Politik

11.03.2011

Abgefahren

Ein Kommentar von André Paul

Denken wir positiv und nehmen einfach mal an, die Einführung des neuen „Biokraftstoffs“ E10 war kein populistischer Akt zur Beruhigung des kollektiven schlechten Gewissens in der selbsternannten Ökosünderrepublik Deutschland, sondern soll tatsächlich dem Umweltschutz dienen. Dann stellt sich aber die Frage, welche konkreten Verbesserungen für Mutter Natur damit erreicht werden können.
Verbrauchen die Autofahrer nun weniger fossile Brennstoffe? Leider nein, denn die Leistungsfähigkeit des neuen Sprits ist gegenüber dem herkömmlichen Super herabgesetzt. Wer bisher für eine Fahrt von München nach Nürnberg 14 Liter verbrauchte, muss nun 15 oder 16 Liter in den Tank schütten. Damit ist der E10-Anteil locker kompensiert. Einen Alkoholiker bekommt man ja auch nicht trocken, weil der jetzt statt 40-prozentigem Fusel nur noch solchen mit 35 Prozent in sich hineinschüttet.
Aber vielleicht wird die Atmosphäre bald weniger stark durch Treibhausgase belastet? Leider nein, denn künftig müssen viel mehr Zuckerrüben oder Mais angebaut werden, um den deutlich erhöhten Bedarf an Ethanol zu decken. Transport und Verarbeitung der Pflanzen kosten ebenfalls Energie. Obendrein werden dafür wertvolle Wälder abgeholzt. Die Kohlendioxid-Emissionen steigen an.
Die Negativliste ließe sich fortsetzen: Die bei einer unablässig wachsenden Weltbevölkerung dringend benötigten Anbauflächen für Lebensmittel gehen gerade in Entwicklungsländern verloren; die als Folge der andauernden Flächenversiegelung in den Industriestaaten gebotene Umsteuerung vom individuellen Straßen- auf den Schienenverkehr wird weiter in die Zukunft verschoben; die Entwicklungsingenieure der Automobilindustrie befassen sich erst mal mit E10-kompatiblen Motoren, statt endlich das massentaugliche Elektro- oder Drei-Liter-Auto zu konstruieren.
Erreicht wurden stattdessen: verunsicherte Verbraucher, eine überforderte Ministerialbürokratie und eine erneute Diskreditierung des Umweltschutzgedankens. Der „Benzin-Gipfel“ von Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hat daran nichts geändert. Die Zug ist abgefahren. Aber schön, dass wir das Thema mal auf der Agenda hatten.

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