Vaterland

„Almanya – Willkommen in Deutschland“ kommt bei Parlamentariern gut an

Das tut einer Geschichte nie gut: Wenn der Erzähler die Motivkreise eines Epos wie Homers Ilias in eine Kurzgeschichte überträgt, ohne auf Nebenfiguren und -schauplätze zu verzichten; wenn er sie zusätzlich mit stilistischen Mitteln wie Rückblenden und Rondi überfrachtet und so unweigerlich das Gefühl für das Verhältnis zwischen erzählter Zeit und Erzählzeit verliert.


Spiel mit Klischees versus zementierte Vorurteile


Das kann auch im Kino passieren, und an dieser übertriebenen Liebe zum Detail leidet der Film Almanya der Regisseurinnen und Drehbuchautorinnen Yasemin und Nesrin Samdereli: Die beiden Schwestern erzählen die Geschichte einer Familie türkischer Einwanderer über drei Generationen hinweg: eine Mischung aus Einwandererschicksal, türkisch-deutscher Kulturgeschichte, Alltagsproblematik, Familiensaga und – als Höhepunkt der Peripetie – Sinnieren über das Sterben mit Alles-wird-gut-Botschaft. Dass exakt derselbe Themenbereich nachwirkender, weil stringenter verfilmt werden kann, beweist Fatih Akin in Solino.
Dennoch war es gut, dass der Landtag, der Film Fernseh Fonds (FFF) Bayern und die Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) Almanya für seine Reihe „Kino im Landtag“ ausgesucht hat: Schließlich werden im Plenarsaal zum Thema Integration regelmäßig Debatten geführt, die auf zementierten Vorurteilen basieren. Die hegen sämtliche Fraktionen und finden sich ebenso in arglosen Multikulti-Plädoyers wie in beinharter Flüchtlingspolitik wieder.
Ebensolche zementierten Vorurteile bediene der Streifen der beiden Debütantinnen aber nicht, lobte Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU). Dafür sei das Werk „Spiegelbild statt Nabelschau“. In der Tat trifft dies auf mehrere Sequenzen zu: Beispielsweise wenn Ressentiments geschildert werden, die der türkische Kulturkreis des Films gegenüber Deutschen hegt: Da kolportiert die Dorfjugend in Ostanatolien, Deutsche seien Kannibalen, weil sie Jesus’ Leib verspeisen und von seinem Blut trinken, nachdem sie ihn lebendig an ein Kreuz genagelt hatten. Solche Klischees sind nicht nur amüsant, sondern legen jedem vernunftbegabten Menschen den Schluss nahe: Wenn andere nachweislich falsche Vorstellungen über meinesgleichen verbreiten, dann habe ich möglicherweise ganz ähnliche ihnen gegenüber.
Bayerns Integrationsbeauftragter Martin Neumeyer (CSU) war ebenso angetan von Almanya wie Zuschauer Gürsoy Karaca aus Kelheim. „Ich habe mich durchaus in manchen Szenen wiedergefunden“, sagte der Familienvater in breitem bayerischen Dialekt. Klar, manche Klischees sind nun mal Nachbildungen der Realität. Der im Jahr 1987 im Alter von 16 Jahren Eingewanderte ergänzte mit schelmischem Blick: „Das kann ich auch auf Hochdeutsch sagen, so ist es nicht!“ Darauf folgte Lachen im Publikum. Immerhin kann man in aller Kürze Vorurteile nicht effektiver widerlegen, als Karaca es tat.
Auch ein anderer zeitlich knapper Beitrag hat gezeigt, dass in der Kurzform mannigfache Akzente stecken können – wenn man pointieren kann: Das kann Mirjam Orthen, Studentin der HFF München, in ihrem als Vorfilm gezeigten 13-Minüter Vatersprache: Der handelt von einer türkischstämmigen Frau, die die Sprache ihres Vaters nicht beherrscht. Für sie wird der Besuch von Verwandten aus der „alten Heimat“ zu einer Babel-Erfahrung mit Happy End. Kulturelle Zerrissenheit, Assimilation, Vater-Tochter-Konflikt, Familienbande: Alle diese Themen werden angerissen, aber nicht aufgelöst: ein treffliches Sinnbild dafür, dass Integration immer im Prozess bleiben wird – Gesetzgebung hin oder her. Das ist nicht zwingend schlimm, sondern kann spannend sein. (Alexandra Kournioti)

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