Leben in Bayern

Kassandra Wedel mit ihrer Hip-Hop-Gruppe. Kassandra ist die erste und bislang einzige Gehörlose, die die Abschlussprüfung beim Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband (ADTV) abgelegt hat. (Fotos: Matthias Balk/dpa)

17.07.2017

"Ich kann das nicht? Quatsch!"

Kassandra sucht das Rampenlicht. Sie spielt im "Tatort", singt auf der Opernbühne und tanzt bei internationalen Wettbewerben. Dass die 32-Jährige nichts hört - davon lässt sie sich nicht aufhalten

Der große schwarze Kasten steht in der Mitte des Tanzsaals, ohne ihn bewegt sich hier nichts. Die Schwingungen aus der Bassbox geben Schritte und Figuren vor. Mit ihrem ganzen Körper fühlt Tanzlehrerin Kassandra Wedel nach der Musik - denn hören kann sie die Töne nicht. "Wir Gehörlosen lassen uns viel zu oft abhalten von der Taubheit. Oder von Hörenden, die sagen: Du kannst das nicht. Das ist Quatsch, ich kann sogar tanzen! Ich musste nur erst meinen eigenen Weg finden", erzählt die 32-Jährige.

Seit frühester Kindheit geht Kassandra zum Ballettunterricht, hört nicht auf, als sie mit vier Jahren ihr Gehör bei einem Autounfall verliert. Mit Hilfe eines Hörgeräts lernt sie zu Hause mühsam die Melodien auswendig. Bis sie als Jugendliche Hip-Hop entdeckt: "Ich habe die Videos auf Viva und MTV gesehen. Das war einfach eine ganz andere Art zu tanzen, das wollte ich auch!" Seitdem bleibt das Hörgerät aus. "Beat, Gesang, Melodien, das Gerät kann das nicht trennen, alles wird ein Geräusch und das klingt furchtbar. Auf mein Gefühl kann ich besser vertrauen."

So legt Kassandra schließlich auch die Abschlussprüfung beim Allgemeinen Deutschen Tanzlehrerverband (ADTV) ab. "Als erste und bislang einzige Gehörlose", erklärt Christian Götsch von der Vereinigung der Tanzschulinhaber "Swinging World". Drei Jahre dauerte die Ausbildung zur Tanzlehrerin. Seit 2004 unterrichtet Kassandra nun in einem Münchner Tanzverein.

Kassandra will gesehen werden, um zu zeigen, dass es anders geht

Und es ist schön, sie dort zu beobachten. Sieben Augenpaare fixieren die zierliche Frau vor der Spiegelwand. Gerade erklärt Kassandra die neue Choreographie - ihre Hände formen dabei die Worte. Synchron zur Gebärdensprache nutzt sie Lautsprache, problemlos gehen ihr auch die englischen Songtexte über die Lippen. Dann setzt die Musik ein, der Bass lässt die Fensterscheiben leicht vibrieren, die Gruppe beginnt zu tanzen. Im Gegensatz zur Lehrerin tragen einige Tänzerinnen Hörgeräte oder Cochlea-Implantate. Andere in der "Nikita Dance Crew" hören ohne Hilfsmittel. Als der Song vorüber ist, schlägt Kassandra auf den Boden, ruft und wedelt mit den Armen. Es dauert einige Augenblicke, bis sie die Aufmerksamkeit aller Tänzerinnen hat. Dann gehen sie die Choreographie von vorne durch.

Warum drängt es Kassandra auf die Bühne? Das Gespräch mit ihr läuft fließend. Ihrem Gegenüber liest sie von den Lippen. Bei Unklarheiten wartet sie geduldig, bis der Satz zu Papier gebracht ist. Sie suche das Rampenlicht, um gesehen zu werden. Um zu zeigen, dass es anders geht. "Die meisten Gehörlosen sind Schreiner, stehen am Fließband oder machen einen anderen Beruf vom Berufsbildungswerk für Gehörlose. Buchbinder zum Beispiel, das gibt's heute kaum noch, aber es wird dort ausgebildet. Nur wenige machen es wie ich und gehen ihren Weg." 2016 nahm Kassandra an der Fernsehshow "Deutschland tanzt" teil. Sie avanciert zum Publikumsliebling und belegt vor Prominenten wie Oliver Pocher den ersten Platz.

"Gehörlose und Hörende haben danach zu mir gesagt: Wir haben dich nicht gewählt, weil du gehörlos bist. Sondern, weil du am besten getanzt hast. Das hat mir viel bedeutet." Die Tänzerin erreichen zahlreiche Mails, Fans drehen Videos für sie und verabreden sich in Gehörlosenzentren zum Public Viewing. Diese Unterstützung habe sie gerade zu Anfang ihrer Laufbahn vermisst. Stattdessen sei ihr von anderen Gehörlosen viel Neid entgegengeschlagen.

Sie ärgert, dass Gehörlose von hörenden Schauspielern dargestellt werden

Je länger das Gespräch dauert, umso mehr begleitet Kassandra das Gesagte mit Gebärdensprache. Ihr Gesicht und ihre Gesten erzählen nun ganz automatisch mit. "Deshalb haben wir Gehörlosen eine super Mimik", erklärt sie. In den vergangenen Monaten stand Kassandra in den Münchner Kammerspielen auf der Bühne, übernahm eine Hauptrolle an der Oper Wuppertal. Auch im "Tatort" spielte sie schon. Dass Gehörlose oft von Hörenden dargestellt werden, ärgere sie. Sie hat Theaterwissenschaft studiert. Das Schauspielern aber - ähnlich wie das Tanzen - brachte sich Kassandra selbst bei. Rollen, die auf die Gehörlosigkeit reduziert sind, lehnt sie ab. Hier will sie genauso ernstgenommen werden, wie beim Hip-Hop, wo sie sich in internationalen Wettkämpfen gegen Hörende behauptete.

Das Thema Inklusion spielt bei ihrer Tanzgruppe eine entscheidende Rolle. Die Tänzerinnen streifen sich gerade violette Handschuhe über. In der nächsten Choreographie sind Gebärden ein zentrales Element. Mit diesem Tanz reist die Gruppe im August in die USA nach San Francisco zu einem Tanzfestival für Gehörlose. Zwischen den Gruppen aus Hongkong und Russland wird Kassandras Crew auffallen. Vorab bat der Veranstalter: Zumindest die Hälfte ihrer Tänzer solle hörgeschädigt sein. Denn neben Gehörlosen und Schwerhörigen sind in Kassandras Kursen Hörende explizit willkommen. Das ist bisher die Ausnahme. (Linda Vogt, dpa)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 37 (2017)

Renteneintritt mit 70 – wird das in Zukunft unumgänglich?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 15. September 2017 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Christian Hagist, Professor für Generationenübergreifende Wirtschaftspolitik an der WHU – Otto Beisheim School of Management

(JA)


Joachim Unterländer (CSU), Vorsitzender des Sozialausschusses im Bayerischen Landtag

(NEIN)

arrow
Facebook
Vergabeplattform
Vergabeplattform

Staatsanzeiger eServices
die Vergabeplattform für öffentliche
Ausschreibungen und Aufträge Ausschreiber Bewerber

E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen

Nur für Abonnenten

Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Abo Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.