Landtag

Auch das gehört zu kultureller Bildung: Eine Schulklasse spielt Theater. (Foto: ddp)

23.07.2010

Wenn das Klassenzimmer zum Wilden Westen wird

„Mit Kultur Grenzen überwinden“ – SPD-Landtagsfraktion spricht mit Kulturschaffenden über Wege zur besseren Integration von Migranten

Griechen spielen Bouzouki, Portugiesen singen Fado und Spanier tanzen Flamenco. Das Wissen der Einheimischen über die Kultur von Einwanderern ist meist auf Stereotype beschränkt. Wer weiß schon etwas über die zeitgenössische Kunstszene in Athen, Lissabon, Madrid & Co.? Auch ob und wie Migranten am deutschen Kulturleben teilnehmen, ist den meisten Bürgern nicht bekannt. „Unsere Begegnungen sollten sich aber nicht auf Folklorefeste mit DönerStand beschränken“, sagte Hans-Georg Küppers, Kulturreferent der Stadt München, bei der kulturpolitischen Diskussionsreihe Talk im Max.
Ähnlich wie bei den Einheimischen gelte es, auch bei Migranten die unterschiedlichen Milieus zu berücksichtigen: „Ein Akademiker stellt andere Ansprüche an Kultur als ein Nicht-Akademiker. Das ist auch unter Migranten so“, sagte Küppers, der aus dem Ruhrgebiet stammt. Deshalb attestierte ihm der langjährige SPD-Abgeordnete und Moderator Peter Hufe augenzwinkernd einen „eingeschränkten Migrationshintergrund“.
Mindestens Letzteren hatten auch die übrigen Teilnehmer: Axel Schwarz, Dozent an der Pop-Akademie in Mannheim; die Ostfriesin Isabell Zacharias, integrationspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion, sowie die türkischstämmigen Özlem Sarikaya, Moderatorin des Interkultur-Magazins Puzzle des Bayerischen Rundfunks, und Sevgi Soykök, Geschäftsführerin des Münchner Instituts für Integration und interkulturelle Pädagogik.
Hufe bilanzierte den Status quo in Sachen Integration nüchtern: Obwohl in Deutschland jedes dritte Kind unter zehn Jahren einen Migrationshintergrund habe, sei die Teilhabe von Migranten am kulturellen Geschehen unterdurchschnittlich. „Von Chancengleichheit sind wir weit entfernt“, konstatierte er.
Dies liege allerdings nicht am mangelnden Willen der erwachsenen Migranten, ihre Kinder kulturell zu fördern. „Türkische Eltern wollen genauso, dass ihre Kinder weiterkommen wie deutsche Eltern“, sagte Sarikaya. Mit ihrer Biografie ist die BR-Moderatorin durchaus ein Vorbild für andere, insbesondere weibliche Migranten: In Deutschland geboren, ist sie im Alter von drei Jahren als so genanntes Kofferkind in die Obhut ihrer Großeltern in die Türkei geschickt worden. Zurück in Deutschland, besuchte sie Kindergarten, Grundschule und Gymnasium. Obwohl Sarikaya ihre schulische Laufbahn ohne Probleme absolvierte, habe sie zunächst eine Ausbildung absolviert, weil sie sich ein Studium nicht zutraute.
Dabei sei Journalistin zu werden, stets ihr Traum gewesen. „Aber ich dachte lange, Journalismus ist nichts für Mädchen mit einem Migrationshintergrund“, sagte Sarikaya. Schließlich studierte sie, der die Universität zunächst unerreichbar erschien, doch Politikwissenschaften. Heute moderiert sie als Einzige im deutschen Fernsehen ein interkulturelles Kulturmagazin.
Auch Sevgi Soykök hat einen türkischen Hintergrund und einen Bildungsweg, auf den sie stolz sein kann: Nach Haupt-, Real- und Fachoberschule ließ sie sich zur Bankkauffrau ausbilden, bevor sie Soziale Arbeit studierte. Heute arbeitet sie als Sozialpädagogin an jener Münchner Hauptschule, die sie einst selbst besuchte. In ihrem Projekt „Starke Wurzeln, starke Persönlichkeit“ betreut sie Migrantenkinder und lehrt diese ihre Binationalität als Chance zu begreifen. „Ich erlebe täglich, dass man den Kindern kulturelle Möglichkeiten aufzeigen muss – dann ergreifen sie und ihre Eltern sie auch“, sagte sie.
Ähnliche Erfahrungen macht Axel Schwarz, Dozent an der staatlichen Pop-Akademie in Mannheim. Seine Studenten betreuen im Rahmen des Projekts „InPop“ jugendliche Migranten in Problemvierteln. Gesang, Texten, Komposition: „Es ist etwas ganz Besonderes für die jungen Leute, dass sie selbst Kultur machen können“, sagte das Gründungsmitglied der Jule Neigel-Band.
Auch Küppers plädiert dafür, „dass wir in die Stadtteile gehen“. Dazu müssten Lehrer entsprechend ausgebildet und Ganztagsschulen, an denen kulturelle Bildung zum festen Bestandteil des Unterrichts gehört, Usus werden.
Letzteres war Wasser auf die Mühlen von Zacharias: „Wir brauchen die Ganztagsschule für alle“, forderte sie. Außerdem werde eine Agentur benötigt, an die sich die Schulen wenden könnten, um dort Kunstschaffende zu engagieren. „Das könnte in Bayern die Landesvereinigung kulturelle Bildung leisten“, sagte die Abgeordnete. Sie bedauerte, dass es in Bayern keine Förderrichtlinie für kulturelle Bildung gebe, wie sie die Stadt München habe. Zacharias: „Darauf bin ich neidisch.“ Dafür sei ihr via Antrag gelungen, einen Landeskulturtag durchzusetzen. Allerdings bange sie, ob und wie dieser im kommenden Haushalt berücksichtigt werde.
In einem waren sich die Diskutanten einig: Ein gesellschaftlicher Mentalitätswechsel gegenüber Migration sei überfällig. Küppers: „In München leben bis zu 150 unterschiedliche Nationen. Ohne sie wäre die Stadt nicht so weit.“ Allerdings machte er auch keinen Hehl daraus: „Migration ist eine Bereicherung – aber sie belastet auch.“ Fremdenfeindlichkeit dürfe man keine plumpe Fremdenfreundlichkeit gegenüberstellen, denn „Menschen mit Migrationshintergrund sind nicht alle gleich, aber auch nicht völlig anders als wir alle.“ (Alexandra Kournioti)

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