Leben in Bayern

Provokanter Hingucker: Mühldorfer Plakate an der Münchner S-Bahnstation Donnersberger-Brücke. (Foto: Huber)

05.07.2013

"Hallo Münchner – auf nach Mühldorf!"

Das kleine Städtchen am Inn will der Landeshauptstadt Einwohner abspenstig machen – mit einer frechen Plakatkampagne und ungewöhnlichen Aktionen

Weil sie auch etwas vom Münchner Speck abhaben möchten, haben Mühldorfer eine einzigartige Kampagne gestartet. Vorläufiger Höhepunkt: Eine Freifahrt für 70 Münchner an den grünen Inn – samt Brauereibesuch. Und tatsächlich: Einige neue Bürger kann das Städtchen schon vorweisen. Aus ganz Deutschland melden sich nun Gemeinden, die sich mit ähnlichen Aktionen retten wollen.

Manfred Präsenz ist Münchner. Noch. Denn der 65-jährige Rentner hat die Nase voll von der Stadt. „Zu überlaufen, zu teuer, einfach unerträglich“, schimpft der Pasinger. Doch jetzt sitzt er im Zug nach Mühldorf am Inn. Und seine Stimmung ist blendend. Denn er hat eine Fluchtmöglichkeit für sich entdeckt – auf riesigen Plakaten entlang der Münchner S-BahnStammstrecke. Der Mühldorfer Verein Mimmo, ein Zusammenschluss aus Bauträgern, hatte sich im Frühsommer die freche Plakataktion „Ich war ein Münchner“ ausgedacht, um Großstädter in ihr pittoreskes Städtchen zu locken. Vorläufiger Höhepunkt der Kampagne: Eine Freifahrt für umzugswillige Münchner – inklusive Stadtführung, Brauereibesichtigung, Bürgermeistertreffen und Altstadtfestbesuch.


„Wir wollen die da droben auch ein bisserl ärgern“


Also sitzen jetzt knapp 70 Ausflügler im eigens für sie reservierten Waggon – bei Butterbrezen und Freibier. Die Südostbayernbahn (SOB) ist einer von 15 Projektpartnern. Die Truppe im Zug ist bunt gemischt. Da ist ein Pärchen, das Nachwuchs erwartet, und sich über das 18 000-Einwohner-Städtchen informieren will. Eine andere Familie freut sich auf einen schönen Ausflugstag, der gratis ist. An einen Umzug denkt sie nicht. Und dann ist da eben Rentner Präsenz, für den bereits fest steht: Mühldorf soll seine neue Heimat werden. „Am liebsten würde ich mir etwas kaufen“, erzählt er. „In München aber können Sie das ja komplett vergessen.“
Tatsächlich ist genau dies das Pfund, mit dem die Mühldorfer punkten wollen. Die Plakate der Kampagne zieren glückliche Familien, Singles oder Rentner. Mit dem provokanten Slogan „Doppelte Lebensqualität zum halben Preis“ zielen sie auf den wunden Punkt der Landeshauptstadt: auf die astronomisch hohen Mieten und die immensen Lebenshaltungskosten. Für Mietwohnungen zahlt man in Mühldorf im Schnitt 5,37 Euro pro Quadratmeter, im München sind es deutlich über 10 Euro. Weit über 1000 Euro kostet der Quadratmeter für Immobilien in Mühldorf weniger als in der Landeshauptstadt. Dazu kommt: In nicht mal einer Stunde ist man mit der Bahn in München.
„Doch was bringt’s, wenn das droben kaum einer registriert?“, fragt Franz Hutterer, Immobilienunternehmer und Chef des Vereins. In den Münchner Zeitungen gingen die Immobilienmärkte bis runter nach Garmisch. „Wir aber kommen überhaupt nicht vor“, so Hutterer. „In München glaubt man wohl, dass wir uns im tiefsten Niederbayern kurz vor der tschechischen Grenze befinden.“ Mit solchen Vorurteilen soll die Kampagne, für die Manfred Huber mit seiner Münchner Agentur Mediapool zuständig ist, nun aufräumen. „Und die da droben auch ein bisserl ärgern“, sagt Hutterer und lacht. Mit Plakataktionen in München, Handy-App, Webauftritt, Broschüren und Veranstaltungen will man eineinhalb Jahre lang Mühldorf als optimalen Lebensraum bewerben. Der Großteil der 150 000 Euro, die das kostet, trägt – nicht ganz uneigennützig – die örtliche Immobilien- und Bankenbranche. Zehn Prozent schießt die Stadt Mühldorf zu.

Nicht alle Mühldorfer sind begeistert


Auch wenn in dem Städtchen am Inn die Auswirkungen des demografischen Wandels noch nicht spürbar sind und Abwanderung kaum stattfindet,  muss man daran arbeiten, dass das auch so bleibt, betont Hutterer.
Und das Konzept der Mühldorfer scheint aufzugehen. „Ich hätte nicht gedacht, dass das solche Wellen schlägt“, sagt Kampagnen-Chef Huber. Jede Menge Interviewanfragen erreichen ihn. Und einige Neu-Mühldorfer gibt es auch schon. Mehrere haben sich bei der Stadt bereits um ein Grundstück beworben. „Mindestens 20 Parteien sind kurzfristig aufgesprungen“, schätzt Hutterer. So erfolgreich ist die Aktion, dass sogar Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) sich  genötigt sah, sich zu äußern. „Die Mühldorfer Kampagne ist ein origineller Hinweis auf die Vielfalt der Qualitäten, die die Europäische Metropolregion München zu bieten hat.“ Die Stadt Mühldorf könne dort ja Mitglied werden, gleich beim nächsten Treffen, so Ude süffisant. „Dass sogar der Münchner OB ein Statement abgegeben hat, war für uns die Krönung“, sagt Hutterer. „Da haben wir gewusst, jetzt ist’s angekommen.“ Und auch außerhalb Bayerns nimmt man die Aktion bereits wahr. Radeberg bei Dresden hat sich bereits bei Mimmo gemeldet, ebenso Luckenwalde bei Berlin. Dort überlegt man, die Mühldorfer Kampagne, die bislang einzigartig ist, zu kopieren.
Doch in Mühldorf sind keineswegs alle von den Aktionen begeistert. Etwas argwöhnisch beäugen manche denn auch den Tross aus München, der bei strömenden Regen über den Stadtplatz zieht. „Wenn jetzt alles nach Mühldorf druckt, wird auch unsere Stadt teurer“, so die Befürchtung. „Wir brauchen gemäßigten Zuzug, wollen wir zukunftsfähig bleiben“, entgegnet Hutterer. „Ihr seid’s doch die ersten, die schreien, wenn Eisbahn oder Freibad dichtmachen, weil sie sich nicht mehr rentieren.“


Bilanz des Tages: Drei neue Mühldorfer – mindestens


An diesem Tag allerdings passt das Wetter ohnehin nicht für einen Freibadbesuch. Dafür aber erwartet der Bürgermeister im großen historischen Sitzungssaal des Rathauses die Münchner Gäste. Günther Knoblauch (SPD) preist die Schönheit des 500 Meter langen Stadtplatzes mit seinen Arkaden, der aktuell von Buden und Ständen des Altstadtfestes verstellt ist. Und er schwärmt vom Unertl-Weißbier, die Brauerei steht mitten in der Stadt. Chef Wolfgang Alois Unertl, dessen Urgroßeltern die Brauerei 1929 gegründet haben, wird später die Besucher persönlich durch seine Hallen führen. Bürgermeister Knoblauch und Brauereischef Unertl stehen beide voll und ganz hinter der Kampagne. „Jede Stadt macht doch Werbung“, sagt Knoblauch. „Und wir haben 1,5 Millionen potenzielle Einwohner gleich vor der Tür.“
Und dann endet für die Münchner der Ausflug wie er begonnen hat: mit einem Freibier. Und tatsächlich finden sich am Ende außer dem Pasinger Präsenz noch mindestens zwei Parteien, die sich für Mühldorf entscheiden. Bei einer bereitet Hutterer den Mietvertrag bereits vor. Präsenz selbst ist an einer Wohnung in einer Mühldorfer Seniorenwohnanlage interessiert. Auch wenn die – nicht ganz so werbewirksam – in der Friedhofstraße liegt.
Kampagnenchef Huber plant unterdessen bereits die nächsten Aktionen. Im Herbst und im nächsten Frühjahr will man in den Münchner S- und U-Bahnhöfen ein weiteres Mal plakatieren. Am 27. Juli statten dann die Mühldorfer München einen Besuch ab, fahren mit von der Bahn gestellten Rädern durch die Stadt, um Flyer und Broschüren zu verteilen. „Aber nicht, dass dann der eine oder andere bleibt“, scherzt Präsenz. „Denn wir sind schon voll.“ (Angelika Kahl)

Einen Online-Kommentar verfassen - so geht's

Scrollen Sie einfach ans Ende des Artikels, den Sie kommentieren wollen und geben Sie Ihre E-Mail-Adresse und einen nickname an. Die Nennung Ihres Namens ist freiwillig. Für die Nutzer sichtbar ist in jedem Fall NUR der nickname. Sie müssen sich auch nicht auf unserer Homepage anmelden. Aber unsere Netiquette akzeptieren. Und schon können Sie loslegen!

Kommentare (0)

Es sind noch keine Kommentare vorhanden!

Neuen Kommentar schreiben

Die Frage der Woche

Frage der Woche KW 38 (2016)

TTIP: Soll man die Verhandlungen stoppen?

Umfrage Bild
 

Lesen Sie dazu in der Bayerischen ­Staatszeitung vom 23. September 2016 auch die Standpunkte unserer Diskutanten:

Florian Pronold, Vorsitzender der Bayern-SPD

(JA)


Markus Ferber, wirtschaftspolitischer Sprecher der CSU im Europaparlament

(NEIN)

arrow
Facebook
E-Paper
Unser Bayern

Die kunst- und kulturhistorische Beilage der Bayerischen Staatszeitung

Unser Bayern

LesenNachbestellen
Shopping
Anzeigen Mediadaten
eaper
E-Paper
ePaper
zum ePaper
Anmeldung

Benutzername

Kennwort

Bei Problemen: Tel. 089 – 290142-59 und -69 oder vertrieb@bsz.de.