Politik

Tod im Guerillakrieg: Sarg eines in Afghanistan getöteten deutschen Soldaten in Masar-i-Scharif. (Foto: ddp)

23.04.2010

Auf verlorenem Posten

Der Krieg in Afghanistan wäre für den Westen, wenn überhaupt, nur mit entsetzlichen Mitteln zu gewinnen

Politiker, unter ihnen die Bundeskanzlerin und Horst Seehofer, gedenken an diesem Wochenende in Ingolstadt der vier deutschen Soldaten, die kürzlich in Afghanistan gefallen sind. Vier von sieben allein im April. Die Republik hat allen Anlass, sich vor ihnen besonders tief zu verneigen, denn sie kämpften auf wahrscheinlich verlorenem Posten und ohne Aussicht auf einen strahlenden Sieg. Diesen Feldzug zu gewinnen, ist eine Illusion, allerdings eine immer wieder kräftig genährte. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) drückte es neulich so aus: „Die Situation in Afghanistan ist sehr kompliziert und schwierig, aber nicht hoffnungslos.“ So reden Verlierer. So reden Politiker, die sich ihrer Schwäche, nicht ihrer Stärke bewusst sind und auf irgendein zukünftiges Wunder setzen. Nicht hoffnungslos? Gerade in Afghanistan hat das offizielle Deutschland schon mehrere Hoffnungen begraben, eine nach der anderen. Zuerst sollte das ferne Land eine ordentliche Demokratie werden. Als es sich im Westen herumgesprochen hatte, dass die Clans, die Stammesfürsten und die Warlords dies nicht zulassen würden, kam die klassische Entwicklungshilfe aufs Tapet. Weil es dazu der Assistenz einer ganzen Armee bedurft hätte, verfiel die Bundesregierung auf humanitäre Einzelmaßnahmen. Als es auch damit haperte, weil die mit Selbstverteidigung befasste Bundeswehr in Wagenburgen saß, kam Berlin auf die Idee, die Soldaten „in die Fläche“ zu schicken. Typische Schönfärberei. Ins Feld sollten sie, wo es noch nie zivil zugegangen ist. Die jungen Männer aus Deutschland mussten töten, damit sie nicht getötet wurden, und erleben, dass einige von ihnen trotzdem den Tod fanden. Hierauf verwendete Verteidigungsminister zu Guttenberg das Wort „Krieg“, hielt das für sehr mutig, fügte jedoch abschwächend hinzu, der Ausdruck sei „umgangssprachlich“. Merkel nennt ihn „landläufig“. Aber auch die Umgangssprache hat nicht ganz recht. Denn die Taliban sind Zivilisten. Die ISAF, die internationale Afghanistan-Schutztruppe, zu der die deutschen Soldaten gehören, kämpft nicht gegen irgendeine Armee samt Generalfeldmarschall, sondern gegen eine amorphe Masse schwer zu lokalisierender Kämpfer. Siebengescheite und vornehm tuende Theoretiker bezeichnen das als „asymmetrischen Krieg“, bleiben uns jedoch den Hinweis schuldig, wie er zu gewinnen wäre. In Wirklichkeit ist die blutige Angelegenheit keine Novität. Deutschland befindet sich in einem Guerillakrieg, der sehr wohl zu gewinnen wäre, aber nur mit einer militärischen und administrativen Grausamkeit, die im heutigen Deutschland blankes Entsetzen hervorriefe und von keinem Soldaten zu verlangen wäre. Das ist die Situation: Ob sie will oder nicht, deckt, schützt und verbirgt die afghanische Zivilbevölkerung die militanten Taliban und deren mörderische Selbstmordaspiranten. Ein deutscher Soldat, der das Camp verlässt, kann jede Sekunde umgebracht werden. Entweder gerät er in eine höchst zivil und äußerst harmlos aussehende Falle. Oder ein Straßenpassant, irgendeiner, eröffnet plötzlich auf ihn das Feuer. Die Selbstverteidigung muss prompt sein. Dass bei einer solchen Gefechtslage auch Unbeteiligte unter die Räder kommen, hat jetzt sogar die Bundesanwaltschaft eingesehen. Das Verfahren gegen Oberst Klein und Hauptfeldwebel Wilhelm wurde eingestellt, weil den beiden eine absichtliche, willkürliche, militärisch unmotivierte Tötung von Zivilpersonen kein Mensch hatte nachweisen können. Die Karlsruher Entscheidung ist ein guter Beitrag zur Ingolstädter Trauerfeier. Ohnehin kam es einer blutigen Groteske gleich, dass die deutschen Soldaten des Glaubens sein mussten, sie hätten nicht nur die Taliban, sondern auch die Staatsanwälte im Nacken. Grotesk ist auch Joachim Herrmanns Hoffnung auf die Durchsetzungskraft einer noch auszubildenden, zu einem Fünftel aus Analphabeten bestehenden afghanischen Polizei. Die wird, wie überall, ein Vollzugsorgan sein. Die zwölf bayerischen Ausbilder wären nicht ganz unschuldig, gerieten einmal ihre Musterschüler als Machtinstrument in die verkehrten Hände, in die der Warlords oder gleich der Taliban. Angela Merkel möchte, dass von 2011 an die Verantwortung für Land und Leute schrittweise an die Afghanen übergeben werde. An wen genau, sagte sie auch gestern im Bundestag nicht. Eine Regierung in Kabul nach unserem Geschmack bleibt ein Phantom.

(Roswin Finkenzeller)

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