Leben in Bayern

Die bayerische Bereitschaftspolizei bewachte zunächst die bayerischen Kernkraftanlagen, später bediente man sich auch privater Sicherheitsorganisationen wie der „Schwarzen Sheriffs“. (Foto: Stankiewitz)

14.12.2012

Ein Großunfall und viele Zwischenfälle

Vor genau 50 Jahren begann in Bayern der Einstieg in die Atom-Energie – endgültig abgeschaltet wird das älteste Kernkraftwerk Bayerns erst im Jahr 2021

Am 14. Dezember 1962 beschloss die bayerische Regierung unter Alfons Goppel (CSU) die Errichtung des ersten großen Kernkraftwerks der Bundesrepublik: In Gundremmingen entstand ein Reaktor amerikanischer Bauart. 1977 kam es dort zu Deutschlands bisher einzigem Großunfall mit Totalschaden. Und erst diese Woche musste nach einem Zwischenfall der Block C abgeschaltet werden.

„Damit beginnt die Kernkraft in der deutschen Energiewirtschaft ihre Rolle zu spielen“, verkündete im Januar 1963 der ehemalige USA-Botschafter Heinz Krekeler, der als Mitglied der EURATOM-Kommission viel Energie zur Überwindung von allerlei Bedenken aufgewandt hatte. Kurz zuvor, am 14. Dezember 1962, hatte die neue bayerische Regierung unter Alfons Goppel, die erstmals nur aus CSU-Ministern bestand, die Errichtung des ersten großen Kernkraftwerks der Bundesrepublik in Gundremmingen bei Günzburg beschlossen. Ein Siedewasserreaktor amerikanischer Bauart sollte bis Ende 1966 entstehen und 250 Megawatt Leistung erbringen.

Erster Bundes-Atomminister:  Franz Josef Strauß

Auf dem Marsch in den Atomstaat war das einstige Agrarland Bayern, das Mitte der 50er-Jahre in Gestalt von Franz Josef Strauß den ersten Bundesatomminister stellte, mit großen Schritten vorangegangen. Auch der Gau von Tschernobyl konnte den ungestümen „Fortschritt“ nicht bremsen: Noch zwei Jahre danach ging das KKW Isar 2 in Ohu ans Netz, um zum Ende des 20. Jahrhunderts mehr Atomstrom als alle anderen Strahlenfabriken auf Erden zu produzieren. In Bayern erlebte die deutsche Atomindustrie denn auch die ersten schweren Unfälle und Stilllegungen. An den klotzigen Atomöfen bei Günzburg und Landshut entzündeten sich aber auch die ersten breiten Bürgerbewegungen gegen latente Gefahren der Kernkraft.
Kernige Sprüche haben den Einstieg vor genau einem halben Jahrhundert auf einer Münchner Tagung des Deutschen Atomforums begleitet. Dessen Präsident, Professor Karl Winnacker, Vorstand der Farbwerke Hoechst, spekulierte bereits mit dem Klima: Die derzeitige Kältewelle mache deutlich, wie sehr eine ausreichende Energieversorgung von den Transportmöglichkeiten für Kohle und Öl abhänge; ein Kernreaktor kenne solche Probleme nicht. Das Gundremminger Großprojekt werde wohl „unsere technisch-wissenschaftliche Welt verändern“, meinte voller Optimismus der Bundesforschungsminister Hans Lenz (CDU).
Der von Bayern angebotene Standort erwies sich zunächst tatsächlich als Glücksfall. Die Gemeinde Gundremmingen ebenso wie eine bald organisierte „Notgemeinschaft“ wurden von der Atomindustrie durch ein Füllhorn voller Morgengaben fügsam gemacht. Atomgeld stinkt nicht, wenn man es brauchen kann. Die 3000-Einwohner-Gemeinde konnte sich plötzlich ein neues Rathaus, eine Turnhalle, ein Feuerwehrhaus, Straßen und Kanalanlagen leisten und sogar in München ein gut verzinsliches Mietshaus kaufen.
Doch schon im November 1975 kamen im KKW-Gelände zwei Schlosser durch radioaktiven Dampf ums Leben. Und zwei Jahre später kam es zum „worst case“: Nach Kurzschluss und Fehlsteuerung stand das Reaktorgebäude drei Meter unter Wasser und die Temperatur im Siedewasserreaktor kletterte auf 80 Grad. Erster atomarer Totalschaden im Bundesgebiet. Block A ging nie wieder in Betrieb. Er wird nun schon seit 1983 „zurückgebaut“ und soll künftig als Technologiezentrum noch von Nutzen sein.
Auch bei den beiden Nachfolgern häuften sich die Zwischenfälle. Block B musste im Januar 2008 vorsorglich abgeschaltet werden, 2011 wurden gleich vier Defekte gemeldet. Ab 1989 zog jeden Sonntag um 15 Uhr vor dem Werkstor eine Mahnwache auf, Haftstrafen wurden in Kauf genommen. Trotzdem sollte, wie im Jahr 2000 bekannt wurde, bei Gundremmingen das größte deutsche Lager für Atommüll errichtet werden.
Dazu kam es zwar bisher nicht, aber immer noch ist Gundremmingen mit über zwei Milliarden Kilowattstunden und 800 Mitarbeitern das leistungsstärkste KKW in Deutschland; für Bayern liefern die beiden Blöcke jede vierte Kilowattstunde. Auch in Ohu häuften sich Störfälle oder „Softwarefehler“. Im Dezember 1980 zum Beispiel – inzwischen liefen in der Bundesrepublik zehn Kernkraftwerke – spielten „Schwarze Sheriffs“, die nach der zunächst eingesetzten Bereitschaftspolizei als Bewacher diente, ein bisschen Wildwest, ihre Kugeln trafen den Kühlturm. Weder Fukushisma noch der Atomausstiegsbeschluss noch der Stresstest von Kernkraftwerken (die nach bisher bekannten Ergebnissen bei zwölf von 134 deutschen Anlagen „Auffälligkeiten“ aufzeigten) hat die Betreiber von Gundremmingen (75 Prozent RWE, 25 Prozent E.ON) merklich schrecken oder gar zum Abrüsten veranlassen können. „Die sichere, klimafreundliche und wirtschaftliche Stromerzeugung“ sei nach wie vor das Betriebsziel, verkündet das Unternehmen; es nannte sich zeitweise KGB (Kernkraft Gundremmingen GmbH) – wie einst der sowjetische Geheimdienst.

Aktuell hagelt es Kritik an Katastrophenschutzplänen

„Immer wieder wird von Kritikern der Versuch unternommen“, so lassen die Betreiber übers Internet wissen, „die Anlage mit zum großen Teil falschen und unvollständigen Behauptungen zu diskreditieren.“ Erst Anfang Dezember 2012 hat eine Ärzteorganisation festgestellt, dass die Katastrophenschutzpläne für Gundremmingen bei einem Unfall wie in Fukushima keinesfalls ausreichen würden. Sie seien veraltet und zu „kleinräumig“, denn nicht etwa nur 25, sondern bis zu 170 Kilometer könnten im Katastrophenfall radioaktiv verseucht werden. Daraufhin hat das Bundesamt für Strahlenschutz den Betreibern empfohlen, die bisherigen Pläne kritisch zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Der Bund für Umwelt und Naturschutz kommentierte nur knapp: „Nichts gelernt aus Fukushima.“ Nach dem Atomausstiegsbeschluss darf Block B nun noch bis 2017 in Betrieb bleiben, Block C sogar bis 2021. Erst in der dieser Woche kam wieder eine Meldung über einen Störfall in Gundremmingen. Block C des Kernkraftwerks musste wegen eines tropfenden Messstutzens am Reaktordruckbehälter vorübergehend stillgelegt werden.  Eine Gefahr für die Beschäftigen des Atomkraftwerks habe dabei nicht bestanden, hieß es von einem Sprecher des Kraftwerks.
Fünfzig Jahre nach dem Einstieg steht zumindest Bayern noch vor einem langen Marsch bis zum endgültigen Ausstieg.
(Karl Stankiewitz)

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