Leben in Bayern

Reinhold Albert sorgt sich darum, dass die junge Generation kaum mehr etwas über die deutsch-deutsche Grenze wisse. (Foto: dpa)

02.10.2015

Purzelbäume am Schlagbaum

Der ehemalige bayerische Grenzpolizist Reinhold Albert über rote Telefone und Hollywood-reife Agenten-Geschichten

Angefangen hatte alles mit kindlichen Mutproben am Stacheldrahtzaun. Denn Reinhold Albert ist an der deutsch-deutschen Grenze in Franken aufgewachsen. Später wurde der heute 61-Jährige dort Polizist. Ein Streifzug durch eine Grenz-Geschichte zwischen Bayern und Thüringen.

Der Rentner Reinhold Albert kennt die deutsch-deutsche Grenze schon sein ganzes Lebens lang. Als Kind machte sie ihm Angst, als Grenzpolizist war sie für ihn Luft und als Pensionär ist sie nun sein Hobby. „Ich hab’ alles mitbekommen, vom Anfang bis zum Ende“, sagt der 61-Jährige.

Der Unterfranke diente nämlich von 1977 an und bis zum Jahr der Deutschen Einheit an einem rund 15 Kilometer langen Stück Grenze zur Deutschen Demokratischen Republik im Landkreis Haßberge. 1953 wurde er nur wenige hundert Meter von der DDR-Grenze entfernt, in Sternberg, einem Ortsteil von Sulzdorf an der Lederhecke im Landkreis Rhön-Grabfeld, geboren. Damals war die Grenze schon mit Stacheldraht abgeriegelt. Als Bub sei die Grenze für ihn immer etwas unheimlich gewesen. „Bewaffnete hinter Stacheldraht – das war schon aufregend.“ Er und seine Freunde hätten damals Purzelbäume am Schlagbaum gemacht. „Das waren unsere Mutproben.“

Als „unmenschlich“ beschreibt Albert die Grenze, auch wegen der tödlichen Minen, deren Detonationen weithin zu hören waren. Teil der Grenz-Sperranlagen waren auch die kilometerlangen Metallgitterzäune und Wachtürme. „Es gab auch einen akkurat gesäuberten Geländestreifen. Der wurde sogar eigens mit Unkrautvernichtern besprüht, damit man wirklich jeden Fußabdruck auf dem Boden sieht.“

Es seien verrückte Zeiten gewesen, sagt Albert immer wieder, während er sich an seine Dienstzeit an der Grenze erinnert. Heute könne man ob des von der DDR betriebenen Aufwands beim Bau der Grenzsicherungsanlagen eigentlich nur noch voller Unverständnis den Kopf schütteln.

Später wurde er Polizist an genau dieser Grenze. „Meine Aufgabe: Beobachten und Veränderungen an der Grenze sowie Grenzverletzungen melden.“ Viele gab es davon nicht. „Im Grunde waren wir ganz normale Polizisten und haben Unfälle, Straftaten und ähnliches aufgenommen. Aber wir haben eben auch mal eine halbe Stunde an der Grenze patrouilliert.“

Die Stasi hat jedes noch so kleine Detail dokumentiert

So eng wie seine Kollegen auf der anderen Seite, die ihn nicht einmal grüßten, sah er es aber nie. „Die DDR war für uns ja kein Ausland, wir haben sie nicht anerkannt. Die Grenze war zwar da, aber sie war für uns rechtlich gesehen Luft.“ Denn für ihn und seine Kollegen war sie eine Landesgrenze wie zwischen Bayern und Hessen – „allerdings durch Schießbefehl und Minen nahezu unüberwindbar“. Deswegen sei es auch wichtig gewesen, Leute davon abhalten, über die Grenze in den Osten zu gehen und sich damit in Gefahr zu bringen. Aber auch das sei fast nie nötig gewesen. Nur einmal seien zwei geistig Behinderte unabsichtlich auf ostdeutsches Gebiet geraten. „Die wurden uns nach ein paar Tagen aber an einem Grenzübergang wieder überstellt.“

Seine wichtigere Aufgabe war deshalb vielmehr, zu informieren. Seit dem Ende der 70er-Jahre gab es alle 25 Kilometer so genannte Grenzinformationsstellen im Westen. „Diese habe ich damals mit aufgebaut. Die Stellen sollten den Leuten die Geschichte und den Aufbau der Grenze näherbringen“, erinnert er sich. Teilweise seien Schulklassen aus Orten, die nur 20 Kilometer weiter entfernt lagen, bei seinen Führungen gewesen und hatten „null Ahnung“ von der Grenze. Heutzutage, Albert bietet noch immer Führungen entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze an, sei das wieder ähnlich. Die junge Generation wisse kaum noch etwas zur deutsch-deutschen Grenze.

Albert schätzt, dass er bis zur Deutschen Einheit etwa 35 000 Menschen an der Grenze entlang geführt hat. „Diesen Tourismus hat man auf Seiten der DDR natürlich nicht gern gesehen.“ Das innerdeutsche Ministerium aber habe die Fahrten an die Grenze sogar bezuschusst.

 

Den Fall der Mauer hat er tatsächlich verschlafen

Der Polizeihauptkommissar im Ruhestand erinnert sich aber auch an die geheimnisvollen Agenten aus der DDR, die über Schlupflöcher im Zaun in seinen Ort kamen und „den Westen ausspionierten“. „Das hat es sehr häufig gegeben. Die DDR-Staatssicherheit hatte einfach den Wahn, alles über uns zu sammeln. Dabei war hier ja überhaupt nichts, was von Belang gewesen wäre.“ Jedes unbedeutende Detail sei von der Stasi in so genannten „Feindobjektakten“ festgehalten worden.
Heute füllen diese Details seine Akten über die Geschichte seiner Heimatregion Rhön-Grabfeld.

Hunderte Ordner, Bücher, Fotoalben und Chroniken stehen in seinen zwei Arbeitszimmern im Kellergeschoss seines Hauses. Aus dem Grenzpolizeibeamten ist ein Buchautor, Kreisheimatpfleger und Chronist geworden. „Im Grunde sammele ich schon, seit ich 15 Jahre alt bin. Andere spielen Karten. Das ist eben mein Hobby“, sagt der 61-Jährige.

Den Fall der Mauer am 9. November 1989 hat der ehemalige Grenzpolizist tatsächlich verschlafen. „Und am nächsten Tag fuhren in die Kreisstadt Bad Neustadt auf einmal unzählige Trabis und überall waren Nachbarn von drüben.“ Die Grenzöffnung sei für ihn „mit das schönste Erlebnis in meinem Leben“ gewesen. Die Grenzüberwacher, die er sonst nur auf mehrere hundert Meter Entfernung gesehen hat, und die Bewohner der Nachbarorte wurden auf einmal zu Bekannten. „Wir haben uns natürlich gegenseitig besucht.“

Als ein einschneidendes Erlebnis bezeichnet er die ersten Gespräche mit Bewohnern der Thüringer Nachbarorte. Allerdings nicht nur wegen der spannenden Inhalte. „Die hatten genau den gleichen Dialekt wie wir. Die sprachen gar nicht sächsisch. Das hat mich bald umgehauen. Da sieht man mal, dass viele Gemeinsamkeiten trotz der 40 Jahre Trennung geblieben sind.“ (Christiane Gläser, dpa)

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