Leben in Bayern

Beim Probeumzug in Landshut werden die Tiere genau beobachtet: Ein einziges verrücktspielendes Pferd kann alle anderen aufmischen. (Foto: Bäumel-Schachtner)

16.06.2017

Testlauf durch die Altstadt

Bei der Landshuter Hochzeit marschieren 140 Rösser mit – Tierarzt Peter Graßl sorgt dafür, dass alle sicher durchs Spektakel kommen

Er war schon als kleiner Bub mit dabei. Schließlich wurde Peter Graßls Vater 1950 zum zuständigen Tierarzt für das Historienspektakel Landshuter Hochzeit bestimmt. Später ritt Graßl als Junker und Herold mit. Bis er 1985 seinen Vater beerbte. Denn auch Peter Graßl ist Tierarzt. Alle vier Jahre hat er seitdem besonders viel zu tun. Schließlich haben bei der Landshuter Hochzeit auch jede Menge Vierbeiner eine tragende Rolle.

Als im Jahr 1475 Herzog Georg von Bayern die polnische Prinzessin Hedwig freite, zogen acht prächtige Tigerschecken mit samtenen Zäumen und rotem Geschirr den goldenen Brautwagen durch die Landshuter Straßen. Beim berühmten Historienschauspiel wird das heuer wieder nachgespielt. Und dann ziehen nicht nur wieder acht Tigerschecken mit rotem Zaum die Prinzesinnen-Kutsche. Insgesamt 140 Pferde marschieren bei den sonntäglichen Hochzeitszügen ab dem 30. Juni mit. Sie tragen Bräutigam, Bischof und Trommler. Vor allem Letzteres ist eine Herausforderung für die Tiere, die in all dem Trubel gelassen bleiben müssen.

Der Arzt entscheidet, welches Pferd mit darf

Dafür, dass auch Vierbeiner mit viel Temperament sicher durch den Umzug kommen, ist Peter Graßl zuständig. Und das bereitet ihm schon in den Wochen vor dem historischen Spektakel jede Menge Arbeit. An diesem Tag sitzt Graßl bereits seit Stunden im Zeughaus der Veranstalter. Es steht die zweite Zugprobe für Pferde, Reiter und Kutscher an. Immer wieder kommen Pferdebesitzer vorbei – für einen schnellen Rat oder einfach zum Ratschen. Manche Rosserer haben bis aus dem Bayerischen Wald ihre Pferde gebracht.

Dennoch, am Ende entscheidet nur einer, wer am Umzug teilnehmen kann: Graßl. Ist der Reiter gut genug, und passt sein Pferd vom Temperament her auch wirklich zur Gruppe? Tiere mit einem allzu instabilen Nervenkostüm bleiben im Stall. „Meine Aufgabe ist es, vor dem Zug zu kontrollieren, ob die Pferde alle gesundheitlich in Ordnung sind“, erklärt Graßl, der das rote Landshuter-Hochzeit-T-Shirt trägt. Seine grauen Haare, die er für die Landshuter Hochzeit extra hat wachsen lassen, sind mit einem Haargummi zusammengebunden.

Auch noch während des Festzugs ist Graßl im Einsatz, dann aber trägt er ein Kostüm. Gibt es in einer Reitergruppe ein Problem, schaut sich der Tierarzt das Pferd an und holt es, wenn nötig, aus der Menge: „Denn ein einziges verrücktspielendes Tier kann alle anderen aufmischen“, erklärt er. Seit Mitte Mai hat er ein Auge darauf, ob Pferde und Reiter den Aufgaben gewachsen sind.

Vor dem Probeumzug schaut auch Ludwig Rust bei Graßl vorbei. Der 77-Jährige ist der älteste Kutscher der Landshuter Hochzeit. Seit 49 Jahren lenkt er schwere Rösser beim Festzug. „Früher war das alles mühsamer als heute, die Rösser mussten von Hand getränkt werden“, erinnert er sich. Diese Landshuter Hochzeit wird seine letzte sein. Auch als Zuschauer will er sich das Spektakel nicht mehr ansehen: „Wenn Schluss ist, ist Schluss“, sagt er und schiebt seinem Percheron-Wallach, der den Trosswagen ziehen soll, ein Gebiss ins Maul. Rust wird fehlen, sagen die Rosserer.

Auch Gunther Schopf von der Tigerhill-Ranch in Rinchnach hat Pferde bei der Landshuter Hochzeit im Einsatz: acht Noriker. Schopfs Paradepferd Löwe wird gerade aufgezäumt. Der mächtige weiße Hengst mit den schwarzen Tupfen stößt ein lautes Wiehern aus. Löwe ist der einzige Hengst im Achtergespann vor der Brautkutsche und als Tempomacher notwendig. Graßl ist zufrieden: Die Schopf-Pferde sehen top aus und sind einsatzbereit.

Draußen tänzelt derweil der siebenjährige Hengst Atilla voll Ungeduld. In der Wartezeit bis zum Eingeschirren scharrt er auf dem staubigen Boden vor dem Zeughaus ein großes Loch mit seinem linken Vorderhuf. Attila zieht mit drei Stallgefährten, alle vier pechschwarze französische Kaltblüter, den Brautgutwagen.

Bei den Probezügen fällt schon mal ein Reiter runter

Graßl mustert prüfend jedes Gespann, jedes Ross und jeden Reiter. Dann gibt Klaus Timmer, Vorstandsmitglied der Förderer und zuständiger Mann im Tierausschuss, per Megafon den Befehl zum Losfahren. Baptist Falter, Kutscher des Brautgutwagens, löst die Bremsen. Auf dem Kutschbock stehend hat er die Leinen seiner vier Prachtburschen fest in der Hand. Rumpelnd fährt er durch das Ländtor, rangiert gekonnt in der Altstadt – das ist nicht so einfach mit einem Vierspänner und einem langen Wagen. Doch Falter hat seine Pferde, darunter zwei Hengste, fest im Griff: „Ausbildung und Training ist alles“, betont er.

Eine Stunde lang schlängelt sich der Zug durch die Landshuter Innenstadt, dann ist er wieder am Ausgangspunkt angekommen. Ohne Zwischenfälle. Graßl ist hochzufrieden. Nur ein einziges Pferd ist aufgefallen. Es hat eine Augenentzündung, eine Salbe soll nun helfen. „Es ist nicht unüblich, dass bei den Probezügen Reiter runterfallen. Heute sind alle oben geblieben“, freut sich Graßl, der erklärt, dass er schon so einiges erlebt habe. Zum Beispiel, dass das Pferd, auf dem der Herzog saß, von einer Sekunde auf die andere nur noch auf drei Beinen stand. In solchen Fällen hilft nur eines: Ein anderes Pferd muss her. Zur Not hat dann ein weniger prominenter Zug-Teilnehmer Pause.
(Melanie Bäumel-Schachtner)

Fotos (Bäumel-Schachtner):
Tierarzt Peter Graßl begutachtet Percheron-Hengst Atilla.
Gelassen müssen die Pferde bleiben, auch wenn ein Trommler oben sitzt.

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