Landtag

Mit welchen Themen und Techniken lassen sich die Kinogänger von morgen ins Lichtspielhaus locken?(Foto: DAPD)

01.07.2011

Zwischen Zuckerbrot und Peitsche

Filmgespräch der FDP-Fraktion: "Öffentlich-rechtlicher Rundfunk und Kino – Machtverhältnis oder Partnerschaft?"

Kein Gespräch rund um Filmfinanzierung ohne einen Schwerpunkt zur Nachwuchsförderung: So auch bei der Podiumsdiskussion „Öffentlich-rechtlicher Rundfunk und Kino – Machtverhältnis oder Partnerschaft?“, die die FDP-Fraktion im Senatssaal des bayerischen Landtags veranstaltet hat. Tenor: Finanzielle Unterstützung für Berufseinsteiger muss es auch in Zukunft geben. Einige Teilnehmer waren allerdings der Meinung, dass es zu viele Studienangebote für Filmemacher gibt. Stattdessen sei eine Konzentration auf einzelne Standorte bundesweit notwendig.


"Manche Redakteure sind hochbezahlte Feiglinge"


Julika Sandt, medienpolitische Sprecherin der Liberalen, erörterte die Chancen für junge Talente mit folgenden Gästen: Cornelia Ackers, Redakteurin des Bayerischen Rundfunks, Uli Aselmann, Vorstand der Produzentenallianz, Oliver Berben, Geschäftsführer der Constantin-Film-Produktion, Thomas Frickel, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm, Jan S. Kaiser, Geschäftsführer von Bavaria Fernsehproduktion und Bavaria Pictures GmbH, Willi Kamarad, Geschäftsführer von Dreamfilms, und Andreas Richter, Produzent der Filme Wer früher stirbt, ist länger tot und Almanya. Sandt bedauerte, dass trotz Einladung keine Macher von Telenovelas zum Podiumsgespräch erschienen waren.
Nachwuchsfilmern und -regisseuren müsse reiner Wein eingeschenkt werden: „Aufträge wachsen nicht in den Himmel“, sagte Aselmann. Er findet, dass es in Deutschland zu viele junge Filmemacher für zu wenige Angebote gibt. Dass „jede Medienschule das Fach Regie anbietet“ führe zu „einer Verwucherung an Ausbildung, die nicht guttut“. Zudem befänden sich einige dieser Schmieden an Standorten, an denen gar keine Filmbranche angesiedelt ist.
Frickel bemühte ein Bild, um das Überangebot an Zelluloid-Künstlern zu verdeutlichen: „Gehen wir mal davon aus, dass plötzlich alle Filmschulen geschlossen würden. Selbst dann könnte man mit den taxifahrenden Kreativen alle Filme der nächsten 40 Jahre abdrehen“, meinte der Dokumentarfilmer.
Kaiser stimmte seinen Kollegen teilweise zu. In der Tat gebe es zu viele Aspiranten für die zirka 400 Kinofilme, die im Jahr deutschlandweit realisiert würden. Indes: „Wenn es um Kinofilme geht, sprechen wir von Hochkultur. Filmemacher werden aber auch in anderen medialen Bereichen gebraucht.“ Um seinen Standpunkt zu erläutern, bemühte Kaiser ein Bild, das zur laufenden Frauen-Fußballweltmeisterschaft passt: „Kinofilme sind die Königsklasse, vergleichbar mit der Champions League im Fußball. Trotzdem muss es auch einen FC Neubiberg geben.“ Schließlich wisse man nicht, welche Art von neuen visuellen Medien in Zukunft bedient werden müssten. Beispielsweise gebe es Überlegungen, Nachrichtenformate auf Flatscreens an sämtlichen Haltestellen der öffentlichen Verkehrsmittel zu kommunizieren.
Ackers – sie betreut beim BR unter anderem die Reihe Debüt im Ersten redaktionell – betonte, dass den öffentlichen-rechtlichen Fernsehanstalten Nachwuchsförderung sehr wichtig sei. Spätestens an diesem Punkt wurde das eigentliche Thema der Podiumsdiskussion in den Vordergrund gerückt: Ob die öffentlich-rechtlichen Sender die Filmbranche ausreichend finanzieren. Naturgemäß – sämtliche Diskutanten gehören der Filmbranche an – lautete die Antwort: „Nein“. Einig war man sich, dass das Budget von insgesamt 7,5 Milliarden Euro innerhalb der Anstalten zugunsten der Filme umgeschichtet werden müsse. „Damit sollten sie Dinge finanzieren, die sich der freie Markt nicht leisten kann“, forderte beispielsweise Frickel.
Berben sieht das ähnlich, betonte jedoch: „Es muss aber auch in populäre Formate investiert werden.“ Ackers wiederum verteidigte ihre Zunft, TV-Redakteure. Manche von Letzteren sind nämlich in Frickels Augen „hochbezahlte Feiglinge“, denen es an Mut für kreative Umsetzungen fehle. Ackers hielt dagegen: „Es gehört zu meinem Alltag, dass auf meinem Schreibtisch kleinmütige Projekte landen.“ Diese lehne sie aber nicht ab, wenn sie darin eine gute Idee erkenne. „Stattdessen sage ich zu den Machern: ,Habt den Mut, diese Geschichte zu Ende zu erzählen’.“
Zudem kämpfe sie für herausragende Talente wie den Regisseur Dominik Graf, auch wenn dessen Stil nicht den Massengeschmack treffe. Andererseits weigere sie sich, gewisse Formate umzusetzen. Als Beispiel nannte sie das Konzept zu einem Film über einen Selbstmord-Attentäter mit „Lachinseln“. Mutig sei dagegen gewesen, einen Dialekt-Film wie Wer früher stirbt, ist länger tot zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr auszustrahlen. Richter, Produzent des an diesem Abend häufig zitierten Erfolgsfilms (siehe Infospalte), brach eine Lanze für die öffentlich-rechtlichen Anstalten. Zwar sei das finanzielle Verhältnis zum Kinofilm „kein gesundes“. Dennoch bestehe eine Basis. Und: „Manche Regisseure können nur da ihre Filme machen.“ Berben war es schließlich, der auch Forderungen an die eigene Branche formulierte: „Natürlich nehmen wir jeden Sendeplatz, den wir bekommen können, aber wir müssen auch die Filme dafür liefern.“ Als positiv bewertet er, dass das ZDF künftig den Donnerstag zum Spielfilm-Tag machen wolle. „Es muss aber auch klar sein, dass wir nicht genug deutsche Filme für diesen Termin liefern können.“
War es Zufall, dass eine Frage aus dem Publikum nicht beantwortet wurde? Ein Zuhörer hatte wissen wollen: „Wären Sie damit einverstanden, wenn auch Filme, die im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zur Hauptsendezeit laufen, von Werbung unterbrochen werden?“(Alexandra Kournioti)

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