Leben in Bayern

Walburga Dirk zeigt Klaus Miller, Leiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes in Würzburg, ihre Bilder. (Foto: Pat Christ)

17.03.2017

Ein kleines bisschen Freude schenken

Die Würzburgerin Walburga Dirk litt jahrelang an schweren Depressionen – heute engagiert sie sich als Genesungsbegleiterin für andere seelisch kranke Menschen

Hinter Walburga Dirk liegen Zeiten, in denen es nicht das kleine Fünkchen Optimismus mehr gab. Ein Gemälde von ihr veranschaulicht, wie sehr die heute 51-Jährige aus Würzburg davon überzeugt war, niemals wieder Freude oder Erfolg erleben zu können. Der Satz „ich schaffe es nicht“ läuft in Schwarz und knalligem Rot vielfach über das Blatt. Doch Dirk schaffte es. Sie lernte, mit ihren schweren Depressionen zu leben. Und setzt sich als Genesungsbegleiterin für seelisch Kranke ein.

Seit einem Jahr unterstützt Dirk das Team des Sozialpsychiatrischen Dienst (SPDi) des Erthal-Sozialwerks in Würzburg. Sie bietet verschiedene Gruppen für Menschen an, die, wie sie selbst, an Depressionen oder anderen seelischen Krankheiten leiden. Da werden zum Beispiel witzige Dinge aus gebrauchten Materialien gestaltet: Bunte Flaschenverschlüsse verzieren Vasen, aus alten Vinylscheiben entstehen Schalen. Und dabei wird geredet – über alle Themen, die gerade von Belang sind. Zum Beispiel über Partnerschaften, die Familie, den Umgang mit der Krankheit oder schöne Erlebnisse der letzten Zeit.

Seit gut zehn Jahren gibt es Genesungsbegleiter in Deutschland. Die Idee, Betroffene in die Arbeit mit seelisch Kranken einzubeziehen, kommt aus den USA. 2013 erfuhr Dirk davon, dass sich seelisch Kranke in Nürnberg zu Genesungsbegleitern ausbilden lassen können. Das sprach sie sofort an und sie beschloss, die Ausbildung zu absolvieren. Ein Jahr lang fuhr sie an insgesamt zwölf Wochenenden nach Nürnberg. Die Ausbildung habe ihr persönlich viel gebracht, sagt Dirk: „Wir sprachen zum Beispiel darüber, was denn eigentlich ‚krank’ und was ‚gesund’ ist.“ In den Kursen reflektieren die Männer und Frauen auch ihre eigenen seelischen Krisen. Das, was sie erlebt haben, entdecken sie, ist nicht nur tragisch und schrecklich, sondern auch ein wertvoller Schatz. Mit diesem Schatz können sie Menschen helfen, die heute in einer ähnlichen Situation sind.

Krisen können auch ein wertvoller Schatz sein

„Die Ausbildung hat mir nicht zuletzt geholfen, endlich Frieden mit meiner Krankheit zu schließen“, sagt Dirk. Lange Zeit, gibt die in Florenz ausgebildete Restauratorin zu, war es für sie unmöglich gewesen, zu akzeptieren, dass das Schicksal ihr ein so schweres Leiden beschert hat. Das sie zwang, Lebensträume zu begraben. So hinderte die Depression Dirk daran, eine eigene Familie zu gründen. Auch musste sie ihren Beruf als Restauratorin aufgeben – vor zehn Jahren wurde die Würzburgerin verrentet. Zwei Jahre lang lebte Dirk in einer Übergangseinrichtung für psychisch kranke Menschen, da es ihr nicht mehr möglich war, alleine im Alltag klarzukommen.

Wie schwer krank Dirk war, erkannte sie allerdings erst ziemlich spät in ihrem Leben – durch einen reinen Zufall. „Während eines Krankenhausaufenthalts wurde die Depression bei mir festgestellt“, erzählt sie. 35 Jahre alt war sie damals. Die Diagnose, so heftig sie auch war, öffnete ihr die Augen. Dirk wurde klar, warum so vieles in ihrem Leben schief lief: „Im Rückblick denke ich, dass ich bereits als Kind Depressionen hatte.“

Nun versucht Dirk anderen zu helfen, die Erkrankung durch kreative Aktivitäten zu bewältigen. Außerdem gibt es eine „Genussgruppe“, in der Menschen mit seelischen Problemen wieder lernen sollen, ein kleines bisschen Freude zu empfinden. Was gibt so ein richtig gutes Gefühl? Was zaubert ein Lächeln auf die Lippen? Dirk motiviert, im Alltag bewusst auf die Suche nach kleinen Genüssen und Freuden zu gehen. Das können unscheinbare Kleinigkeiten sein: „Ich selbst genieße es zum Beispiel sehr, im Winter warme Schuhe zu haben.“

Mit Genesungsbegleitern wie Dirk verändert sich die Arbeit in den Einrichtungen für seelisch kranke Menschen. Und das war auch höchste Zeit, meint Klaus Miller, Leiter des SPDi in Würzburg. „Wir sind in Deutschland erst spät darauf gekommen, wie sinnvoll es ist, Betroffene in unsere Arbeit einzubinden.“ Die Folge: Psychisch Kranke blieben gesellschaftlich „draußen“. Auch heute wagen es die Einrichtungen und Dienste erst allmählich, mit ehemaligen Klienten eine Partnerschaft auf Augenhöhe einzugehen und sie fest in ihr Team zu integrieren. Dirk schätzt es, dass sie plötzlich nicht mehr nur in der Rolle einer Klientin und Patienten, sondern in der einer Kollegin ist.

Dirk selbst geht offen damit um, dass sie selbst an Depressionen leidet. Sie outet sich, um Vorurteile in der Gesellschaft gegenüber psychisch Kranken abzubauen. Erzählt von ihrer Krankheit und ihrer Arbeit als Genesungsbegleiterin. Doch Pflicht ist das nicht. Walter C. aus Würzburg zum Beispiel, seit Dezember zertifizierter Genesungsbegleiter, möchte seinen vollen Namen nicht nennen. Zwar wissen viele seiner Freunde, Bekannte und Geschäftspartner, welche Herausforderung der ebenfalls an einer Depression erkrankte Handwerksmeister gemeistert hat. Da er in Würzburg aber recht bekannt ist, will er seine Geschichte lieber anonym erzählen: „Damit ich nicht dauernd angesprochen werde.“

Vorurteile gegenüber psychisch Kranken abbauen

Am Beginn von Walter C.s Weg in die Depression stand eine schmerzhafte Trennung. Er fand aus der Krise, in die ihn das Ende der Partnerschaft gestürzt hatte nicht mehr heraus. Vielleicht wäre er aber auch ohne die Trennung irgendwann zusammengebrochen, vermutet Walter C. Denn viele Jahre lang habe er alle unangenehmen und irritierenden Gefühle und Gedanken mit ganzer Kraft verdrängt. Alles andere hatte Priorität – das wurde ihm mit der Erkrankung bewusst. Auch Walter C. musste in einer Klinik behandelt werden. Ein Jahr lang konnte er nicht mehr arbeiten. „Zum Glück führte in dieser Zeit einer meiner Gesellen den Betrieb weiter“, betont Walter C., der als Genesungsbegleiter nun auch anderen helfen will und sich beim Erthal-Sozialwerk bewirbt. Denn er selbst hat erfahren: „Es gibt ein Leben nach der Erkrankung.“ Wer noch tief in der Krise steckt, kann sich das nicht vorstellen.

Seit einem Jahr ist es möglich, die einjährige Schulung auch direkt in Würzburg an der Robert-Kümmert-Akademie zu absolvieren. „Trialog in der Praxis“ (TriP) nennt sich das unterfränkische Projekt, das Betroffene, Angehörige und Profis verbindet. Schwierigkeiten bereitet derzeit noch die Finanzierung der insgesamt 2400 Euro teuren Ausbildung, so Christel Baatz-Kolbe von der Akademie. Denn die wenigsten seelisch Kranken haben die Mittel, um den Kurs zu bezahlen. Noch müssen deshalb in jedem Einzelfall Lösungen gefunden werden, wie das Geld zusammenkommt. Der Einsatz der zertifizierten Genesungsbegleiter wiederum wird vom Bezirk Unterfranken unterstützt. Er übernimmt seit Januar die Kosten auf 450-Euro-Basis. (Pat Christ)

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