Politik

In Bayern stehen Kinder in der Grundschule unter enormem Druck. (Foto: dapd)

09.11.2012

Aufstieg nach der Ehrenrunde

In Bayern gibt es besonders viele Schulwechsler – nach oben, aber auch nach unten

Mit Bildungsstudien ist es so eine Sache: Jeder liest das heraus, was er gerne lesen will. Dies gilt auch für die aktuelle Bertelsmann-Studie zur Durchlässigkeit des Schulsystems der einzelnen Bundesländer. Bayern wird bescheinigt, als einziges Bundesland mehr Auf- als Absteiger zu haben. Hört sich gut an. Die Staatsregierung fühlt sich bestätigt, Opposition und Lehrerverbände aber weisen auf die Details der Studie hin.
Auf den ersten Blick steht der Freistaat gut da: Während im Durchschnitt in Deutschland auf einen Schulaufsteiger zwei Schulabsteiger kommen, liegt das Verhältnis in Bayern wesentlich günstiger, nämlich bei 1:0,9. Aber: Auch die Gesamtquote der Schulformwechsler ist höher als in vielen anderen Ländern. Im untersuchten Schuljahr 2010/11 haben in Bayern 31 300 Schüler der fünften bis zehnten Klassen (Sekundarstufe I) die Schulform gewechselt, das entspricht einem Anteil von 4,3 Prozent – im bundesdeutschen Durchschnitt liegt er bei 2,2 Prozent.
Wie erstrebenswert ist eine insgesamt hohe Zahl an Wechslern? „Eine hohe Wechslerquote ist weder gut noch schlecht“, stellt Gabriele Bellenberg klar, Erziehungswissenschaftlerin an der Ruhr-Universität Bochum und Leiterin der Studie. Schulformwechsel, so Bellenberg, könnten ein Indikator für starke Selektion, aber auch für eine hohe Chancengleichheit sein. Dass es innerhalb Deutschlands große Unterschiede gebe, sei bekannt. Sie habe sich in der  Studie für den Zusammenhang zwischen Wechslerquote und Aspekten wie dem Schulsystem, dem Elternrecht und den Aufstiegsregeln interessiert.
Die meisten Wechsel an eine anspruchsvollere Schulart vollziehen sich früh in der Schullaufbahn: Fast jeder zweite Schulaufsteiger (7039 Schüler) wechselt nach der 5. Klasse von der Haupt-/Mittel- oder der Realschule auf eine höhere Schulart – wobei in Bayern, anders als in den meisten anderen Ländern mit dreigliedrigem System, der direkte Sprung von der Hauptschule ans Gymnasium möglich ist. Die hohe Zahl der Aufstiege in dieser frühen Phase führt Bellenberg auf den „restriktiven Übergang von der Grundschule auf die weiterführenden Schulen“ zurück. Hatte das Kind nach der 4. Klasse keine Empfehlung für Realschule oder Gymnasium, wird dies nach der fünften durch die Eltern revidiert: Eine große Gruppe von Eltern nutze „die deutlich weniger restriktiven Möglichkeiten des Schulformwechsels nach der Klasse 5, um von der Realschule oder Hauptschule zum Gymnasium oder von der Hauptschule zur Realschule zu wechseln.“ Interessanterweise kommen innerhalb der kleinen Gruppe von rund 1000 Aufsteigern ans Gymnasium drei Viertel von der Hauptschule.


Trotz großer Selektion hohe Chancengleichheit?


Auf eines weisen die Macher der Studie besonders hin: Der Aufstieg ist in Bayern meist durch ein Wiederholungsjahr „erkauft“. Dies seien jedoch nicht unbedingt Pflichtwiederholungen, sagt Ludwig Unger, Sprecher des Kultusministeriums. Wer nach der fünften Klasse von der Mittelschule in die sechste Klasse des Gymnasiums wechseln will, muss eine Aufnahmeprüfung ablegen. Wird die 5. Klasse wiederholt,  reicht ein Notenschnitt von 2,0 in Mathe und Deutsch für den Schulartwechsel aus.
Um von der Mittelschule zur Realschule zu wechseln, braucht es  nur den Notenschnitt 2,0, dennoch hat im untersuchten Schuljahr rund die Hälfte der Schüler wiederholt. Dies habe sich in der Zwischenzeit geändert, sagt Unger: Statt 6000 Wiederholer habe es zum laufenden Schuljahr nur noch 3400 gegeben. Das liege daran, dass zum Schuljahr 2011/12 mehr Kinder direkt nach der 4. Klasse an die Realschule wechselten, so Unger. Über die Gründe könne man nur spekulieren: Vielleicht lag es am räumlichen Ausbau des Realschulnetzes, vielleicht an der Aussicht auf zusätzliche Förderstunden.
Zur hohen Wiederholerquote meint Bellenberg: „Ich würde prüfen, ob das notwendig ist. Schließlich ist das Lebenszeit. Es kann aber sein, dass es gute Gründe dafür gibt.“ Zweifel habe sie an der Aussagekraft der Grundschule für einen Wechsel: „Grundschullehrer können nur über Vergangenes etwas sagen. Wie das Kind in der neuen Umgebung zurechtkommt, wissen sie nicht“, so Bellenberg. Eltern hingegen wüssten zumindest, welche Unterstützungsleistungen sie für ihr Kind erbringen könnten.
Die Expertin glaubt auch, dass oft nicht genug getan werde, um die Schüler in der höheren Schulart halten zu können. Abstiege kommen in Bayern vor allem nach der Orientierungsstufe und vor Ende der Sekundarstufe vor. Lässt man die „Umgehungsaufsteiger“ nach Klasse 5 weg, übersteigt die Zahl der Absteiger die der Aufsteiger bei Weitem.
Bayerns Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU) sieht sich durch die Studie dennoch bestätigt: „Bayern hat die Förderung der Kinder und Jugendlichen an den weiterführenden Schulen und die Durchlässigkeit stark erhöht.“ Seit dem Schuljahr 2009/10 seien von Jahr zu Jahr zusätzliche Förderstunden – zunächst für Klasse 5, dann für Klasse 6 – zur Verfügung gestellt worden, so sein Sprecher Unger. Damit werde bei vielen Schülern ein Schulformwechsel nach oben begünstigt, ein Abstieg verhindert.  Am so genannten „Grundschulabitur“, mit dem in Bayern aussortiert wird, wer aufs Gymnasium darf, werde man festhalten – und beruft sich auf Erziehungswissenschaftler, die die Aufteilung der Schüler nach Begabungen in einem gewissen Alter für richtig halten. „Wenn es in Bayern gelingt, in einem differenzierten Schulwesen überdurchschnittliche Leistungen zu erreichen, kann das nicht falsch sein“, so Unger. Und schließlich könne man ja später noch wechseln.
„Die Studie beweist: Das bayerische Schulsystem ist hoch selektiv“, klagt hingegen Martin Güll, bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Der Elternwille zähle beim Übergang nicht, das müsse nach dem Vorbild Baden-Württembergs geändert werden. Güll fordert zudem, neben den traditionellen Schulformen die Gemeinschaftsschule einzuführen. Auch die Grünen fühlen sich durch die Studie in ihrer Auffassung bestätigt, der Übertritt nach Klasse 4 komme für viele Kinder zu früh. Auch der Bayerische Elternverband fordert mehr Mitsprache der Eltern bei der Wahl der weiterführenden Schule. (Anke Sauter)

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