Leben in Bayern

Die Justizvollzugsanstalt Aichach heute. (Foto:dpa)

29.11.2016

Die vergessenen Frauen von Aichach

Das Frauenforum Aichach-Friedberg will das Schicksal von 362 Gefängnisinsassinnen ans Licht holen – sie alle wurden einst ins KZ Auschwitz deportiert

Das Museum im Aichacher Frauengefängnis ist ein seltsamer Ort. Gezeigt werden ein gynäkologischer Behandlungsstuhl, Gefängniskleidung, eine Kamera, die Fotos für die Verbrecherkartei lieferte. In einer Ecke ist zu lesen, dass eine Gefangene, eine gewisse Anna G., am 19. Februar 1940 – also während der Zeit des Nationalsozialismus – 43 Nägel, 10 Näh- und zwei Stecknadeln verschluckte. Nägel und Nadeln sind zu besichtigen. Warum Anna G. und andere Gefangene sich solch eine Tourtour angetan haben, bleibt aber ebenso unklar wie das gesamte Konzept der Ausstellung. Ebenfalls ohne Erklärung bleiben auch Zeilen über „Überstellungen“ von 362 Frauen nach Auschwitz – „Strafunterbrechung“ genannt. Was für ein harmloser Name für einen Massenmord.

Das Museum der Justizvollzugsanstalt Aichach ist für die Öffentlichkeit in der Regel nur nach Anmeldung zugänglich. Gar nicht zugänglich sind die zwei schwarzen Kladden, in denen jene Gefangene erfasst wurden, die nach Auschwitz kamen. Und auch nicht zugänglich ist die interne Festschrift zum 100. Jahrestag der JVA Aichach, die der NS-Zeit immerhin 76 Seiten widmet. Diese vergessenen Frauen von Aichach haben keine Öffentlichkeit, weil ihre Geschichte auch nach dem Ende des Dritten Reiches nicht erzählt wurde.

Die Akten des Gefängnisses Aichach aus der Zeit des Nationalsozialismus und davor werden im Staatsarchiv München aufbewahrt. Öffnet man die abgenutzten, in blauem Karton eingebundenen Papiere, werden mit den Gerichtsurteilen, ärztlichen Berichten, konfiszierten Briefen, „kriminalbiologischen“ Untersuchungen und Meldungen über Arbeitsfleiß und Betragen die Schicksale lebendig. Sie sind zugleich Zeugnis von zunehmender Ausgrenzung und Repression bereits in der Weimarer Republik und Ermordungen im späteren Nationalsozialismus. Man begegnet zum Beispiel der 32-jährigen Walburga Weber, die am 16. März 1928 vom Strafgericht München in der Au zu vier Monaten Haft verurteilt wurde – „wegen einfachen Diebstahls im Rückfall“. „Hellblond, 1,56 Meter groß, 51,3 kg schwer“ wird sie als „Häftling 851“ später in der Akte des Frauengefängnisses Aichach beschrieben. Weber gehörte zu den 362 Frauen, die nach Auschwitz gebracht wurden. Ihr Schicksal wurde am 18. September 1942 im ukrainischen Schitomir, 1700 Kilometer von Aichach entfernt, entschieden. Im dortigen Feldhauptquartier einigte sich SS-Reichsführer Heinrich Himmler mit Reichsjustizminister Otto-Georg Thierack damals in der fünfstündigen Besprechung darauf, alle im Gewahrsam der deutschen Justiz befindlichen Juden, Zigeuner, Russen und Ukrainer der SS zu übergeben. Ebenso alle Polen mit mehr als einer dreijährigen und alle Tschechen und Deutsche mit einer über achtjährigen Haftstrafe. Ebenfalls betroffen: rund 15 000 Deutsche, die sich Mitte 1942 in Sicherheitsverwahrung befanden.

In Aichach beginnen Anfang 1943 die Transporte nach Auschwitz, am 26. März wird auch Walburga Weber deportiert. Innerhalb von drei Tagen werden 92 Frauen in Sicherheitsverwahrung auf den Transport geschickt. Wussten Gefängnisleitung und Vollzugsbeamte, was die Deportierten erwartete? Der Historiker Nikolaus Wachsmann konstatiert jedenfalls eine breite Zustimmung der örtlichen Gefängnisbeamten zur „Vernichtung durch Arbeit“. Manche sahen in der Überstellung auch ein willkommenes Mittel, die Überfüllung ihrer Anstalten zu verringern. In Aichach hatte Anstaltsdirektor von Reitzenstein bereits 1937 geklagt, dass die damalige Belegung von 850 Menschen kaum mehr überschritten werden könne. Im Juni 1943 aber lag der Gefangenenstand – nach den Transporten – bei 1900.

Verdrängt: Niemand interessierte ihr Schicksal

Die Frauen von Aichach wurden in das Frauenlager Auschwitz-Birkenau eingeliefert. Das Frauenlager beherbergte zu dieser Zeit 20 000 Frauen, die dort unter infernalischen Bedingungen in Baracken und auf faulen Strohsäcken dahinvegetierten. Die Wienerin Ella Lingens, die als „Arierin“ und Ärztin durch ihre Tätigkeit im Krankentrakt überlebte, beschrieb die Zustände so: „Das Gros der Frauen glich hässlichen, alten Skeletten, die sich wie durch ein Wunder auf den Beinen hielten.“ Wer sich nicht irgendwie zusätzliche Nahrung verschaffen konnte, „starb in Auschwitz in der Regel zwischen dem vierten und dem zehnten Lagermonat“. Im März 1943, als die Frauen aus Aichach ins Lager kommen, wütete dort das Fleckfieber. „Die Mortalität lag bei etwa 80 Prozent“, so Lingens in ihren Erinnerungen Tote, Tote wohin man blickte.

Walburga Weber überlebte nicht einmal fünf Wochen in Auschwitz. Sie starb am 8. Mai 1943. Die meisten Frauen aus Aichach teilen ihr Schicksal – allerdings blieb das noch lange Zeit nach dem Ende des Dritten Reiches vergessen – wurde verzerrt und verdrängt. Sie fanden auch keinen Eingang in die Forschung zur NS-Zeit, die sich erst sehr spät dem Thema der Verfolgung von „Asozialen“ und „Gewohnheitsverbrechern“ annahm.

Dieses Vergessen aber soll nun ein Ende haben. Auf Anregung des Frauenforums Aichach-Friedberg findet am 1. Dezember im Pfarrzentrum Aichach eine Diskussionsveranstaltung zu den „Vergessenen Frauen von Aichach“ statt. Das Frauenforum will so „einen dunklen Teil der Geschichte des Frauengefängnisses ans Licht zu holen“. (Rudolf Stumberger)

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