Politik

Erzieherinnen verzweifelt gesucht: In Bayern herrscht ein großer Mangel an Fachkräften. (Foto: dpa)

08.08.2014

Aldi statt Kita - des Gehalts wegen

Kommunen dürfen Erzieher/innen 20 Prozent mehr Gehalt zahlen - selbst SPD-Leute halten das nicht für die Ideallösung

Der Wettlauf hat begonnen. Die Ankündigung des Münchner Oberbürgermeisters Dieter Reiter (SPD), Erzieherinnen ein Gehaltsplus von 20 Prozent zu bezahlen, hat Bayerns Kommunen – jedenfalls die im Umkreis der Ballungsräume – aufgeschreckt. Denn was ist mit den Gemeinden, die nicht das Geld haben, einfach mal so eine Zulage für die händeringend gesuchten Erzieherinnen aus dem Hut zu zaubern? Kritik an dem Vorhaben kommt auch aus Reiters eigener Partei. Doris Rauscher, SPD-Landtagsabgeordnete, prognostiziert kühl: „Es wird zu einer Personalwanderung kommen.“
Bereits im Mai hatte OB Reiter angekündigt, über eine Arbeitsmarktzulage das Gehalt der Erzieher/innen erhöhen zu wollen. Der kommunale Arbeitgeberverband (KAV) Bayern segnete Reiters Wunsch kürzlich ab. „Ein riesiger Erfolg!“, jubelte Reiter. „Nur so können wir die qualifizierten Fachkräfte in München halten und neue dazugewinnen,“ sagte Reiter der Staatszeitung.
Fakt ist: Erzieher/innen fehlen überall. Die Gemeinden im Landkreis München sind im Zugzwang. Ziehen sie nicht mit, werden sie beim Wettbewerb um Fachkräfte das Nachsehen haben. Viele Kommunen – in ganz Bayern – zeigen sich deshalb offen für eine Zulage. „Die hinreichend bekannte Personalsituation im Erzieherbereich lässt eigentlich keine Alternative zu“, heißt es etwa aus der Stadtverwaltung Fürstenfeldbruck.
Das Nachsehen haben bedürftige Kommunen – und Kindertagesstätten freier oder kirchlicher Träger. Nichtstädtische Träger seien bereits jetzt benachteiligt, moniert der Dachverband Bayerischer Träger für Kindertageseinrichtungen. „Aufgrund der verbesserten Kassenlage der öffentlichen Hand sind die TVÖD-Löhne in den letzten Jahren bereits überproportional angestiegen“, erklärt der Vorsitzende Benjamin Tajedini. Gerade erst hat der Münchner Stadtrat – unabhängig von der 20-Prozent-Zulage – beschlossen, insgesamt 40 Prozent der städtischen Erzieherinnen und Erzieher einen ordentlichen Gehaltssprung zu ermöglichen: von der Gehaltsgruppe S6 in S8.
Und auch die Wohnangebote, die München für Erzieher bereithält, seien für andere Träger nicht finanzierbar, so Tajedini. Aktuell entstehen 829 geförderte Mietwohnungen auf dem Gelände der ehemaligen Prinz-Eugen-Kaserne sowie in der Messestadt Riem. 500 davon sind laut Christian Müller, sozialpolitischer Sprecher der SPD-Stadtratsfraktion, vorrangig für städtische Beschäftigte mit Mangelberufen gedacht.
Immerhin: Die Münchner SPD hat angekündigt, sich auch für höhere Erzieherlöhne in privaten oder gemeinnützigen Kitas der Landeshauptstadt einzusetzen. Wie das genau gehen soll, ist offen.
Derweil geht auch in katholischen Einrichtungen des Freistaats die Sorge um, dass Fachkräfte von städtischen Kitas abgeworben werden. Pia Theresia Frank, Geschäftsführerin des Verbands katholische Kindertageseinrichtungen Bayern, wünscht sich, dass niemand„für 250 Euro mehr eine Stelle, wo es einem gut geht, verlässt“.
Kritik kommt daneben von SPD-Mann Thomas Beyer, Landesvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Bayern. Er hält die Münchner Initiative für Flickschusterei. Beyer wünscht sich ein Gesamtpaket. Neben besserer Bezahlung gehöre dazu: „eine fundierte und bezahlbare Ausbildung, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die Verbesserung der Betreuungsqualität und eine gesicherte Refinanzierung.“ Außerdem plädiert Beyer dafür, dass sich OB Reiter mit allen Kommunen und Bayerns Sozialministerin Emilia Müller abstimmt.

Erzieher arbeiten im Schnitt nur fünf Jahre in ihrem Beruf

Das sieht selbst die CSU so: Erstens, sagt Kerstin Schreyer-Stäblein, stellvertretende Vorsitzende der CSU-Landtagsfraktion, hätte sich Reiter mit dem Landkreis München absprechen sollen, bevor er mit dem 20-Prozent-Gehaltsplus vorprescht. „Normalerweise redet man interkommunal über so was.“ Zweitens, so Schreyer-Stäblein, müssten nicht nur Erzieher, sondern auch dringend benötigte Altenpfleger sowie Sozialpädagogen „deutlich besser“ bezahlt werden. „Der Dienst am Menschen muss uns mehr wert sein.“ Wer dafür wieviel zahlen soll, mag sie zwar nicht sagen. Klar ist aber: Ohne die Erhöhung staatlicher Gelder wird das nicht gehen. Gabi Schmidt, Landtagsabgeordnete der Freien Wähler, fordert: Der Freistaat „muss die staatliche Förderung deutlich anheben.“
Ein interessanter Vorschlag, wie man den Erzieherberuf attraktiver machen kann, kommt von SPD-Frau Rauscher: Sie regt eine Reform der Ausbildung nach dem Vorbild Baden-Württembergs an. Dort verdienen angehende Erzieher/innen von Anfang an Geld, die Ausbildung dauert vier Jahre, und Theorie und Praxis sind verzahnt. Während Erzieher in Bayern eine fünfjährige Ausbildung absolvieren müssen, großteils ohne beziehungsweise nur mit einem Minigehalt von 150 Euro monatlich.
Die Ausbildung verkürzen? Bei den Grünen rennt sie damit schon mal offene Türen ein: „Eine fünfjährige Ausbildung ist nicht attraktiv“, sagt die Grünen-Landtagsabgeordnete Kerstin Celina – vor allem „wenn man das Gehalt sieht, das danach gezahlt wird“. Auch CSU-Fraktionsvize Schreyer-Stäblein denkt so. Zu ihrer Verwunderung jedoch hätten sich Fachleute in einer Anhörung vergangenes Jahr dagegen ausgesprochen. Sie will das Thema aber wieder auf den Tisch bringen.
Das kann nicht schaden. Wenn Erzieher dann noch besser bezahlt werden und Kitas von der Unsitte Abstand nehmen, Erzieher mit Zeitverträgen abzuspeisen, könnte es wirklich passieren, dass irgendwann genügend Fachkräfte da sind – und auch länger Spaß dran haben, in ihrem Beruf zu arbeiten. Derzeit ist es laut Schreyer-Stäblein nämlich so, dass Erzieher/innen im Schnitt nur fünf Jahre im Job bleiben. Viele, so die CSU-Frau, „arbeiten dann lieber bei Aldi an der Kasse, weil sie da bessere Arbeitsbedingungen haben und mehr verdienen“.
(Angelika Kahl, Waltraud Taschner)

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Kommentare (2)

  1. Karl am 11.08.2014
    Ich kenne da keine Gemeinde!!!
    Warum auch?
  2. Susi am 17.10.2014
    Was ist mit den Kinderpfleger/innen??? Wer vertritt die Erzieher/in bei Urlaub, Krankheit, Fortbildung und unbesetzten Stellen??? Die Kinderpfleger/in !!!!! Ich bin in einer Einrichtung mit 85 Kindern 4 Gruppen und heute haben 4 Erzieher gefehlt!! Was glauben Sie wer den Tag organisiert hat?? Ich fordere Lohnanpassung!! Mehr Wertschätzung für Kinderpfleger/innen !!! Was glaube Sie, was passiert, wenn die Kinderpfleger/innen streiken??

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