Politik

05.04.2012

Anonyme Klerikalfaschisten im Netz

Neues Betätigungsfeld für den Verfassungsschutz: fanatische ultraorthodoxe Katholiken als Hassprediger im Internet

Die Welt der bayerischen Verfassungsschützer ist übersichtlich. Gefahr droht vom Islamismus, vom Rechtsextremismus, vom Linksextremismus, von der Spionage, von Scientology und von der Organisierten Kriminalität. Religiösen Fundamentalismus, der gegen die Verfassung gerichtet ist, können die Verfassungsschützer offensichtlich nur im Islam entdecken. Kein geringerer als der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz hat aber jetzt unmissverständlich klargestellt: Es gibt auch Christen, deren religiöses Wirken eindeutig verfassungsfeindlich ist. Ob diese Erkenntnis des obersten Verfassungsschützers der Republik irgendwann ins bayerische Landesamt vordringt?
Es geht um die Internetseite kreuz.net, die seit 2004 unter dem Deckmantel eines kämpferischen Katholizismus nichts als Hass predigt: gegen die Juden, die Moslems und die Homosexuellen, und all das in einer unverhüllt hetzerischen Tonlage.

Homophob, muslimfeindlich, antisemitisch


Es ist keine Frage, wofür kreuz.net wirbt: für den Pogrom. Volker Beck, Parlamentarischer Geschäftsführer der Bundestagsfraktion der Grünen, hatte Heinz Fromm, den Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz, im Januar gebeten, kreuz.net zu beobachten. Zwar ist sich auch Beck darüber im Klaren: „Strafrechtlich sind die Betreiber nicht zu belangen, da sich die Server im Ausland befinden.“
Nichtsdestotrotz handelt es sich um ein deutsches Projekt: „Die Aussagen und verfassungsfeindlichen Bestrebungen richten sich jedoch eindeutig an deutsche bzw. deutschsprachige Leserinnen und Leser.“ Fromms Antwort: Auch im Bundesamt für Verfassungsschutz betrachtet man kreuz.net als verfassungsfeindlich. Für Fromm ist es keine Frage, dass immer wiederkehrende „homophobe, muslimfeindliche und antisemitische Äußerungen“ auf kreuz.net „nicht vom Grundrecht auf Meinungsfreiheit gedeckt sind, Anhaltspunkte für Bestrebungen gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung enthalten und die Grenzen zur Strafbarkeit überschreiten.“ Die Hassprediger sind auch deshalb schwer greifbar, da der Großteil der Artikel, wie Fromm schreibt, „anonym eingestellt wird“.
Dennoch nimmt das Phantom immer wieder Gestalt an – auch in Bayern. Bei den Gerichtsverhandlungen gegen Bischof Richard Williamson in Regensburg 2010 und 2011 wurde das Publikum von kreuz.net-Fans dominiert. Piusbruder Williamson, Holocaustleugner, wird bei kreuz.net seit Jahren als „Märtyrer-“ und „Heldenbischof“ gefeiert. Seine Anhänger: glühende Nazis, die zugleich ultraorthodoxe Katholiken sind.
Da das Urteil des Regensburger Landgerichts gegen Williamson vom Juli 2011 (6500 Euro wegen Volksverhetzung) vom Oberlandesgericht Nürnberg wegen eines Formfehlers aufgehoben wurde und das Verfahren vermutlich noch im April neu aufgerollt wird, besteht demnächst wohl wieder Gelegenheit, das von pathologischem Hass verzerrte Gesicht von kreuz.net zu sehen: auf den Zuhörerbänken des Regensburger Amtsgerichts. (Florian Sendtner)

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Kommentare (2)

  1. Montanus am 10.04.2012
    Die Kritik an kreuz.net trifft vollkommen zu. Nur verstehe ich nicht, warum der Autor des Beitrags die Leute, die hinter dieser Website stehen, für "ultraorthodoxe Katholiken" hält. Ultraorthodox würde doch wohl bedeuten streng rechtgläubig im Sinne der katholischen Kirche. Das sein zu wollen nehme ich als regelmäßig praktizierender und konservativ-traditionsverbundener (was nicht traditionalistisch im Sinne der Piusbruderschft ist) Katholik auch für mich in Anspruch. Die Hintermänner von kreuz.net sind das gerade nicht, denn sie tun nichts lieber als die "nach-konziliare" katholische Kirche mit herabsetzender Schmähkritik zu überziehen und ihr empörender Antisemitismus steht im Widerspruch zu zahlreichen kirchlichen Lehrentscheidungen seit Pius XI., Papst von 1922 bis 1939. Wer sich in bewussten Gegensatz zum kirchlichen Lehramt stellt, ist aber kein "ultraorthodoxer Katholik", sondern ein Sektierer.
  2. Koprater am 13.04.2012
    Aufgrund des interessanten Artikels von Florian Sendtner habe ich mir kreuz.net einmal zu Gemüte geführt, und mir ist jetzt noch schlecht. Geballte Niedertracht, gezielte Verkehrung und Verdrehung von allem und jedem, und das alles im Namen des katholischen Glaubens. Daß sich diese Haßprediger dabei in mehr als einem Punkt offen gegen das kirchliche Lehramt stellen, geben sie ja selber zu. Gleichzeitig bezeichnen sich die größtenteils anonym keifenden und geifernden Brüder und Schwestern im Impressum als eine "Initiative von Katholiken, die hauptberuflich im kirchlichen Dienst tätig sind". Wenn das nicht gelogen ist, handelt es sich bei kreuz.net um eine Art rechtsextremistisches Ventil für Leute, die untertags den braven Pfarrer und aufgeschlossenen Katholiken geben, der konziliare Kreide gefressen hat, und abends setzen sie sich vor den Computer und lassen die antisemitische/rassistische/homophobe Sau raus. Diese krankhafte, menschenfeindliche Leidenschaft als "ultraorthodox" zu bezeichnen, finde ich gar nicht so schlecht. "Ultra" heißt ja doch "jenseits", "über etwas hinaus". Und "Orthodox" heißt ja schon "strenggläubig" (also einer, der die Bibel oder den Koran wortwörtlich nimmt und jeden Andersgläubigen für verworfen hält), "ultraorthodox" bedeutet demzufolge: "strenger als strenggläubig, fanatisch, verbohrt, nichts anderes gelten lassend", und letztlich: "alles andere vernichten wollend". Ein Montanus ist ja auch ein friedlicher Bergbewohner oder Freund der Berge, während ein Ultramontaner einer ist, der im Geiste jenseits der Alpen lebt: ein strikter Papist und bedingungsloser vatikanischer Gefolgsmann, der seinen Verstand in der Sakristei abgegeben hat.

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