Politik

Saufen, um cool zu sein – die Schulen versuchen, diesem Irrglauben mit Aufklärung entgegenzusteuern. (Foto: dpa)

05.06.2015

"Alkohol ist ein Riesenproblem an den Schulen"

Die neue BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann über den gestiegenen Druck auf Kinder und Lehrer, Drogen im Klassenzimmer und Grenzen des Schulsystems

Sie leitet seit zwei Wochen den größten Lehrerverband Bayerns – mit rund 60 000 Mitgliedern. Fleischmann, bislang Mittelschulleiterin in Poing, hat auch Schulpsychologie studiert. Sie sagt: In manchen Klassen reicht ein Lehrer nicht mehr aus. „Manchmal musst du dir die Frage stellen, ob du der Klasse überhaupt den Rücken zukehren kannst, um an der Tafel ein Dreieck anzumalen.“

BSZ: Frau Fleischmann, im Kultusministerium soll sich die Begeisterung über Ihre Wahl in Grenzen halten, dort sind Sie als Ideologin verschrien. Ärgert Sie das?
Simone Fleischmann: Nein, es wäre fatal, würde man dort glauben, mit der BLLV-Präsidentin kuscheln und mauscheln zu können. Insofern sehe ich das als Kompliment. Dass ich eine Ideologin sein soll, halte ich allerdings für eine Killerphrase. Denn das würde ja heißen, dass man mit mir gar nicht erst reden bräuchte. Aber ja: Es reizt mich, für eine Sache zu kämpfen.

BSZ: Was sind aktuell die wichtigsten Punkte, für die Sie kämpfen?
Fleischmann: Unser Augsburger Manifest heißt „Zeit für Bildung“ und beinhaltet ganz viele Punkte von der Inklusion über Eigenverantwortung an den Schulen bis hin zu unserem Lern- und Leistungsbegriff. Wir sind für eine Entschleunigung der Schule – und zwar nicht, weil wir Lehrer Jammerlappen sind. Es ist unsere Aufgabe, Engpässe zu benennen. Und über Lösungsvorschläge, die wir haben, zu diskutieren.

BSZ: Einer dieser Lösungsvorschläge ist das Zwei-Lehrer-Prinzip, wonach immer zwei Lehrer in einer Klasse anwesend sein sollen. Ist das nicht utopisch?
Fleischmann: Zeit für Bildung heißt auch Geld für Bildung. In einem reichen Land wie Bayern, wo die Steuereinnahmen sprudeln, sollten auch die Ausgaben pro Kinderkopf steigen. Da hinken wir aber deutlich hinterher. Wie haben Steuermehreinnahmen von 24 Prozent. Die Bildungsausgaben sind dagegen um 15 Prozent gestiegen. Dieses Leck muss weg. Wenn es in Sonntagsreden immer heißt, Kinder sind unsere wichtigste Ressource, dann müssen wir auch in sie investieren.

BSZ: Aber zwei Lehrer für eine Klasse – braucht es das wirklich?
Fleischmann: Es geht es ja keineswegs darum, dass künftig in jeder Klasse zwei Lehrer unterrichten sollen. Wir wollen multiprofessionelle Teams für eine bestimmte Stundenanzahl und auch nur dort, wo sie nötig sind.

BSZ: Wo ist das denn der Fall?
Fleischmann: Es gibt in der Mittelschullandschaft Klassen mit 16 Kindern, die von einem Lehrer nicht mehr den ganzen Tag beschult werden können. Ich weiß, das kann man sich kaum vorstellen, wenn man es nicht erlebt hat. Auch Lehrer übrigens nicht – bis sie plötzlich in einer Klasse stehen, in der nur ein Schüler richtig Deutsch kann. Dazu kommen dann noch drei, vier Schüler, die regelmäßig bei der Polizei sitzen, drei, die fast nie da sind und zwei, die sich ritzen. Da musst du dir schon die Frage stellen, ob du der Klasse überhaupt den Rücken zukehren kannst, um an der Tafel ein Dreieck anzumalen.

"Wir haben auch sehr viele depressive Kinder. Früher hieß es: Was für ein braves Mädel. Die sagt halt nix."

BSZ: Werden die Kinder immer schwieriger?
Fleischmann: Meine Oma sagte immer: Ich weiß gar nicht, was du hast. Früher gab’s auch schon die Rotzlöffel. Aber was früher der Zappelphilipp war oder der Hans-Guck-in-die-Luft, hat heute eine professionelle Diagnose: ADHS zum Beispiel. Und das ist auch gut so, denn nur so können diese Kinder auch gut behandelt werden. Wir haben zum Beispiel auch sehr viele depressive Kinder. Früher hieß es: Was für ein braves Mädel. Die sagt halt nix.

BSZ: Die Störungen haben also gar nicht zugenommen, sie werden heute nur besser erkannt?
Fleischmann: Gott sei Dank! Dazu kommt aber natürlich auch, dass unsere Gesellschaft heute stark leistungsorientiert ist. Fragen wie: Bist du gut? – aber auch: Trägst du Markenklamotten, bist du schlank, bist du schön? – sie machen es den Kindern heute schwer, das Gefühl zu haben, zu genügen. Das sind Tendenzen, die ich mit Sorge beobachte. Denn wenn nur noch High Level und Vollgas zählen, haben wir immer mehr Kinder, die durch diese Raster fallen. Und diese Kinder leiden und brauchen Hilfe. Auch deshalb braucht es multiprofessionelle Teams mit Psychologen und Sozialpädagogen.

BSZ: Muss die Schule heute mehr auffangen, was früher Familien übernommen haben?
Fleischmann: So pauschal kann man das nicht sagen. Aber ja, es gibt Klassen, in denen musste ich montags erst mal einen Stuhlkreis machen, damit die Kinder überhaupt arbeitsfähig wurden. Manche Kinder sitzen den ganzen Tag vor dem Fernseher, weil die Eltern sie sich selbst überlassen. Aber es gibt auch die Eltern, die ihren Kindern am Abend eineinhalb Stunden vorlesen. Es ist aber schon so, dass wir bei der Einschulung immer mehr grundlegende Kernkompetenzen vermissen. Schuhbandlbinden oder einen Hampelmann hüpfen – das können viele nicht. Manche Eltern wissen einfach nicht mehr, was zur vorschulischen Erziehung gehört.

BSZ: Erleben Sie auch das Gegenteil: dass die Familie zu viel Druck erzeugt?
Fleischmann: Ja, das Kind muss dann mindestens ein Instrument spielen und eine Sportart gut können. Wäre auch schön, wenn es noch eine Hochbegabung hätte. Bei mir standen schon Eltern wegen einer drei in Mathe auf der Matte – mit einem Anwalt. Und natürlich hat das Kind bei der nächsten Probe Angst und denkt nicht mehr über die Aufgaben nach, sondern über die Note. Und ich stehe dann während der Probe neben einem Kind, das weint. Aber nochmal: Es gibt auch viele sehr vernünftige und tolle Eltern.

"Und dann dieses Wodka-Saufen – manche schütten sich eine ganze Flasche rein, weil sie es cool finden"

BSZ: Gerade wird eine Freigabe von Cannabis heiß diskutiert – wie groß ist eigentlich das Drogenproblem an den Schulen?
Fleischmann: Ich behaupte, dass es keine weiterführende Schule gibt, die das Problem nicht hat. Prävention findet im Unterricht aber vielfältig statt – auch in Zusammenarbeit mit Suchtberatungsstellen. Die Frage, ob Cannabis legalisiert werden soll, kann ich nicht beantworten. Ich bin keine Fachfrau, auch nicht, was Langzeitfolgen angeht. Eine banale Antwort wäre: Alles, was verboten ist, ist noch reizvoller. Aber vielleicht nimmt am Ende dann eine schärfere Droge den Platz ein. Aber ohnehin würde ich sagen, das Alkoholproblem ist ein größeres.

BSZ: Inwiefern?
Fleischmann: Wenn bei uns der Maibaum aufgestellt wird, kannst du ab der 7. Klasse am Montagmorgen weitgehend auf den Unterricht verzichten. Schon 16-Jährige bekommen in unserem Maibaum-stüberl ja so viel Alkohol, wie sie wollen. Und dann dieses Wodka-Saufen – manche schütten sich eine ganze Flasche rein, weil sie es cool finden. Hier helfen nur Aufklärungsarbeit und Gespräche mit den Eltern.

BSZ: Wie sieht es denn mit der eigenen Vorbildfunktion aus, gibt’s Sekt im Lehrerzimmer?
Fleischmann: Ja, die Kinder wissen, dass wir runde Geburtstage im Kollegium feiern. Und auch auf meine Präsidentschaft haben wir angestoßen. Man kann den Kindern aber sehr gut erklären, dass man als Lehrer andere Rechte hat als sie. Ich hielte es für problematischer, man würde es heimlich machen. Und ich habe auch noch nie erlebt, dass unsere Vorbildwirkung deshalb geschmälert wurde.
(Interview: Angelika Kahl)

Foto: Simone Fleischmann (44) ist die erste Frau an der Spitze des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband (BLLV); dpa

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Kommentare (2)

  1. Christrian am 05.06.2015
    Aber nicht auf den bayerischen Volksfesten, hier wird der Alkoholismus noch durch die
    Ausgabe von "Biermarken" gefördert!
    Hier ist der öffentlichen Dienst beispielhaft zu nennen!
  2. Christrian am 05.06.2015
    """"".....bis sie plötzlich in einer Klasse stehen, in der nur ein Schüler richtig Deutsch kann. ....""""

    Das ist aber ein Versagen der Staatsregierung und der Bundesregierung,
    dafür können Lehrkräfte nichts!

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