Leben in Bayern

Erstaunlich: Norbert Nedopil glaubt an das Gute. (Foto: Robert Fischer)

12.01.2018

Der Abgeklärte

Der Münchner Norbert Nedopil ist Deutschlands bekanntester Gerichtsgutachter und überzeugt: "Jeder kann zum Mörder werden"

Norbert Nedopil schaut seit 45 Jahren unerschrocken in die Seelen von Mördern, Terroristen und Sadisten. Der forensische Psychiater aus München ist überzeugt: „Jeder Mensch hat seinen Abgrund.“ Kurz vor seinem Ruhestand erklärt der 70-Jährige, warum wir uns heute vor Gewalt eigentlich kaum mehr fürchten müssen. Und was ihm selbst den Schlaf raubt.

„Weißt du wirklich, was du tust? Die Psychiater sind doch alle verrückt.“ Als Norbert Nedopil in den Siebzigerjahren in München Medizin und Psychologie studierte, prallte er mit seinem Berufswunsch so manches Mal auf Unverständnis. „Damals wurde ich noch gewarnt“, sagt der heute 70-Jährige und lacht. Beirren ließ er sich von solchen Warnungen natürlich nicht. Und so wurde Nedopil zu Deutschlands bekanntestem Gerichtsmediziner. Nach einem Abstecher nach Würzburg übernahm er 1992 die Abteilung für Forensische Psychiatrie an der Psychiatrischen Klinik und Poliklinik der Universität München. In seinem Berufsleben begutachtete er Tausende von Probanden.

„Wir sind nicht mehr an Gewalt gewöhnt“

Nedopil hat in die Abgründe der Seelen der gefährlichsten Verbrecher geblickt. Darunter zum Beispiel in die des sogenannten Maskenmanns, der drei Buben aus einem Schullandheim entführte und ermordete. Oder auch in die eines Lkw-Fahrers, der sechs Prostituierte strangulierte. Magnus Gäfgen, der 2002 den elfjährigen Jakob von Metzler erdrosselte und von den Eltern Lösegeld forderte, bescheinigte Nedopil Schuldfähigkeit. Und auch die Hauptangeklagte im NSU-Prozess, Beate Zschäpe, hat er begutachtet.

Es sind nicht nur solch spektakuläre Verbrechen, die regelmäßig die Zeitungen füllen. Nahezu täglich liest man von Sexualverbrechen, Mordfällen oder Anschlägen. Kein Wunder, dass viele Menschen Angst um ihre Sicherheit haben. Eine Angst, die Norbert Nedopil nicht teilt. „Wir sind nicht mehr an den Umgang mit Gewalt gewöhnt“, erklärt er. Dass heute das Leben deutlich friedlicher sei als zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs, sei natürlich klar, erklärt er. „Doch selbst in der Nachkriegszeit gab es auf Bierfesten noch regelmäßig Messerstechereien“, betont der 70-Jährige. Mit dem Messer ins Bierzelt zu gehen sei damals völlig normal gewesen. Eine alltägliche Gewalt, die junge Menschen heute glücklicherweise nicht mehr kennen. Inzwischen würden Kinder nicht mehr gezüchtigt, die Gewalt in der Familie habe insgesamt abgenommen und auch auf dem Schulhof werde nicht mehr gerauft, sagt Nedopil.

Und dennoch: Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Welt immer gefährlicher werde. Warum? „Wenn wir glauben, die Welt ist gefährlich, reicht eine Tat, um uns in unserer Ansicht bestätigt zu fühlen“, erklärt Nedopil. Experten nennen das „confirmation bias“ (Bestätigungsfehler). Nedopil nennt noch zwei weitere Gründe für diese Entwicklung: Je weniger passiert, desto mehr würden Medien einzelne Ereignisse aufbauschen, glaubt er. So sei zum Beispiel die Zahl von Kindesmissbrauch gesunken, die Veröffentlichungen zu diesem Thema hätten sich allerdings fast verzwanzigfacht. Außerdem würden die Menschen immer älter. „Die ältere Population hat mehr Angst vor Verbrechen“, erklärt der Psychiater. Das habe er schon in jungen Jahren bei seinem Großvater bemerkt.

Über die Hälfte der Morde  passieren innerhalb der Familie

Und mit noch einem Missverständnis räumt Nedopil auf: Nach einem Mord in der Nachbarschaft heiße es oft: „Damit hätte ich nie gerechnet.“ Andere behaupten, sie hätten es schon immer geahnt. Ein Mord aber lasse sich nicht voraussagen, sagt Nedopil, „selbst Fachleute sind dazu nicht in der Lage.“ Was dabei auffällt: Über die Hälfte der Morde und Totschläge in Deutschland passieren innerhalb der Familie. Von den zugrunde liegenden Konflikten aber hätten Außenstehende in der Regel keine Ahnung, so der Experte. Neben Wut seien Gier, Neid, Rache, Fanatismus, Radikalisierung und die Angst, entdeckt zu werden, meist die Triebkräfte für ein Verbrechen. Und diese Triebkräfte seien über alle Menschen gleichmäßig verteilt, betont Nedopil. „Sozial integrierte Menschen können nur besser damit umgehen und haben andere Methoden, um Wut oder Vergeltung zu artikulieren.“

Nedopil ist überzeugt: „Jeder Mensch hat seinen Abgrund.“ So lautet auch der Titel seines ersten Sachbuchs, in dem er Einblicke in seine spektakulärsten Fälle gibt. Könnte also selbst ein veganer Mönch in Askese zum Mörder werden? „Ja“, sagt der Psychiater und lacht. Dieser habe zwar eine strengere Überzeugung, die ihn von Gewalt abhält. „Aber angenommen, jemand würde ihn körperlich angreifen, wäre auch er dazu in der Lage.“ Als Beispiel zeichnet er das Bild von einer Mutter, die ihr Kind beschützen muss. Bei einer akuten Bedrohung würde sie seiner Meinung nach den Angreifer töten – auch wenn es ihr keiner zutraut. Und in Ländern mit kriegerischen oder mafiösen Strukturen sei die Hemmschwelle sowieso noch viel geringer.

Wie in der deutschen Rechtsprechung gibt es für Nedopil solche und solche Morde. Die Tat einer Frau, die ihren Ehemann tötet, weil dieser sie jahrelang misshandelt hat, wiege weniger schwer als ein Mord aus reiner Lust am Morden. Besonders in Erinnerung geblieben ist dem Psychiater der Fall eines KGB-Mannes. Dieser hat in Afghanistan Frauen vergewaltigt, obwohl er wusste, dass sie dafür anschließend zu Tode gesteinigt werden. „Dafür finde ich keine anderen Worte, als zu sagen: Das ist das Böse.“ Grundsätzlich sei er aber in all den Jahren nie „Bestien“, sondern immer nur „Menschen“ gegenübergesessen. „Moral spielt für mich keine Rolle. Mich treibt die Neugier am Menschen.“

„Moral spielt keine Rolle. Mich treibt die Neugier“

Reue über einen Mord ist für Nedopil keine Voraussetzung, um in sadistischen Mördern oder fanatischen Bombenlegern einen Menschen zu sehen. „Je schwieriger die Situation, desto mehr werden Mörder im Laufe der Zeit irgendwelche Begründungen finden, um mit ihrer Tat besser leben zu können“, erläutert er. Selbst bei der Untersuchung ehemaliger KZ-Wächter aus Auschwitz hätten sich alle für unschuldig gehalten. Trotzdem glaubt Nedopil an das Gute in dieser Welt. Mord und Totschlag ließen sich zwar nie gänzlich beseitigen. „Aber wir sind auf einem Niveau, von dem man früher dachte, dass man es nie erreichen kann.“

Wenn Mörder als psychisch krank eingestuft werden, hagelt es oft Kritik. Nedopil ficht das kurz vor seinem Ruhestand nicht mehr an. „Ich weiß, dass ich in meinem Leben Fehler gemacht habe und nicht immer das erreicht habe, was ich für die Menschen, mit denen ich zu tun hatte, erreichen wollte“, räumt er offen ein. Niemals habe er aber die Realität verkannt oder bewusst getrickst, so einige der Vorwürfe. Was einem, der täglich mit Mördern, Terroristen und Vergewaltigern zu tun hat, stattdessen den Schlaf raubt? Eltern, die beim Sorgerechtsstreit ihre eigenen Interessen über das der Kinder stellen. „Da könnte ich Sachen erzählen, bei denen es einem die Schuhe auszieht.“
(David Lohmann)

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