Leben in Bayern

Bei der ersten Kurbelumdrehung springt der Motor an. (Fotos: Wraneschitz)

13.05.2015

Gestatten: Schlüter

Von den Oldtimerfreunden Zenngrund wiederbelebt: Ein ganz besonderer Motor

Gestatten, mein Name ist Schlüter, ganz genau: Schlüter Nummer 83431. Geboren wurde ich im Jahre 1938 in München. Eingeschlafen bin ich in den 1960er Jahren, so genau weiß ich das nicht mehr. Aber jetzt haben mich die Oldtimerfreunde Zenngrund in Wilhermsdorf wiedererweckt: Ich hab nur ein ganz klein wenig gezittert dabei, aber ansonsten war ich gleich wieder ganz voll da.
Ich bin schon eine kleine Besonderheit: Gerade mal 41 Brüder und mich hatten damals die Mechaniker in der Schlüter-Fabrik als Serie DSL 18 produziert. Von schnellem Internet war damals noch keine Rede, aber was die Abkürzung bedeutet, weiß ich leider heute nicht mehr. Denn die Produktionsunterlagen aus dieser Zeit sind verschollen, sagt mein Wiederbeleber Helmut Zollhöfer, der Chef der Oldtimerfreunde. Doch der ist stolz auf mich. Denn immerhin war ich der stärkste Motor für den Stationärbereich, den Schlüter damals produzierte, die Schiffsdiesel mal ausgenommen.

Nur 42 Stück gab es von der Sorte

Herr Zollhöfer hat sich jedenfalls sehr um mich gesorgt. In einem Lagerraum der Hühns in Wilhermsdorf habe ich früher über Lederriemen allerlei Maschinen angetrieben. Doch die letzten über 50 Jahre stand ich dort still und stumm herum; hat das Wasser in mir so gefroren, dass meine Stahlhaut platzte; waren meine Kolben am Ende völlig unbeweglich. Der Helmut hat mich komplett auseinandergenommen, den Rost abgeputzt, meine Löcher geflickt, neue Schrauben gesucht für kaputte alte, frisch mit Öl und Wasser befüllt.
Sogar ein eigenes Wägelchen hat er mir gebaut und mich darauf festgeschraubt. Hinter einem Porsche fährt er mich damit durch die Gegend. Seitdem fühle ich mich wieder sehr wohl. Und dann wurde mir gar ein neues Leben versprochen. Hermann Meyer wollte mich ankurbeln, und falls er nicht genug Kraft dafür haben würde, war sogar noch ein Elektromotor in der Nähe, um ihn zu unterstützen. Doch ich war so froh, wieder aufwachen und laut tuckern zu dürfen, und hatte meine Kompression freiwillig etwas zurückgedreht. Außerdem tat Hansfried Reichel mit seinem Ölkännchen auch noch ein Übriges, um mich anzustacheln. Deshalb sprang ich gleich bei der ersten Kurbelumdrehung an.
Damit machte ich den Menschen rund um die Oldtimerscheune eine große Freude: Alle applaudierten kräftig. Darunter waren übrigens auch ein paar Nachkommen meiner früheren Besitzer aus dem Lagerhaus Hühn: Die erinnerten sich noch, wie ich früher tuckerte. Genau so wie jetzt wieder. (Heinz Wraneschitz)

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