Leben in Bayern

Am Münchner Gärtnerplatz: Die Stadt setzt Konfliktmanager ein, um dem Partylärm von Feiernden in der Nacht entgegenzuwirken. (Foto: Matthias Balk/dpa)

12.09.2017

Ballermann mitten in der City

Die einen verbieten den Alkoholverkauf in der Nacht, die anderen haben Runde Tische ins Leben gerufen: Vor allem Großstädte kämpfen im Sommer mit Lärm, Müll und Wildpinklern. München setzt Konfliktmanager ein, um Krach zwischen Feiernden und Anwohnern zu verhindern

An lauen Sommerabenden verwandeln sich Straßen, Plätze und Grünanlagen in Freiluft-Terrassen und Open-Air-Bars. Das Bier vom Kiosk schmeckt auf dem Bürgersteig oder Rasen immer mehr Leuten - weniger schmeckt das jedoch den Anwohnern, die sich in ihrer Nachtruhe gestört fühlen. Denn nicht selten läuft Musik oder weiten die Nachtschwärmer ihre Gespräche bis in die Morgenstunden aus.

Deswegen beauftragt das Sozialreferat der Stadt München Konfliktmanager. Das "Allparteiliche Konfliktmanagement in München" (kurz: AKIM) versucht das "gute Miteinander im öffentlichen Raum" zu bewahren, wie es per Flyer bewirbt. Mit knallroten Westen beginnt der Einsatz der Konfliktmanager, wenn die Sonne untergegangen ist. Am Wochenende drehen Traudl Baumgartner und ihr Team von etwa 23.00 bis 4.00 Uhr jeweils zu zweit ihre Runden um die beliebten Plätze.

Einer davon ist der Gärtnerplatz. An warmen Sommernächten sitzen Hunderte von Münchnern zwischen Blumen auf dem Rasen oder auf den Bänken. Die Konfliktmanager sollen zwischen Anwohnern und den vor allem jungen Menschen vermitteln. Ihr Job ist es, auf Augenhöhe mit allen Beteiligten zu sprechen - und zwar dann, "wenn ein Einsatz der Polizei unverhältnismäßig wäre". Dafür werden sie mit Schulungen auf die Gespräche mit den oft auch angetrunkenen Menschen vorbereitet. "In den meisten Fällen reagieren die Personen, die wir ansprechen verständnisvoll", sagt Projektleiterin Baumgartner.

Die Straße wird zur Müllhalde, der Hinterhof zur Toilette

Eine besondere Herausforderung ist es, die sogenannten Lärmspitzen zu vermeiden. So werden die unberechenbaren Geräusche wie das Bimmeln der Straßenbahn oder das Grölen von Betrunkenen auf der Straße genannt. Kurzzeitig wird ein Dezibel-Wert von bis zu 95 erreicht, der vergleichbar mit einem startenden Flugzeug oder dem Martinshorn ist. Das ist der Lärm, der die Anwohner aus ihrem Schlaf reißt.

Wie Baumgartner erklärt, gibt es ein Grundlevel an Lautstärke, wenn sich zum Beispiel etwa 1000 Leute am Gärtnerplatz aufhalten. Doch einzelne Gruppen seien lauter. Und genau diese versuchen die Ruhehüter der Stadt anzusprechen. "Es geht zum einen darum, dass der Pegel nicht überschritten wird und dass die Gruppen sich nicht gegenseitig hochschaukeln und der Lärm wächst", sagt Baumgartner.

Private Initiativen von Gastronomen und Anwohnern haben sich bereits vor drei Jahren gefunden. Regelmäßig gibt es Runde Tische, an denen mit den Wirten über Lösungen für mehr Nachtruhe nachgedacht wird. Sprecher für seine Nachbarn und Gründer der Initiative "Feierzitrone" ist Steve Kother. Seit 15 Jahren wohnt er im Glockenbachviertel und bemerkt, wie sein Stadtteil immer mehr "zum Ballermann der Stadt" verkomme. Neben dem Lärm würden Feiernde die Straße in eine Mülltonne und seinen Hinterhof in eine Toilette verwandeln. "Das ist keine Partymeile - das ist eine Wohngegend", empört Kother sich. Doch sei er - wie die Nachbarschaft - langsam resigniert. Die Konfliktmanager der Stadt seien ein guter Anfang, aber lösten das Problem nicht.

Kein Alkohol an Kiosken nach 23.30 Uhr

Die fungieren allerdings bereits als Vorbild: "Es gab schon einen Austausch mit Köln. Dort gibt es den Brüsseler Platz, der vergleichbar mit unserem Gärtnerplatz ist", sagt die Leiterin der Mediationsstelle für Gemeinwohl der Stadt München, Eva Jüstin. Dort dürfen sich Besucher derzeit nur bis Mitternacht aufhalten. Bereits ab 23.30 Uhr dürfen Kioske keinen Alkohol mehr verkaufen. Auch das Nürnberger Ordnungsamt hat sich nach eigenen Angaben über das Münchner Projekt informiert und Unterlagen zuschicken lassen - konkrete Pläne für Konfliktmanager in Nürnberg gibt es aber nicht.

Andere Städte haben unterschiedliche Lösungen getestet und teils auch gefunden: In Berlin-Friedrichshain wurden 2015 Pantomime-Darsteller gegen den Krach junger Besucher und Party-Touristen in und besonders vor den Kneipen in dem Kiez eingesetzt. Das Ganze war eher weniger erfolgreich. In Frankfurt am Main haben sich auf dem Friedberger Platz nach dem Wochenmarkt am Freitagabend an wärmeren Tagen bis Mitternacht regelmäßig Tausende meist jüngerer Menschen versammelt, was wegen der Geräuschbelästigung, Müll und Wildpinkeln stets zu Anwohnerprotesten führte. Ein Runder Tisch beschloss, dass die Besucher um 22.00 Uhr den Platz verlassen müssen.

Das Thema ist auch eines für die Politik: Die Leiterin des Münchner Sozialreferats, Dorothee Schiwy, betont: "Wir müssen es schaffen beides unter einen Hut bekommen. In Florenz, Barcelona, Madrid oder andern südlichen Großstädten gehört das zu Sommerabenden dazu. Es ist ein Lebensgefühl in München - das wollen wir bewahren."
(dpa)

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