Leben in Bayern

David besiegt Goliath – die Krippe in der Straubinger Jesuitenkirche zeigt abwechselnd 18 Szenen aus dem Alten und Neuen Testament. Foto Scharrer

08.12.2017

Nicht nur zur Weihnachtszeit

Zu seinem 100. Geburtstag lenkt der Verband bayerischer Krippenfreunde den Blick auf eine wenig bekannte Tradition: Jahreskrippen, die weit mehr zeigen als die Geburt Christi

Maria, Josef und das Jesuskind. Im Advent haben die klassischen Weihnachtskrippen Hochsaison. In vielen bayerischen Kirchen stehen Krippen aber das ganze Jahr über – sie zeigen wechselnde Szenen aus dem Alten und Neuen Testament. Historiker Guido Scharrer hat bereits als Kind die Faszination dieses „heiligen Theaters“ entdeckt. Seine Mission: Jahreskrippen aus der Nische holen.

Sanft neigt Maria das Haupt und blickt auf das schlafende Jesuskind in der Krippe. Mit seinem knorrigen Stab in der Hand wacht der Zimmermann Josef über die beiden. Dazu Ochs und Esel sowie Hirten – so stellt man sich die klassische Krippe vor. Und so ist sie jetzt im Advent allerorten in ganz Bayern wieder aufgebaut. Was viele aber gar nicht wissen: Es gibt auch Krippen, die man das ganze Jahr über bewundern kann. Diese sogenannten Jahreskrippen stellen alle paar Wochen eine andere biblische Szene dar.

Guido Scharrer, ehemaliger Lehrer, Redakteur, Fotograf und Historiker aus Straubing, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Jahreskrippen. Gerade hat er über sie ein Buch geschrieben. „Es ist das erste Buch über Jahreskrippen, das je erschienen ist, eine echte Premiere“, erklärt der 71-Jährige und rückt eine Krippenfigur in den Katakomben des Straubinger Herzogsschlosses zurecht. Dort haben die Straubinger Krippenfreunde ihre Werkstatt und ihren Treffpunkt. Drei Jahre hat Scharrer an dem 150 Seiten starken Werk Jahreskrippen gefeilt. Und dazu weit über seine Region hinaus die schönsten Jahreskrippen zusammengetragen.

Die Nazis haben den Verein schikaniert, dann verboten

Martin Martlreiter, Präsident des Verbandes Bayerischer Krippenfreunde, hat ebenfalls einen Aufsatz zum Buch beigesteuert. Er hatte es schließlich möglich gemacht, dass das Werk zu einem ganz besonderen Jubiläum erscheint. Der Verband wird heuer 100 Jahre alt. „Jahreskrippen sind oft wenig bekannt und doch so wertvoll“, erklärt Scharrer, der aktuell eine Krippenausstellung im Straubinger Gäubodenmuseum zum 20. Jubiläum der Straubinger Krippenfreunde vorbereitet – aus den Jubiläen also gar nicht mehr herauskommt.

Jahreskrippen gestalten Szenen aus dem Alten und Neuen Testament, aber auch zu Heiligenlegenden und Brauchtumsfesten. Die Reisinger Krippe der Marianischen Männerkongregation Straubing umfasst zum Beispiel 265 Personenfiguren und 59 Tiere. Die Figuren sind zum größten Teil zwischen 1830 und 1860 gefertigt worden. Neben Szenen zum Weihnachtsfestkreis gehören auch die Opferung des Isaak oder der Sieg Davids gegen Goliath zu den Bildern der Krippe. Ursprünglich umfasste sie 33 Bilder, heute wird sie in der Straubinger Jesuitenkirche in 18 Szenen präsentiert.

Scharrer beleuchtet in seinem Buch Jahreskrippen aus mehreren Jahrhunderten – „mit dem Fazit, dass die Jahreskrippen künftig noch eine größere Bedeutung in der bayerischen Krippenkultur verdienen“, erklärt der Autor. Ihm zufolge können Jahreskrippen auch schon mit wenigen Figuren gestaltet werden, die Bibelszenen andeuten. Es gibt aber auch Sammlungen mit weit über 200 Figuren, mit denen zum Beispiel die Hochzeit von Kana mit dem Weinwunder dargestellt werden können. „Krippe ist heiliges Theater“, erklärt Scharrer, der bereits in seiner Kindheit durch die Vorliebe für das Werken den Krippenbau für sich entdeckt hat. „Man kann mit sehr vielen Mitteln, die aus dem Theater kommen, in der Krippe etwas darstellen.“ Krippenbau sei daher kein Modell-, sondern ein Kulissenbau.

Durch die Jesuiten seien in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts Krippen en vogue geworden. Damals habe es aber Krippen nur in Kirchen, Klöstern und bei hohen Adeligen gegeben. Seitdem haben Krippen eine wechselhafte Geschichte durchlebt –  erst geliebt, dann verpönt und nun wieder beliebt. Seit den 1980er-Jahren erleben Krippen laut Scharrer eine Renaissance: „Seit dieser Zeit sehnen sich die Menschen wieder mehr nach Emotionalität“, sagt er. „Und diese bieten Krippen.“

Seit 100 Jahren hat sich der Verband bayerischer Krippenfreunde die Pflege, Förderung und Weiterverbreitung der Krippe auf religiöser, künstlerischer und volkskundlicher Grundlage auf die Fahne geschrieben. Unter der Devise „Gebt uns die Krippe wieder“ hob der Hochwanger Pfarrer Alois Burger 1917 den Verein in Günzburg aus der Taufe. Bald bildeten sich Ortsvereine, viele in Süddeutschland, aber auch einige in Norddeutschland. Einer der ersten war der Verein Münchner Krippenfreunde, der heuer ebenfalls seinen 100. Geburtstag feiert – in der Rathausgalerie im Neuen Rathaus wurde diese Woche die Jubiläumsausstellung eröffnet, sie kann bis zum 26. Dezember kostenlos besichtigt werden.

Aber auch der Verband selbst hat eine wechselvolle Geschichte erlebt. Unter dem NS-Regime, das für Religion wenig übrig hatte, litt er zunächst unter Schikanen. Schließlich wurde er verboten. Zahlreiche Krippen wurden zudem vor allem bei Bombenangriffen auf große Städte zerstört. Anfang Juni 1946 genehmigte die amerikanische Militärregierung die Weiterführung des Gesamtverbands. Ab den 1960er-Jahren galt es dann, sich mit den Veränderungen der Krippenkultur auseinanderzusetzen, bedingt durch kirchliche Liturgiereformen und den allgemeinen Werte- und Strukturwandel. Heute kooperiert der Verband auch mit Krippenbauschulen und Krippenmuseen.

Seit 2008 führt Martin Martlreiter die Geschicke des Verbandes, dem aktuell 44 Ortsvereine und die Arbeitsgemeinschaft Sudetendeutscher Krippenfreunde angehören – insgesamt umfasst er aktuell stolze 5000 Mitglieder, die auch die Tradition der Jahreskrippen bewahren. Allein in München und Umgebung gibt es heute mehr als 30 Jahreskrippen, die von ehrenamtlichen Krippenbauern betreut werden. Krippenfreunde-Präsident Martlreiter ist überzeugt: „Die Krippe lebt!“
(Melanie Bäumel-Schachtner)

Foto (Bäumel-Schachtner): Guido Scharrer baut seit seiner Kindheit Krippen.    

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