Leben in Bayern

Ohne Zigarette läuft bei ihm gar nichts: Christian Stückl in seinem Büro in Oberammergau. (Foto: Jädicke)

21.07.2017

Kreativer Bühnenschreck

Christian Stückl ist Theatermann aus ganzem Herzen – und doch ist das Leben sein wichtigstes Stück: Ein Besuch in Oberammergau

Im Gasthaus der Eltern in Oberammergau wuchs Christian Stückl zwischen Knödel und Passions-Sprechproben auf. Opa, Vater, auch er selbst: Alle spielten schon den Kaiphas. Seit der 55-jährige Intendant des Münchner Volkstheaters aber Spielleiter der traditionsreichen Passionsspiele ist, werden Rollen nicht mehr vererbt. Beileibe nicht die einzige Änderung, mit der sich Stückl durchsetzte.

„Nee! Das geht jetzt nicht!“ Christian Stückl fuchtelt mit den Armen. Der Theatermann sorgt für Unruhe im sonst so beschaulichen Oberammergau. Man ist zum Interview verabredet. „Nee, ich brauch’ jetzt erst mal eine“, sagt Stückl. „Ohne Zigarette läuft gar nichts“, erklärt der Pressesprecher freundlich. Leute laufen los, suchen.

Stückl, Intendant des Münchner Volkstheaters, wird auch 2020 wieder Spielleiter der Passionsspiele in Oberammergau sein. Sein aktuelles Projekt: Die Oper Der fliegende Holländer von Richard Wagner im Passionstheater Oberammergau. Auch so eine Neuerung von ihm, um das Theater sinnvoll auszulasten. „Zwischen den Passionen haben hier doch nur die Tauben nei g’schissen“, wird er später erklären.

Stückls Büro liegt hinter einer hohen Glastür. Typisches Industriedesign. Von außen gut einsehbar. Weiße Wände, die das Sommerlicht reflektieren wie Scheinwerfer. „Wo bleibt die Zigarette?“ Stückl steht in dem hohen kahlen Raum, umgeben von Theaterutensilien. Binnen Sekunden hat er eine Schar nervöser Mitarbeiter perfekt um eine Zigarette choreografiert. Dann endlich knackt das Feuerzeug. Und das Gespräch kann beginnen.

Tradition neu erfinden, damit sie Bestand haben kann

Seit dem Zivildienst in München pendelt Stückl zwischen Oberammergau, wo er 1961 geboren wurde, und Landeshauptstadt. Beiden hält er die Treue. Oberammergau, weil dort Freunde und Familie leben und sein Haus steht, das er schon in Kindertagen haben wollte. „Das ist einfach Heimat“, sagt er, „mein Rückzugs-Ort“. München, weil auch die schönste Heimat eng werden kann.

Christian Stückl ist einer, der „raus muss“, immer unterwegs ist. Auch in seinem Kopf, wo er gedanklich rastlos auf alten und neuen Pfaden wandert. „Traditionen sinnvoll weiterträgt“, wie er sagt. Und sie gelegentlich auch neu erfindet, damit sie Bestand haben.

Ansonsten hat er mit Wandern wenig am Hut. Sport? Der bietet kaum Veränderungspotenzial, keine Reibungsfläche. Ohne sie kann er so wenig existieren wie ohne das Theater oder seine Glimmstängel. Mit 15 versuchte er sogar den Trachtenverein zu reformieren. „Mit mäßigem, sehr mäßigem Erfolg“, gesteht er. Besser gelang ihm das am Münchner Volkstheater. Seit 2002 ist er dort Intendant. Er stellte das Haus unter das Gebot „radikal jung“. Holte junge Regisseure und räumte auf mit eingefahrenen Strukturen und Sichtweisen. Und freilich machte er nicht vor Traditionsikonen halt. Den Brandner Kaspar inszeniert er mit ebenso viel Erfolg wie Furore.

Dabei hätte alles ganz traditionell enden können. Im Gasthaus der Eltern wuchs er auf zwischen Knödel und Passions-Sprechproben. Wie ein Naturgesetz folgte die Ausbildung zum Holzbildhauer. Aber die Enge der Ateliers war nichts für den kreativen Wirbelsturm. „Ich war schon damals der Bühnenschreck“, sagt er, „weil ich nirgends anders war als im Theater.“ Irgendwann entließ ihn der Leiter der Schnitzschule dorthin, wo er 1981 seine erste Theatergruppe gründete. Sechs Jahre später wurde er zum jüngsten Passionsspielleiter in der mehr als 400-jährigen Geschichte der Passion. Gleichzeitig holte Regisseur Dieter Dorn den Regie-Autodidakten an die Münchner Kammerspiele. Die erste Regiearbeit 1991 war gleich eine Uraufführung. Werner Schwabs Volksvernichtung oder meine Leber ist sinnlos. Die Zeitschrift Theater heute kürte ihn zum Nachwuchsregisseur des Jahres. Fünf Jahre blieb er an den Kammerspielen. Später inszenierte er an der Bayerischen Staatsoper und für die Salzburger Festspiele. Führte Regie an der Staatsoper Hamburg oder am Schaupielhaus Zürich. Seit 2011 kommt jedes Jahr ein Stück am Passionstheater Oberammergau dazu. 2020 wird er dort seine vierte Passion inszenieren. Aus 70 Darstellern in einer einzigen Aufführung im Jahr 1634 wurden 2010 mehr als 2000 Spieler, 110 Aufführungen in einer Spielzeit und ein Überschuss von 37 Millionen Euro.

Seither hat sich vieles verändert. „Das Passionsspiel ist schon immer dem Wandel unterworfen“, sagt Stückl. Da sei er nicht der Erste gewesen. Und doch reformierte er es von Grund auf. Mit einer Stimme Mehrheit rannte er kreativ und unerschrocken an gegen verkrustete Strukturen, Pfründe und religiöse Deutungshoheit. Den Text von 1934 befreite er von antisemitischen Zumutungen. Gemeinsam mit amerikanisch-jüdischen Verbänden und gegen den Widerstand der Oberammergauer. Auch das Frauenspielrecht kam auf den Prüfstand. Stückl: „Ich will eine Maria, die verheiratet und über 35 Jahre alt sein darf, wenn sie gut ist.“ Dafür hatten Oberammergauer Frauen 17 Jahre lang vor dem Oberverwaltungsgericht geklagt. Stückl nahm den Richterspruch durch einen Kniff im Spielrecht vorweg. Und Jesus wurde vom Leidenden zum Kämpfer. Stückl will Religionsfreiheit. „Wir sind ja kein Auffangbecken für Katholische und Evangelische“, sagt er.

Und so spielte in der Passion 2000 der erste Muslim mit. Abdullah Kenan Karaca ist heute zweiter Spielleiter und Regisseur wie Vorbild Stückl. Den Vater des Buben musste der resolute Regisseur aber erst noch überzeugen. Irgendwann gab der nach: „Ok, wenn Chef sagt, er soll spielen, dann soll er spielen. Aber mach mich nicht katholisch“, soll er damals gesagt haben. Stückl erklärt ohnehin: „Für mich ist das nicht der Muslim, sondern der Abdullah, der hier aufgewachsen ist.“

Stückls eigene Familie und Kindheit sind eng mit der Passion verbunden. „Gar nicht so sehr aus religiösen Gründen“, erzählt er. Aber die großen Rollen waren in der Familie. Opa, Vater, auch er selbst: Alle spielten den Kaiphas. Der Urgroßvater den Hohen Rat. „Das war fast wie ein Erbbauernhof“, sagt Stückl. Auch das hat er auf den Kopf gestellt. „Jetzt geht es bei der Rollenvergabe um Qualität.“

Vielen galt Stückls Wahl 1987 als Affront. Der Titel „konservativer Theaterrebell“ war da noch der eher freundliche Versuch der Kritiker, den reformfreudigen Theatermann, zu fassen zu kriegen. „Was soll das denn heißen?“, fragt er – „konservativer Theaterrebell!“ Jetzt redet er noch ein bisschen schneller. Stößt sich am Wort „konservativ“. „Traditionen muss man doch hinterfragen.“ Statt Religionsunterricht für Dorfschauspieler im Gasthaus zu verordnen, fliegt Stückl mit den 40 Hauptdarstellern zum Probenbeginn deshalb lieber nach Israel. „Wir treffen Rabbiner, Muslime, auch Holocaustüberlebende.  Wir reden über Jesus.“ „Die eigene Tradition einwerten“ nennt er das. „Das Gelübde müssen wir uns immer wieder selbst erarbeiten“, sagt er. „Das können die Vorfahren nicht für uns leisten.“

Viermal die Woche besucht er die Flüchtlingsunterkunft

Ende Juni hatte die Wagner-Oper Der fliegende Holländer im Passionstheater Premiere. Am 21. und 23. Juli ist sie noch zu sehen. Für die Inszenierung verlässt Stückl sich auf dasselbe Ensemble, mit dem er schon bei Nabucco Erfolge feierte: die Neue Philharmonie München unter der Leitung des lettischen Dirigenten Ainars Rubikis, Chorleiter Markus Zwink und Bühnenbildner Stefan Hageneier. Und natürlich den gut 180 Stimmen starken Chor aus Oberammergauer Bürgern. „Das kann er großartig, diese Massen von Menschen auf der Bühne effektvoll choreografieren“, sagt Markus Wagner, Mitarbeiter am Passionstheater. Mittags führt er durch das hochmoderne Theatergebäude und erklärt die Geschichte der Passion. Zu anderer Zeit schnitzt er Oberammergauer Schnürlkasperl. Einen, der aussieht wie Stückl, gibt es auch – nicht ohne Zigarette, versteht sich.

Stückl redet, pafft und redet. Seine Antworten kommen wie ein immerwährendes Crescendo. Dann ein erster ruhiger Blickkontakt. Die Jahre haben ein paar Furchen in das jungenhafte Gesicht gegraben. Den offen gutmütigen Blick auf den Menschen haben sie dem 55-Jährigen nicht genommen. Ein bitterer Grantler ist er nicht. Eher Menschenfreund. Vor Kurzem sei ihm da so ein Bub zugelaufen. Ein Flüchtling, sagt er. Und dessen Freund, auch ein Flüchtling, der am Abend mit den Solisten auf der Bühne steht. Und Kritiker machen einen jungen Cherubin mit Migrationshintergrund aus, der über die Bühne spaziert. Vielleicht eine Art Märchenerzähler oder himmlischer Spielleiter.

Stückl ist Theatermann, ganz ohne Zweifel. Das eigentliche Stück aber ist das Leben. „Ich merke gerad’, für mich liegen die größten Herausforderungen nicht im Theater“, sagt er. Viermal pro Woche ist Stückl in der Flüchtlingsunterkunft und ihm ist klar: „Das ist die Herausforderung unserer Zeit. Damit müssen wir umgehen. Wir müssen die Menschen nehmen und einwerten.“ Stückl tut das sehr erfolgreich – auf der Bühne, im Leben und 2020 auch wieder zur Passion. (Flora Jädicke)

Bilder:
Kreuzigung: Mit Christian Stückl wurde Jesus in den Passionsspielen in Oberammergau vom Leidenden zum Kämpfer. (Foto: Passionsfestspiele)
Stückl gibt’s in Oberammergau auch als "Kasperl", mit Kippe natürlich. (Foto: Jädicke)

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