Leben in Bayern

Nicht nur mit der Entwicklung eines interreligiösen Kalenders fördert Gabriele Lautenschläger den Dialog zwischen den Menschen. (Foto: Pat Christ)

10.11.2017

Mit Muslimen statt über Muslime reden

Die Unterfränkin Gabriele Lautenschläger ist Referentin für interreligiösen Dialog im Bistum Würzburg – ihr Wissen ist gerade äußerst gefragt

Kitas, Schulen, Vereine oder Pfarreien – Fragen haben alle zum Thema Islam. Die katholische Theologin Gabriele Lautenschläger hat Antworten. Die Beauftragte für den interreligiösen Dialog im Bistum Würzburg, hat nicht nur als erste Frau an der Theologischen Fakultät Würzburg habilitiert, sie hat auch Islamkunde studiert. Aus ihrer Sicht das Wichtigste: miteinander ins Gespräch zu kommen.

Über Arbeitsmangel kann sich Gabriele Lautenschläger nicht beklagen. Ganz im Gegenteil. „Im Moment bin ich manchmal direkt am Hecheln“, sagt die Theologin und lacht. Von Kitas, Schulen, Pfarrgemeinden – von überall her bekommt sie Anfragen. Denn Lautenschläger verfügt über eine Expertise, die gerade äußerst begehrt ist. Seit 13 Jahren arbeitet sie in Unterfranken als Diözesanbeauftragte für den interreligiösen Dialog.

Lautenschläger hat von Amts wegen alle nicht-christlichen Religionen im Blick. Etwa Juden, Aleviten oder Bahai. Seit dem Zuzug der Flüchtlinge werden aber vor allem ihre Kenntnisse über den Islam stark nachgefragt. Die Menschen treibt, forciert auch durch die Terroranschläge der letzten Jahre und die Aktivitäten des IS, vor allem die Frage nach dem Islam um. Sie wollen von Lautenschläger wissen: Was macht diese Religion aus? Gibt es Gemeinsamkeiten? Was genau hat es mit dem „Dschihad“, was mit der „Scharia“ auf sich? Auch die Rolle der Frau im Islam ist ein Thema, über das die Katholikin, die Islamkunde studiert hat, immer wieder aufklärt. Referiert Lautenschläger über die Grundlagen und geschichtliche Entwicklung des Islam, sind die Vortragsräume nicht selten überfüllt.

Und noch etwas hat sich verändert: Hält Lautenschläger einen Vortrag, geschieht dies in der Regel in ungestörter Atmosphäre. Das war vor zehn Jahren völlig anders: „Damals saßen im kleinsten Dorf meist ein oder zwei Rechtspopulisten im Saal.“ Und am Ende es Vortrags schossen die oft plötzlich los: „Das ist doch alles gelogen!“ „Die Rechtspopulisten dagegen haben sich organisiert und in ihre eigene Blase zurückgezogen“, erklärt die Theologin. Zu Veranstaltungen über den Islam zu gehen, um dort ihre Meinung kundzutun, erscheint ihnen offensichtlich nicht mehr als sinnvoll.

Die Arbeit der gebürtigen Thüringerin, die vor genau 15 Jahren nach einem Klaviermusikstudium als erste Frau an der Theologischen Fakultät der Universität Würzburg habilitierte, wird dadurch aber nicht weniger anstrengend. Sich mit Konflikten auseinanderzusetzen, ist nach wie vor Lautenschläger tägliches Brot. Denn es ist alles andere als leicht, mit Menschen anderen Glaubens in einen Dialog einzutreten. Das beginnt schon bei der Sprache. Gibt es vor Ort keine gute Integrationsarbeit mit Deutschkursen, ist das Scheitern des Austausches programmiert.

Aber nicht nur die Sprache an sich kann eine Verständigungsbarriere sein. Denn von christlicher Seite haben zum Beispiel oft pensionierte Akademiker ein besonders großes Interesse daran, sich mit Vertretern anderer Religionen auszutauschen, berichtet Lautenschläger. Beim Dialog trifft dann also der Lehrer im Ruhestand auf den frommen muslimischen Automechaniker. Der aber spricht auch nach 45 Jahren oft noch nicht so gut deutsch, dass er komplexere Gedanken verständlich ausdrücken könnte. Mit solchen unterschiedlichen Voraussetzungen in einen Dialog über Religion einzutreten, kann für beide Seiten dann ziemlich enttäuschend enden.

Eine Frau hört arabisch – und hat eine Panikattacke

Dazu kommt: Christliche Kinder lernen im Religionsunterricht schon früh, ihren eigenen Glauben kritisch zu hinterfragen. Für die meisten Erwachsenen, die sich als Christen verstehen, ist es selbstverständlich, aufkommende Glaubenszweifel auszudrücken. Das ist bei muslimischen Menschen, die in Deutschland leben, oft völlig anders. Erst allmählich hält Islamunterricht in deutschen Schulen Einzug. Immerhin geschieht etwas, so Lautenschläger. „Es ist im Moment viel im Aufbruch, und das macht meine Arbeit so spannend“, betont sie.

Ebenfalls eine große Herausforderung: Angehörige von Minderheitenreligionen in Deutschland fühlen sich keineswegs als eine geschlossene Gruppe, die den Christen gegenübersteht. Die daraus resultierenden Spannungen erlebt Lautenschläger seit mehr als zehn Jahren in einem interreligiösen Gesprächskreis, den sie in Aschaffenburg aufgebaut hat. Dort treffen sich Christen, Muslime, Aleviten und Bahai. Nie wird die Theologin die Reaktion einer Alevitin vergessen, die vor vielen Jahren in einem türkischen Bergdorf Verfolgung erlebt hat. Als der Imam, der an der Runde teilnahm, eine Stelle aus dem Koran auf Arabisch vorlas, bekam sie eine Panikattacke. Denn das Wiederhören dieser Sprache machte plötzlich alles Schreckliche von damals neuerlich präsent.

Viele Einwanderer nicht-christlicher Religion haben Traumatisches erlebt, erklärt Lautenschläger. Die Theologin kennt Bahai-Anhänger, die in ihrem Ursprungsland, dem muslimischen Iran, etliche Familienmitglieder verloren haben. Sie leiden unter dem Verlust ihrer Angehörigen und auch darunter, dass sie nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren können. Nach solchen Erfahrungen bereit zu sein, sich friedlich mit Menschen anderer Religion an einen Tisch zu setzen, stellt für die Dialogbeauftragte eine enorme Leistung dar. Zu bedenken gilt nach ihren Worten schließlich, dass keineswegs alle Menschen aus muslimischen Ländern glühende Anhänger des Islam sind.

Nicht selbstverständlich: Imam besucht Rabbi

Aufgrund von Gewalterfahrungen gebe es mitunter einen regelrechten Hass auf die eigene Religion. Weshalb einige Muslime zum Christentum konvertieren wollen. Tritt ein solcher Fall in einer Pfarrei auf, ist Lautenschläger abermals eine begehrte Ansprechpartnerin: Soll dieser Mensch getauft werden? Das ist keine einfache Frage. „Menschen, die konvertieren, sollen sich eigentlich mit ihrem angestammten Glauben ausgesöhnt haben“, betont Lautenschläger.

Nicht vergessen werden darf beim Dialog, dass „Islam“ nicht gleich „Islam“ ist. Es gibt muslimische Glaubensrichtungen ganz unterschiedlicher Prägung. Besonders gute Erfahrungen hat Lautenschläger mit Würzburgs bosnischen Muslimen gemacht. Die bringen sich intensiv in den interreligiösen Dialog vor Ort ein, sagt sie. Neulich war der bosnische Imam sogar im jüdischen Gemeindezentrum, um dem dortigen orthodoxen Rabbi zu begegnen – worauf sich nicht jeder Imam eingelassen hätte.

Einen interreligiösen Gesprächskreis über Jahre hinweg am Laufen zu halten, bedeutet eine immense Herausforderung. In Unterfranken gibt es denn auch nur in Aschaffenburg und Würzburg Dialogkreise, die schon seit langer Zeit bestehen. Etwas einfacher ist es, Mitstreiter für konkrete Einzelprojekte zu finden. So entstand in Schweinfurt das interreligiöse Kinderbuch Guten Morgen, lieber Gott!, das aufzeigt, wie christliche, muslimische und jüdische Kinder ihre Religion kennenlernen. Und in Aschaffenburg gibt es einen „Kalender der Kulturen und Religionen“, der inzwischen für 2018 vorliegt. In diesem Kalender, den Lautenschläger mit erarbeitet hat, wurde auch ein wenig Statistik eingespeist. Denn der Dialogbeauftragten ist es wichtig, anhand konkreter Zahlen zu zeigen, dass das „Problem“ des Islam keineswegs so groß ist, wie subjektiv gefühlt. In Deutschland gibt es Schätzungen zufolge gerade einmal vier Prozent Muslime. Doch selbst wenn es fünf, sechs oder, wie in Aschaffenburg, sieben Prozent sein sollten – daraus entspringt dem Christentum nach Lautenschlägers Ansicht keinerlei Konkurrenz. Die größte „Konkurrenz“, wenn man denn so denken will, erwächst den beiden christlichen Kirchen aus dem Lager der Nichtgläubigen, betont sie. „Das sind heute rund 30 Prozent unserer Bevölkerung.“ (Pat Christ)

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Kommentare (1)

  1. Nüx vor 1 Woche
    Was für ein Unfug. Als wenn Muslime der neuentdeckte Quastenflosser wären. "Der Moslem, das unbekannte Wesen." Diese Leute leben seit mehr als vierzig Jahren hier. Jedes Großstadtkind der Arbeiterklasse kennt den Islam von vorne bis hinten. Wir wussten von klein an, daß der Hidjab vor Vergewaltigung schützt, weil sein Tragen zeigt, dass der eigene Clan "Ehre" hat. Wir haben dass haltlose Essen zum Ramadan bei Dunkelheit erlebt,weshalb die muslimischen Kinder in der Schule müde waren. Wir haben ständig gesagt bekommen. was "haram" ist. Die nicht-orthodoxen Moslems haben uns oft genug gewarnt vor der Scharia. Jetzt wird so getan, als habe man hier noch nie, niemals in Europa vor 2015 einen Moslem gesehen. Kleiner Hinweis: Die jungen Männer, die überwiegend türkischen und arabischen Gesellschaften angehören und in Berlin:"Juden ins Gas" gebrüllt haben, sind welche "die schon länger hier leben." In welchem seltsamen Universen leben Journalisten? Anscheinend studieren Arbeiterkinder selten "was mit Medien." Und die vielen Strömungen des Islam: wieviele Korane gibt es denn? Was die Mehrheit der Muslime anerkennt, ist die Abrogation und die Fatwa der Ulema. Was da ein paar Bosnier denken, spielt für die Masse der Sunniten keine Rolle. Die Atheisten sind demnächst ganz sicher kein Problem mehr für die beiden anderen monotheistischen Religionen. Anstatt vor Holzbooten Moral zu predigen, sollte man sich vielleicht mehr für die kranke Oma oder die alleierziehende Mutter im Spregel interessieren. Dann werden die Kirchen vielleicht wieder voller. Die Probleme der ganzen Welt lösen wollen aber die eigenen Gläubigen ignorieren, da ist das Gejammer über Atheisten ziemlich bizarr.

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