Leben in Bayern

Macht aus Hausmüll Wärme: Die Müllverbrennungsanlage Nord in München. (Foto: dpa)

15.01.2018

Wider dem Dreckschleuder-Image

Abfall, der nicht recycelt werden kann, landet in Müllverbrennungsanlagen. Deren Ruf ist nach wie vor schlecht - zu Recht?

"Verzichtbare Dreckschleudern": Ihren schlechten Ruf aus den 80er Jahren haben die Müllverbrennungsanlagen bis heute nicht vollständig abschütteln können. Viele Recycler beklagen, dass ihnen die Stoffe zum Wiederverwerten wegverbrannt werden - zu Unrecht, wie Vinzenz Schulte, Sprecher der Interessengemeinschaft der Thermischen Abfallbehandlungsanlagen in Deutschland (ITAD) betont. "Bürger, die sich heutzutage dagegen aussprechen, wissen nicht, dass nur ein kleiner Teil der Abfälle ökologisch sinnvoll stofflich recycelt werden kann." Eine Kreislaufwirtschaft brauche eine Möglichkeit, mit der in Produkten enthaltene Schadstoffe zerstört und ausgeschleust werden. Ist der schlechte Ruf unbegründet?

Eine Sprecherin des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), deren Mitglieder häufig Müllverbrennungsanlagen betreiben, pflichtet Schulte bei: "In der öffentlichen Debatte wird es oft so dargestellt, dass sich Müllverbrennung und Recycling ausschließen. Tatsächlich werden dadurch nicht nur Strom und Wärme produziert, sondern auch verwertfähige Stoffe gewonnen." Auch das Umweltbundesamt betont: "Die thermische Abfallbehandlung ist in Deutschland eine der tragenden Säulen der Abfallentsorgung."

Demnach ist auch im Recycling-Weltmeisterland Deutschland die Verbrennung von Abfällen nach wie vor unverzichtbar - besonders bei sogenannten Siedlungsabfällen, die unsortiert in den Restmülltonnen landen. Dafür gibt es bisher kaum Sortiertechniken. Die wenigen Ansätze, die es gibt, sind aufwendig und wirtschaftlich meist unrentabel. In Ländern ohne Müllverbrennung landen diese Abfälle nach wie vor auf Deponien.

In Bayern stehen laut ITAD 16 Müllverbrennungsanlagen (MVA). Fast alle nehmen überwiegend Hausmüll an - im Jahr 2016 waren es laut Bayerischem Landesamt für Umwelt (LfU) pro Bürger etwa 145 Kilogramm Restmüll, in Summe etwa 1,86 Millionen Tonnen. Deutschlandweit werden mit 20 Millionen Tonnen etwa zehnmal so viele Abfälle verbrannt - darunter auch Krankenhausabfall oder Schlamm aus Kläranlagen.

Eine Tonne verbrennen zu lassen kostet 60 bis 150 Euro

Die Betreiber der Anlagen bekommen für die Verbrennung Geld. Zuletzt waren es im Schnitt je nach Art der Abfälle in Süddeutschland zwischen 60 und 160 Euro pro Tonne, sagt Schulte. Für den Verbraucher bedeutet das: Die Entleerung der Restmülltonne ist kostenpflichtig, die Verbrennungspreise werden über Müllgebühren weitergegeben. Mülltrennung lohnt sich also auch finanziell, denn die Entsorgung von Reststoffen wie Papier oder Verpackungen ist kostenlos. Und immer mehr Kommunen führen sogenannte "pay-as-you-throw-Systeme" ein, bei denen nach Gewicht gezahlt werden muss, was in der Restmülltonnen landet. Diese wiederum wird mit Schloss und Wiegesystem ausgestattet.

Dass der Verbraucher aber nicht die gesamten Verbrennungskosten übertragen bekommt, liegt daran, dass die Verwertung in den Anlagen auch Geld einbringt. Zum einen über verkaufte Wärme und Strom, die bei der Verbrennung entstehen und über verschiedene Techniken aufgefangen und in die Netze eingespeist werden. In Bayern waren das im Jahr 2016 rund 3,7 Millionen Megawattstunden Wärmeenergie und 900 000 Megawattstunden elektrische Energie, wie das LfU berechnet hat. Zum Vergleich: Ein durchschnittlicher Zweipersonenhaushalt verbraucht pro Jahr etwa 2700 Kilowattstunden Strom.

Eine weitere Einnahmequelle liegt in der Asche, die durch die Verbrennung entsteht. "Auch die Abtrennung von Metallen für das Recycling ist in Abfallverbrennungsanlagen üblich", sagt die VKU-Sprecherin. Da die Metalle die Hitze in den Anlagen überstehen, können sie hinterher entnommen und als Sekundärrohstoff verwendet werden. Immerhin 60 000 Tonnen Metalle sind das etwa jährlich in Bayern. Ein Großteil der restlichen Asche wird im Deponiebau, im Straßen und Wegebau und zur Verfüllung eingesetzt.

In Sachen Emissionen haben die Betreiber nachgerüstet

Auch in Sachen Emissionen haben die Betreiber in den vergangenen Jahren nachgerüstet. Laut ITAD sind die Emissionen dank der Rauchgasreinigung heute kaum oberhalb der Nachweisgrenze: "Kamin und Kachelöfen produzieren 20-mal mehr als Müllverbrennungsanlagen."

Trotz verbesserter Umweltwerte und der Unverzichtbarkeit haben die MVA-Betreiber auch in der Kreislaufwirtschaft viele Gegner: Besonders die Recycler kritisieren die Verbrennung. Auch der Gesetzgeber setzt mehr auf Trennung: Anfang August ist die neue Gewerbeabfallverordnung in Kraft getreten, die vorschreibt, dass auch im Gewerbe - beispielsweise in Büros - die Abfälle getrennt gesammelt oder nachsortiert werden müssen. So soll weniger verbrannt werden.

Dass diese Verordnung die MVA künftig womöglich leerer laufen lassen wird, glaubt Heino Jahn, Abteilungsleiter Logistik beim Abfallwirtschaftsbetrieb München, der die bayernweit größte MVA betreibt, nicht. "Alle bayerischen Anlagen sind sehr gut ausgelastet und es wird immer Sortierreste geben", sagt Jahn.
(dpa)

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