Politik

Internet? Viele Ältere blicken da nicht durch, und zwar nicht nur deshalb, weil sie schlecht sehen. (Foto: dpa)

03.11.2017

Aus Angst lieber offline

Die Hälfte der Senioren ist nicht im Internet – Experten warnen vor einer digitalen Exklusion

Handytickets, Onlineshopping und Kommunikation via Messengerdienst – die Digitalisierung kann das Leben sehr erleichtern. Doch was viele vergessen: Rund zehn Millionen Deutsche sind offline. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) fühlt sich jeder Zweite über 60-Jährige von der Komplexität des Internets überfordert oder sieht keinen Nutzen darin. Bei den über 65-Jährigen sind es sogar zwei Drittel.

Dabei müssen Senioren ohne Internetzugang für ihre Erledigungen immer größere Umwege in Kauf nehmen. Allein in Bayern ist die Zahl der Sparkassen im Vergleich zu 2011 um über 400 auf 2035 Geschäftsstellen gesunken. Nicht besser sieht es bei den Apotheken oder Einzelhändlern aus. Die Anzahl der Postfilialen ist zwar fast konstant geblieben, eine Zustellung zum Nachbarn kann aber nur online beauftragt werden. Hinzu kommt: Online sind Produkte in der Regel günstiger. Fahrkarten etwa kosten am Bahnschalter mehr als im Internet. „Personen, die nicht internet-affin sind, werden auf diese Weise diskriminiert“, sagt der bayerische Senioren-Unions-Chef Thomas Goppel (CSU) der Staatszeitung und fordert Doppelstrukturen: online und offline.

Franz Wölfl von der bayerischen Landesseniorenvertretung sieht Kommunen und Staatsregierung in der Pflicht. „Sie müssen ihre Anstrengungen, ältere Menschen zur kompetenten Nutzung digitaler Technik zu befähigen, spürbar verstärken“, fordert er. Dazu müsse beispielsweise das seniorenpolitische Konzept des Sozialministeriums um die digitale Inklusion erweitert werden. Darin ist das Thema bislang nur in einem kurzen Absatz erwähnt.

Bayern plant staatliche Computerkurse für Senioren

Zusätzlich verlangt Wölfl, ältere Menschen bei der Entwicklung technischer Geräte stärker einzubinden und staatlich finanzierte Computer-Kurse für Senioren anzubieten.

Im Rahmen des sogenannten Masterplans „Bayern Digital II“ will Sozialministerin Emilia Müller jetzt die digitale Bildung stärken. „Auch wenn der Anteil der älteren Menschen bei der Nutzung stark zunimmt, müssen wir alle im Blick behalten, die nicht online sind“, heißt es aus dem Ministerium. Wie viel Geld in die Schulung von Senioren investiert werden soll, ist aber noch offen. Geplant sind derzeit Kurse in allen 90 staatlichen Mehrgenerationenhäusern. Erstaunlich: Wie viele Schulungsangebote es aktuell in Bayern gibt, ist der Staatsregierung nicht bekannt.

So verwundert es nicht, dass derzeit Verbraucherzentralen häufig erster Ansprechpartner bei Problemen sind. Wenn Beraterin Julia Zirfas kontaktiert wird, ist es allerdings meist schon zu spät. „Die Generation über 60 hat zwar Informationen zu unterschiedlichsten digitalen Themen, sie kann diese aber nicht einordnen, verstehen oder anwenden“, erklärt Zirfas. Folglich spezialisierten sich Kriminelle gezielt auf Senioren. Bei der so genannten Routenplaner-Abzocke tappen ältere Menschen beispielsweise bei einer Fahrwegrecherche oft in eine 500 Euro teure Abofalle – weil sie das Kleingedruckte nicht lesen. In Hessen gibt es zur Prävention jetzt den Senior-Surfer-Stammtisch der Verbraucherzentrale. Ein solches Angebot wünscht sich die Grünen-Landtagsfraktion auch für Bayern.

Zusätzlich sollen ältere Menschen direkt vor Ort an die Technik herangeführt werden. „Bisher unterstützt aber nur ein Bruchteil der bayerischen Kommunen ihre Senioren“, kritisiert die Grünen-Landtagsabgeordnete Kerstin Celina. Allerdings müsse auch die Wirtschaft attraktivere Angebote für Senioren bereitstellen. Doris Rauscher (SPD) mahnt, den Digitalpakt zu erweitern, der vor allem Schüler und Unternehmen im Blick hat. „Senioren werden links liegen gelassen“, schimpft sie.

Hans Jürgen Fahn (Freie Wähler) will mehr Breitbandanschlüsse. „Denn am Willen im Umgang mit dem Internet mangelt es den Senioren in aller Regel nicht.“ Tatsächlich zeigt die DIVSI-Studie: Wenn Älteren ein Tablet zur Verfügung gestellt wird, nutzen sie es auch. Am größten war der Effekt übrigens bei Videospielen: Beliebt sind dabei Quizze, Kreuzworträtsel oder Stadt-Land-Fluss. „Man muss ja geistig fit bleiben“, erklärte eine Studienteilnehmerin. Sie war 90 Jahre alt. (David Lohmann)

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Kommentare (1)

  1. otto regensbacher am 03.11.2017
    Auch mit 60 Jahren und älter kann man es noch schaffen, sich mit einem PC zu beschäftigen. Schulungen für Senioren sind die eine Seite der Heranführung an die Problematik und Learning by Doing oft die bessere Lösung. Natürlich ist aller Anfang schwer. Aber wer Interesse hat, kommt auch im fortgeschrittenen Alter mit dieser "modernen Technik" noch zurecht. Und wenn man Söhne oder Töchter hat, die in der Anfangszeit
    helfend zur Seite stehen, dann klappt es auch!

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