Leben in Bayern

Sie sind sein ganzer Stolz: Jürgen Kraxenberger hat für seine Glas-Oldtimer sogar ein Museum gegründet. (Foto: Stumberger)

17.02.2012

Der Ferrari des kleinen Mannes

Vor 45 Jahren endete die Ära der niederbayerischen Wirtschaftswunderfabrik Glas: In Dingolfing aber sind die Erinnerungen an ihre Kultautos, die Goggomobile, quicklebendig

Es ist nicht größer als eine Telefonzelle: das Goggomobil.  In der Dingolfinger Wirtschaftswunderfabrik wurden über 280 000 des Kultautos gefertigt. Vor 45 Jahren aber endete die Ära des  Autoherstellers. Doch in Niederbayern finden sich noch viele Spuren dieser ganz besonderen  Nachkriegs-Erfolgsgeschichte.
Heute zieht sich die Hans-Glas-Straße in Dingolfing von Nord nach Süd durch ein unspektakuläres Wohnviertel. Drüben, auf der anderen Seite der Gleise, standen die großen Hallen der Fabrik, in der ab den 1950er Jahren Modelle der Automarke Glas produziert wurden. Auch heute werden dort noch Autos gefertigt – von BMW, die Bayerischen Motorenwerke hatten im Jahr 1967 das legendäre Autowerk übernommen.
Bereits 1883 wurde das Familienunternehmen Glas in Markt Pilsting gegründet. Damals noch stellte man  erfolgreich Landmaschinen her, zum Beispiel die Sämaschine Isaria. Doch irgendwann wurde es in der alten Fabrik zu eng, 1908 zog Glas deshalb in das benachbarte Dingolfing.


Kultig von Anfang an: Es gibt sogar ein Goggo-Lied


Die eigentliche Geschichte aber beginnt 1951, als der erste Goggo-Roller aus der Werkhalle rollte. Mobilität ist gefragt im Wirtschaftswunderland der Nachkriegszeit. Und die massiven Motorroller mit Beiwagen werden ein Verkaufsschlager. 1954 wird der Produktionsrekord von 18 691 Stück pro Jahr erreicht.
Es gab sogar ein „Goggo-Lied“: „Fahr mit mir durch die Welt“. Dingolfing wird zur „Goggo-Stadt“ und man kennt nun die Firma Glas in Deutschland. Mitte der 1950er Jahre lässt der Motorrad-Boom nach, 1956 wird die Produktion eingestellt.
Doch die Firma Glas, drittgrößter Roller-Hersteller in Deutschland, gibt deshalb nicht auf. Sie orientiert sich einfach neu. Die Bundesbürger wollen jetzt Autos. Also sollen sie ein Auto bekommen: Aus dem Goggoroller wird das Goggomobils – ein viersitziger Kleinstwagen mit einem Zweizylinder-Zweitaktmotor mit 250 Kubikzentimeter Hubraum.
Es gab sogar eine Coupe-Version, und schnell hatte die ihren Namen weg: Der Volksmund taufte sie den „Ferrari des kleinen Mannes“. Bis 1969, als die Produktion eingestellt wird, laufen mehr als 280 000 Goggomobile vom Band. Der Kleinstwagen wird sogar in den USA, in den 50er und 60er Jahren das Land der chromblitzenden Straßenkreuzer, angeboten.
Im nahen Unterhollerau, an der Staatsstraße 2111 von Dingolfing nach Geiselhöring gelegen, steht Jürgen Kraxenberger. Dort hat er sein privates Automuseum KFM 2007 eröffnet. In der Halle mit den verschiedenen Automodellen fährt Kraxenberger behutsam mit der Hand über den roten Kotflügel eines Glas V8. „Davon“, sagt er, „wurden etwas mehr als 700 Stück gebaut“.  Der V8 war sozusagen das absolute Gegenstück zum Goggomobil, ein Acht-Zylinder-Coupe, wegen seiner Ähnlichkeit mit einem Maserati auch Glaserati genannt.
Als Sensation auf der Internationalen Automobilausstellung 1965 vorgestellt und im Juni 1966 ausgeliefert, war der V8 das letzte Modell, das unter der Marke Glas produziert wurde. Rund 20 000 Mark kostete das noble Gefährt damals. „Liebhaber bezahlen für den V8 heute an die 50 000 Euro auf dem Oldtimer-Markt“, erzählt Kraxenberger. Der 50-Jährige ist eine Art wandelndes Glas-Lexikon. Kraxenberger hat sogar noch den Arbeitsvertrag seines Urgroßvaters, der seinerzeit bei Glas als Betriebsleiter gearbeitet hat.
Sein erstes Goggomobil kaufte sich der Autoliebhaber bereits mit 19 Jahren. Damals diente er bei der Bundewehr: „Es kostete 500 Mark und hatte noch eineinhalb Jahre Tüv“, erzählt Kraxenberger. Heute stehen rund 30 Oldtimer auf zwei Etagen in seiner Halle. Darunter einige Goggo-Roller und – selbstverständlich – einige Goggomobile. Aber auch ein Glas 1700 und ein Glas GT.
Aber Kraxenberger ist nicht nur Museumsbesitzer, sondern auch Vorsitzender des Vereins Goggomobil- und Glasfahrergemeinschaft Dingolfing, ein lokaler Zusammenschluss. Noch weit mehr Goggomobil-Fans haben sich im Glas Automobilclub international zusammengschlossen. Seit 1975 existiert der Verein mit seinen heute rund 800 Mitgliedern. Sie fahren nicht nur in der Schweiz, den Niederlanden oder Frankreich mit ihren Glas-Oldtimern durch die Gegend. Auch in den USA oder Australien sind sie unterwegs.
Die Dingolfinger Fahrgemeinschaft trifft sich jeden dritten Freitag im Gasthaus Zum Lamm, und natürlich wird auch jeder Jahrestag und jedes Jubiläum gebührend gefeiert. Im Jahr 2005 gab es zum Beispiel das große Treffen zum 50. Jahrestag des Goggomobil-Produktionsbeginns. Der Verein hatte dazu extra das Isarwaldstadion angemietet. Rund 1000 Teilnehmer kamen mit insgesamt 400 Glas-Fahrzeugen.
In einer Vitrine bewahrt Kraxenberger seltene Ausstellungsstücke wie etwa aus Holz handgeschnitzte Glas-Fahrzeuge auf. Zu besichtigen gibt es in seinem Musuen sogar eine Handvoll Wüstensand. Er stammt von einem ganz besonderen Unternehmen.


Mit dem Oldtimer durch die Wüste


2007 hatten Vereinsmitglieder mit ihren Goggomobilen die lange Fahrt nach Afrika angetreten. Zunächst ging es im Autoreisezug nach Südfrankreich und dann mit der Fähre nach Tanger. Dann aber mussten die Oldtimer beweisen, wie fit sie noch sind. Denn mit den Zweitaktern ging es munter durch den Wüstensand.
Bei der ungewöhnlichen Expedition war auch Andrea Glas mit ihrem himmelblauen Goggomobil dabei. Sie ist die Urenkelin von Firmengründer Hans Glas. „Das war eine sehr abenteuerliche und sehr schöne Fahrt“, erinnert sich die 40-Jährige. Ihr Goggo – Baujahr 1966 – hat einmal ihrem Vater gehört. Nach seinem Tod hat Glas nicht nur den Wagen übernommen, sondern ist mit ihm auch auch gleich Mitglied in der Goggomobil- und Glasfahrergemeinschaft Dingolfing geworden. Aber der blaue Goggo ist keineswegs ihr einziges Fahrzeug aus der Familienproduktion: In der Garage stehen außerdem drei alte Roller.
 Bereits Mitte der 60er Jahre zeichnete sich in Dingolfing das Ende der Ära der Automobilproduktion unter dem Namen Glas ab. Das Familienunternehmen konnte mit seinen Modellen einfach nicht mehr mit der zunehmenden Konkurrenz von Branchenriesen und Massenproduzenten konkurrieren. 1966 entschloss sich die niederbayerische Familie das Glaswerk an BMW zu verkaufen. Ende 1966 wechselte das Unternehmen mit seiner Belegschaft von rund 4000 Mitarbeitern, einer Tagesproduktion von 120 Wagen und einem Jahresumsatz von 193 Millionen Mark für zehn Millionen Mark den Besitzer. Der Kaufvertrag selbst trat aus wohl steuerlichen Gründen Anfang 1967 in Kraft. Damit endete zwar die Geschichte einer Wirtschaftswunderfabrik und ihrer deutschen Automobilmarke. Aber nicht nur in und um Dingolfing wird die Erinnerung an die kultigen Gefährte aus Bayern lebendig gehalten.
(Rudolf Stumberger)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 25 (2016)

Sollen Unternehmensspenden an Parteien verboten werden?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 24. Juni 2016 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Michael Piazolo, Generalsekretär der Freien Wähler in Bayern

(JA)


Erwin Huber, Ex-CSU-Chef, Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses im Landtag

(NEIN)

arrow
Facebook
E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen
Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.