Leben in Bayern

Dekan André Hermany in seiner Pfarrei bei der Essensausgabe für junge Asylbewerber. (Foto: dpa)

15.01.2016

Kreativer Querdenker

André Hermany hat seine Pfarrei für junge Flüchtlinge geräumt – der Dekan ist in Mittelfranken bekannt für seine unkonventionellen Spontan-Aktionen

Als im Herbst 2014 der Landrat nicht wusste, wohin mit 50 unbegleiteten Asylsuchenden, sprang André Hermany spontan ein. Seit knapp eineinhalb Jahren beherbergt er nun Flüchtlinge. Und nicht erst seit den Vorfällen in der Kölner Silvesternacht weiß der katholische Geistliche: Gerade die Wertevermittlung ist wichtig. Für ihn selbst gilt: „Anpacken, dann kann man immer noch fragen.“

Knapp eineinhalb Jahre ist es jetzt her, dass der Dekan seine Pfarrei St. Otto im mittelfränkischen Cadolzburg kurzerhand für junge Flüchtlinge geräumt hat. Als der zuständige Fürther CSU-Landrat im Herbst 2014 einfach nicht wusste, wohin mit den 50 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, sprang André Hermany spontan ein.

Das Matratzenlager von damals ist längst Vergangenheit. Stockbetten und auch eine Kleiderkammer stehen den jungen Flüchtlingen zur Verfügung, die noch heute in St. Otto eine Herberge finden. Und noch etwas hat sich seitdem geändert. „Die CSU lädt mich derzeit nicht mehr ein“, sagt Hermany der Staatszeitung.

Eine Todesanzeige für Jesus – und die Messe ist voll

Das hat einen guten Grund. Denn der 59-jährige Geistliche eckt öfters an. Geht es um seine Überzeugungen, nimmt er kein Blatt vor dem Mund. „Menschenverachtend und beschämend“, nennt er so manche Aussage von CSU-Politikern. Besonders gegen den Strich geht ihm die Forderung nach einer Obergrenze für den Flüchtlingszuzug, „die sich nach EU-Recht nicht durchsetzen“ lasse, wie Fürths Dekan betont.

Hermany, oberster Repräsentant von rund 55 000 Katholiken, war schon immer ein Querdenker. Angst zu provozieren, hat er nicht. Einmal hat er zum Beispiel eine Todesanzeige für Jesus von Nazareth in einer Zeitung geschalten – als Werbung für einen Ostergottesdienst. Und tatsächlich: Seine Kirche war an diesem Tag bis auf den letzten Platz gefüllt.

Das Thema Flüchtlinge liegt dem Katholiken aktuell besonders am Herzen. „Anpacken“, ist hier seine Devise. „Es sind doch einfach Menschen.“ Hinterher könne man dann immer noch fragen.

Eine wichtige Frage, die sich Hermany selbst stellt, ist die der Integration. Und das nicht erst seit den Vorfällen in der Silvesternacht in Köln. Die jungen Flüchtlinge, die heute nicht mehr nur im Pfarrsaal einquartiert sind, sondern in einigen anderen Gebäuden seines Dekanats, müssten einiges von Grund auf lernen, erklärt Hermany. Am wichtigsten sei natürlich die Sprache. Doch auch „wie Mülltrennung funktioniert, wie man auf eine Toilette geht und sie wieder verlässt, wie man duscht“ – das alles sei für viele neu. Und auch, „dass man Essen nicht bunkern muss, weil es am nächsten Tag auch wieder etwas gibt“, sagt der Dekan. Viele hätten anfangs auch Angst, gleich „am nächsten Tag abgeschleppt zu werden“.

Hermany ist sich sicher: Integration sei gerade auch Werteübermittlung. „Wenn zu jungen Syrern eine Sozialarbeiterin als Betreuerin kommt, eine junge, hübsche Frau, da muss man ihnen beibringen: Die Frau hat respektiert zu werden, denn sie hat Kompetenz.“ Dass Gleichberechtigung zu den Grundwerten in Deutschland zählt, müssten die jungen Menschen akzeptieren. Für Hermany habe „Freiheit auch immer etwas mit der Pflicht zu tun, die Freiheit eines jeden zu respektieren“, erklärt er. Das sei Menschen aus anderen Kulturkreisen nicht immer klar, deshalb müsse das vermittelt werden – und das sei natürlich auch nicht immer einfach. Der Dekan betont: „Solch’ furchtbare Dinge wie in Köln oder Hamburg gehören bestraft. Wir leben in einem Rechtsstaat. Und vor dem Gesetz sind alle gleich.“ Er sagt aber ebenfalls: Die Unschuldsvermutung müsse auch für die dort Beschuldigten gelten.

Aber genauso müsse man sich um die Menschen hierzulande kümmern, meint der Pfarrer: „Es gibt bei vielen eine Berührungsängstlichkeit, weil man ja nicht weiß, wer da kommt.“ Doch wie soll man das erfahren, wenn man den Kontakt nicht sucht? Hermany rät den Menschen: „Trauen Sie sich doch einfach mal, ein paar wildfremde junge Leute auf der Straße anzusprechen. Die werden stehenbleiben und mit Ihnen reden. Mit Händen und Füßen. Denn das sind keine Feinde, sondern es sind und bleiben Menschen.“

Und auch Pegida-Unterstützer sind Menschen, über die der Geistliche kein Pauschalurteil fällen will. „Die sicherlich begründeten Ängste der Mitläufer kann ich nicht einfach wegwischen“, betont er. Aber man könne sie davon befreien, glaubt Hermany. Indem man mit ihnen redet und sie in Kontakt mit Flüchtlingen bringt. „Selbst unser Bischof ist noch manchmal ein bisschen ängstlich“, gesteht Hermany lachend. Doch er sei dabei, den Oberhirten „völlig zu bekehren“, scherzt er.

„Sprecht doch die jungen  Flüchtlinge einfach an“

Woran er dagegen aber wirklich manchmal verzweifle: an der Unflexibilität der deutschen Bürokratie. So sei einer seiner jugendlichen Schützlinge nach Oberviechtach in der Oberpfalz verlegt worden, obwohl er seit Monaten darauf warte, nach Lübeck zu kommen, wo sein Onkel lebt. Dass es gerade im Landratsamt Fürth aber auch unbürokratisch zugehen könne, erzählt er ebenfalls. Das gibt es zum Beispiel ein Fenster, durch das Jugendliche immer wieder hinausgeklettert sind. „Das wurde mit dem Schild ,Exit’ versehen. Und gut war‘s“, lobt der Pfarrer. Was er in seinem Dekanat allerdings nicht versteht: „Warum stehen ehemalige Schleckerläden immer noch leer? Dort wäre Platz für einen Treffpunkt. In letzter Konsequenz würde das die Kirche bezahlen“, nimmt Hermany möglichen Bedenkenträgern schon mal den Wind aus den Segeln.

Sich selbst sieht Hermany übrigens „als Patrioten“ – eine Aussage, die am Ende überrascht. Doch er ergänzt: „Nicht im Sinne von AfD und Pegida. Denn niemand wurde gefragt bei der Geburt, wo man geboren werden will. Man wurde ins Leben hineingeworfen. Irgendwo.“ (Heinz Wraneschitz)

Foto: Im Herbst 2014 machte Dekan Hermany aus dem Pfarrsaal kurzerhand ein Matratzenlager; dpa

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